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Der Aktenordner auf dem Nachttisch von Zimmer 214

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Ich arbeite seit sieben Jahren als Nachtschwester auf der kardiologischen Station des Klinikums in Regensburg, und man glaubt gar nicht, wie viel man über fremde Familien erfährt, wenn man nachts um drei Uhr Blutdruck misst. Die Leute reden dann anders als tagsüber. Vielleicht liegt es am Licht, vielleicht daran, dass sie denken, niemand hört richtig zu.

Herr Brandtner kam an einem Dienstag im März mit Vorhofflimmern. Zweiundsiebzig Jahre alt, Inhaber einer kleinen Autowerkstatt draußen in Burgweinting, die er vor über dreißig Jahren aufgebaut hatte. Er roch immer leicht nach Motoröl, selbst im Krankenhausbett, selbst nach der Dusche — so einer Geruch setzt sich wohl in der Haut fest. Auf dem kleinen Fernseher in seinem Zimmer lief fast nur der Wetterkanal, weil er, wie er sagte, wissen wollte, ob es morgen für die Kollegen in der Werkstatt regnet.

Am dritten Tag kam seine Tochter Katharina zu Besuch. Sie ist Physiotherapeutin, Mitte vierzig, wohnt seit ihrer Scheidung wieder in der Nähe, um näher bei ihrem Vater zu sein. Ich hatte gerade Schichtwechsel und wollte eigentlich längst zu Hause sein — mein Sohn hatte Fußballtraining, und ich hatte versprochen, ihn abzuholen —, aber ich blieb noch zehn Minuten in der Tür stehen, weil das Gespräch zwischen den beiden so laut wurde, dass ich hörte, wie ihre Stimmen durch den Flur trugen.

Es ging um die Werkstatt. Genauer: um Herrn Brandtners zweite Frau, Sabine, mit der er seit elf Jahren verheiratet war. Katharina hatte erfahren, dass ihr Vater die Werkstatt — sein Lebenswerk, das er einmal gemeinsam mit Katharinas verstorbener Mutter angefangen hatte — vor zwei Jahren still und leise auf Sabines Namen hatte umschreiben lassen. Zweihunderttausend Euro Wert, ungefähr, so stand es später in den Unterlagen, die ich zufällig auf dem Nachttisch liegen sah, als ich am Morgen die Infusion wechselte.

"Warum hast du mir das nicht gesagt?", fragte Katharina, und ihre Stimme klang nicht wütend, eher fassungslos, wie jemand, der eine Rechnung nicht aufgehen sieht.

"Sabine hat sich um mich gekümmert, als du in München warst mit deinem Mann", sagte er. Kein Vorwurf, nur eine nüchterne Feststellung. "Sie war da, als ich den ersten Infarkt hatte."

Ich weiß, was in solchen Momenten mit Familien passiert, weil ich es zu oft sehe: Jemand liegt im Bett, an Schläuche angeschlossen, und alte Rechnungen werden aufgemacht, während der Monitor piept. Ich schob die Tür weiter zu und ging — meine Schicht war vorbei, und es war nicht meine Sache.

In den folgenden Tagen kam Sabine regelmäßig, meist am Nachmittag, mit Tupperdosen voll Kartoffelsuppe, die sie eigens für ihn kochte, weil das Kantinenessen ihm nicht schmeckte. Sie war eine drahtige Frau um die sechzig, trug immer denselben grauen Wollmantel, und wenn sie ging, blieb ein Hauch von Lavendel im Zimmer zurück. Katharina und sie sprachen kaum miteinander, wechselten sich eher ab wie im Schichtdienst.

Die Entlassung war für einen Freitag geplant. Am Donnerstagabend, bei der letzten Kontrolle, fand ich Katharina allein im Zimmer, ihr Vater war zur Röntgenkontrolle unten. Sie saß auf dem Besucherstuhl und hatte einen beigen Aktenordner auf dem Schoß, den Deckel mit einem Klebestreifen beschriftet: "Werkstatt — Unterlagen". Sie blätterte nicht darin, hielt ihn nur fest, wie man manchmal Dinge festhält, die man noch nicht bereit ist zu lesen.

"Ihr Vater schläft heute gut", sagte ich, nur um etwas zu sagen.

Sie schaute auf. "Wissen Sie, das Verrückte ist — ich will die Werkstatt gar nicht. Ich habe meinen Beruf, ich habe genug. Aber dass er es getan hat, ohne ein Wort zu mir zu sagen, als hätte ich kein Recht, es zu wissen." Sie strich mit dem Daumen über die Kante des Ordners. "Das ist der Teil, der wehtut."

Ich hatte keine Antwort darauf, und es stand mir auch nicht zu, eine zu geben. Ich prüfte nur seinen freien Bettplatz, tauschte das Wasserglas und ging weiter zu Zimmer 216.

Am Freitagmorgen, kurz bevor die Entlassungspapiere unterschrieben wurden, kam Sabine früher als sonst, noch vor acht, mit nassen Haaren, als sei sie direkt unter der Dusche weggerannt. Ich stand am Stationszimmer und sah durch die Glastür, wie sie mit Herrn Brandtner sprach, während Katharina im Flur mit dem Arzt die Nachsorge besprach.

Was genau in diesem Zimmer gesagt wurde, weiß ich nicht — ich hatte gerade einen anderen Patienten zu versorgen und war nur für Sekunden am Fenster vorbei. Aber als ich zehn Minuten später mit dem Entlassungswagen zurückkam, saß Herr Brandtner aufrecht im Bett, den Aktenordner offen vor sich, und Sabine stand am Fenster mit verschränkten Armen, das Gesicht zur Regensburger Skyline gewandt, die man von dort oben, im vierten Stock, ziemlich gut sieht.

Katharina kam herein, noch mit dem Klemmbrett der Entlassungspapiere in der Hand. Ihr Vater sah sie an.

"Ich habe gestern Abend mit dem Notar telefoniert", sagte er. Seine Stimme war rau, aber fest. "Die Übertragung von vor zwei Jahren war nicht rechtens vorbereitet — dein Onkel hat mir das damals eingeredet, wegen der Erbschaftssteuer, aber es war nie richtig mit dir besprochen. Ich lasse es rückgängig machen. Die Werkstatt gehört wieder zur Erbmasse, so wie es deine Mutter gewollt hätte."

Sabine drehte sich vom Fenster weg. Ihr Gesicht war ruhig, fast erwartungsvoll — offenbar hatten die beiden das schon in aller Frühe besprochen, bevor überhaupt jemand von uns die Station betreten hatte.

"Ich habe nie um die Werkstatt gebeten", sagte sie leise. "Ich wollte nur, dass er sich sicher fühlt, falls ihm etwas zustößt."

Katharina stand mit dem Klemmbrett in der Hand, und ich sah, wie sich ihre Finger um die Metallkante spannten und wieder lösten. "Das hättet ihr mir einfach sagen können", war alles, was sie sagte.

Herr Brandtner nickte — das eine der beiden erlaubten Worte, das ich mir hier gönne, weil es wirklich das war, was er tat, nichts sonst passt. Dann griff er nach dem Telefon auf dem Nachttisch, wählte eine Nummer, die er offenbar auswendig kannte, und sagte: "Herr Doktor Meissner, guten Morgen. Ich möchte den Termin für nächste Woche bestätigen, wegen der Rückübertragung."

Ich hatte den Entlassungswagen längst am Bett stehen, aber ich wartete noch einen Moment, bevor ich die Blutdruckmanschette abnahm, weil ich sehen wollte, wie Katharina reagierte. Sie setzte sich auf die Bettkante, neben ihren Vater, und legte die Hand auf den Aktenordner, nicht um ihn wegzunehmen, sondern einfach so, als wolle sie prüfen, dass er wirklich da war und real.

Um halb neun war ich mit der letzten Kontrolle fertig, unterschrieb die Entlassungspapiere gegen und schob den Wagen zurück zum Stationszimmer. Als ich am Fenster des Flurs vorbeikam, sah ich die drei zusammen zum Aufzug gehen — Herr Brandtner in seiner alten Cordjacke, die er extra hatte bringen lassen, Sabine mit seiner Reisetasche über der Schulter, Katharina einen Schritt dahinter, den beigen Ordner unter dem Arm.

Meine Schicht war zu Ende. Ich holte meine Jacke aus dem Spind, checkte auf dem Handy, ob mein Sohn schon vom Training zu Hause war, und ging zur Straßenbahnhaltestelle vor dem Klinikum, wo an diesem Morgen noch der Nebel über der Donau hing. Was aus der Sache mit dem Notar geworden ist, habe ich nie erfahren — Patienten kommen und gehen, und man sieht die meisten nie wieder. Aber an den Ordner unter Katharinas Arm, wie sie ihn festhielt, während die Aufzugtüren sich schlossen, erinnere ich mich noch heute.

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