З життя
Das Muttermal, das die Hochzeit meines Bruders zerstörte
Ich heiße Karolin Wendt, bin vierunddreißig und wohne in Leipzig, zwei Straßen von meinem Zwillingsbruder Markus entfernt. Als ich mich bereit erklärte, für ihn und seine Frau Leihmutter zu werden, wurde im Nachbarhaus gerade der Teppich nach dem Streichen der Wände gelüftet – ich erinnere mich an diesen Geruch von Ölfarbe, weil er mir jedes Mal in die Nase stieg, wenn ich zum Abendessen zu ihnen ging und am Treppenhaus der Nachbarn vorbeikam.
Markus war seit unserer Kindheit der Mensch, der mir am nächsten stand. Er saß bei mir auf dem Krankenhausflur, als ich meinen Sohn Anton zur Welt brachte, und er weinte lauter als ich, als der Arzt „ein Junge" sagte. Als seine Frau Nele die Diagnose bekam – dass sie nach zwei Fehlgeburten keine Schwangerschaft würde austragen können –, verließ Markus eine Woche lang kaum die Werkstatt, in der er alte Golfs für den Weiterverkauf instand setzte. Ich fragte ihn damals geradeheraus, ob ich ihnen ein Kind austragen solle. Er musste nicht lange überlegen.
Die Ultraschalluntersuchung zeigte in der zwölften Woche ein Mädchen. Nele weinte im Sprechzimmer, und abends brachte sie mir einen Karton mit rosa Bodys aus einer Kette in der Innenstadt vorbei. Markus strich das Kinderzimmer lachsfarben, weil „Rosa zu abgedroschen" sei, und rief mich in den folgenden Monaten jeden Abend um neun an, um zu fragen, ob die Tochter trete. Im sechsten Monat hatten sie schon einen Namen – Frieda. Sie redeten über nichts anderes mehr.
Die Geburt fand Mitte März im Klinikum an der Delitzscher Straße statt, zwei Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag. Nele stürmte mit dem Handy in der Hand in den Aufwachraum, um das erste Foto der Tochter zu machen – der Akku zeigte gerade noch zwei Prozent, das weiß ich noch, weil sie sich darüber mehr aufregte als über alles andere. Markus nahm das Mädchen vorsichtig auf den Arm, als trüge er einen Teller voll Suppe. Er sah es sich einige Sekunden lang an. Dann wurde sein Gesicht kreidebleich, und seine Hände zitterten so stark, dass die Krankenschwester instinktiv die Arme ausstreckte, um das Kind aufzufangen, falls etwas passieren sollte.
Er gab mir Frieda zurück, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.
„Tut mir leid", sagte er leise. „Ich kann sie nicht mit nach Hause nehmen."
Ich dachte erst, er scherze, und noch dazu geschmacklos.
„Markus, das ist deine Tochter."
Er wich einen Schritt zurück, bis er mit dem Rücken an der Fensterbank lehnte.
„Nein. Sie kommt nicht mit uns."
Nele ließ das Handy auf den Boden fallen.
„Was redest du da überhaupt?!"
Markus schluckte, den Blick weiter auf das Kind gerichtet, als hätte er etwas gesehen, das er nicht benennen konnte. Er zeigte mit dem Finger auf den Rücken des Mädchens.
„Dreh sie um."
Ich schlug die Decke zurück. In dem Moment, als Nele dasselbe sah wie Markus, schrie sie so laut, dass draußen eine Stationshilfe mit dem Medikamentenwagen stehen blieb.
Auf Friedas Rücken, direkt unter dem Schulterblatt, war ein Muttermal von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks zu sehen – dunkelbraun, mit einem unregelmäßigen Rand in Form eines S. Markus sank auf einen Stuhl.
„Mein Vater hatte genau so eins. An genau derselben Stelle."
Das allein wäre kein Grund zur Beunruhigung gewesen – wenn man nicht wusste, was Markus wusste und mir nie zuvor erzählt hatte: dass unser Vater, bevor er starb, als wir elf waren, einen Zwillingsbruder gehabt hatte, der als Säugling an einem Herzfehler gestorben war. Und dass dieses Muttermal – eine seltene Variante, von der uns die Großmutter einmal als „Familienzeichen" erzählt hatte – in unserer Familie ausschließlich bei Kindern auftrat, die väterlicherseits verwandt waren. Markus hatte es. Ich nicht. Anton, mein Sohn, auch nicht.
Und laut den Unterlagen der Kinderwunschklinik in der Karl-Liebknecht-Straße, zu der Markus und Nele gegangen waren, war der Embryo aus einer Eizelle von Nele und dem Samen eines anonymen Spenders entstanden – weil Markus, wie Nele behauptet hatte, nach einer in der Jugend durchgemachten Hodenentzündung eine zu geringe Spermienzahl gehabt habe.
Markus sah seine Frau an.
„Nele. Woher kommt dieses Muttermal, wenn der Spender nichts mit mir zu tun hatte?"
Nele schwieg, den Blick auf den Boden gerichtet, und ihre Finger krallten sich so fest in die Krankenhausdecke, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Sag etwas", wiederholte Markus, diesmal nicht mehr flüsternd.
Da gestand sie. Vor drei Jahren, als der erste Versuch mit künstlicher Befruchtung fehlgeschlagen war und Markus für zwei Wochen zu einem Auftrag nach Österreich gefahren war, hatte Nele sich mit seinem Cousin Jonas getroffen – dem Sohn von Markus' Onkel väterlicherseits, über den man in der Familie seit einem Streit um das Erbe der Großmutter nicht mehr sprach. Das war keine zufällige Nacht gewesen. Es war eine Entscheidung: Nele, aus Angst, Markus könne tatsächlich keine Kinder zeugen, hatte Jonas um einen „Gefallen" gebeten und dann die Klinik betrogen, indem sie sein Sperma als Material eines anonymen Spenders ausgab – mithilfe einer Bekanntschaft mit einer Krankenschwester am Empfang. Sie hatte gewollt, dass das Kind, falls die Wahrheit je herauskäme, „so gut wie" biologisch mit Markus' Familie verwandt sei – und gleichzeitig war sie sich sicher gewesen, schwanger zu werden, weil Jonas bereits eine Tochter aus einer früheren Beziehung hatte.
Markus schrie nicht. Er stand auf, ging zum Fenster, in dem sich die Lichter des Parkplatzes spiegelten, und stand dort eine ganze Weile mit dem Rücken zu uns, bis er schließlich einen einzigen Satz sagte:
„Geh. Jetzt."
Nele verließ das Krankenhaus noch am selben Abend und ließ im Spind eine Tasche mit Babykleidung zurück, die sie nie abholte.
In den folgenden drei Wochen sprach Markus mit niemandem, auch nicht mit mir. Er wohnte bei unserer Mutter, ging zur Arbeit, kam zurück, schwieg. Und ich blieb mit Frieda – denn jemand musste das Kind alle drei Stunden füttern, und Markus konnte sie noch nicht ansehen, ohne dass seine Hände zitterten.
Die Wende kam im April, an einem Sonntagnachmittag, als ich Frieda zum Mittagessen zu unserer Mutter brachte und Markus gerade auf der Veranda saß und Äpfel für einen Kuchen schälte – ohne wirklichen Grund, nur um die Hände zu beschäftigen. Ich reichte ihm das Mädchen, ohne zu fragen. Er hielt sie vielleicht eine halbe Minute, bevor er leise sagte:
„Sie kann nichts dafür."
Seit diesem Sonntag kam er jeden Tag vorbei.
Das Verfahren beim Familiengericht dauerte acht Monate. Der DNA-Test bestätigte, dass Jonas der biologische Vater von Frieda war – der, damit konfrontiert, alles gestand und sich zu Unterhaltszahlungen in Höhe von vierhundertfünfzig Euro monatlich bereit erklärte, ohne Anspruch auf Umgang zu erheben. Markus beantragte keine rechtliche Vaterschaft für ein Kind, das nicht sein leibliches war – stattdessen stellte er einen Antrag auf vollständige Adoption, zunächst als Pflegevater über mich während des laufenden Verfahrens, und nachdem das Gericht die Scheidung von Nele ohne Schuldspruch bestätigt hatte, adoptierte er Frieda als alleinstehender Vater. Er unterschrieb die Unterlagen am zweiten Dienstag im November im Amtsgericht Leipzig, während Frieda in der Trage auf seiner Brust schlief.
Nele zog zu ihrer Schwester nach Dresden. Sie ruft manchmal an, alle zwei, drei Monate, und fragt nach Fotos. Markus schickt sie – ohne Kommentar, ohne Groll, einfach als Information.
Heute ist Frieda achtzehn Monate alt, sagt „Papa" und „Tante" und rennt durch meine Wohnung hinter Anton her, der einen Bären spielt. Das Muttermal auf ihrem Rücken wundert inzwischen niemanden mehr – Markus zeigt es manchmal Gästen, hält seines direkt daneben, an genau derselben Stelle, und sagt nur: „Familiensache." Die Adoptionsunterlagen bewahrt er in einem Ordner in der zweiten Schublade seines Schreibtisches auf, neben dem Eigentumsnachweis der Werkstatt, die er Frieda testamentarisch übertragen hat, am selben Tag, an dem das Gericht sein Urteil verkündete.
