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Der Werkzeugmacher vom Dachboden in Papenburg
Die alte Gerda Brauer aus Papenburg hat ihr Geheimnis dreiundvierzig Jahre lang gehütet, und sie hat es niemandem erzählt, bis ihr Enkel eines Tages auf dem Dachboden eine Kiste mit deutschen Uniformknöpfen fand. Nicht aus Geldgier hat sie geschwiegen. Nicht aus Angst allein. Sondern weil sie einen Mann liebte, für den es in ihrem Land keinen Platz geben durfte.
Diese Geschichte klingt, als hätte sie sich jemand für einen Film ausgedacht. Aber sie passierte wirklich, in einem kleinen Ort im Emsland, zwischen Moor und Kanälen, wo man sich eigentlich gegenseitig kennt.
1944 wird der junge Unteroffizier Johann Reimers nach einer Verwundung in ein Feldlazarett bei Meppen gebracht. Die Kugel hatte seine Schulter durchschlagen, und während die Schwestern den Verband wechseln, sitzt er auf der Bettkante und schnitzt mit einem kleinen Taschenmesser an einem Stück Kiefernholz, das er von einer zerschossenen Munitionskiste abgesägt hat.
"Was wird das?", fragt Gerda, die gerade den Suppentopf durch die Reihe der Betten schiebt. Achtzehn Jahre ist sie alt, arbeitet seit einem Jahr als Küchenhilfe im Lazarett, und noch nie hat einer der Soldaten sie etwas über Holz gefragt.
"Ein Vogel", sagt Johann. "Vielleicht. Das Maserband will aber nicht geradeaus, also wird er wohl schief fliegen." Er hält ihr das halbfertige Stück hin. Die Maserung läuft tatsächlich quer, wie eine kleine Welle. "Kiefer ist eigentlich zu weich für Figuren. Birnbaum wäre besser. Aber Birnbaum kriegt man hier nicht."
Gerda nimmt den Vogel in die Hand, fährt mit dem Daumen über die raue Stelle, wo das Messer abgerutscht ist. "Mein Vater hat eine alte Werkbank im Schuppen stehen. Die rührt keiner mehr an."
"Vor dem Krieg habe ich in einer Tischlerei in Lübeck gearbeitet", sagt er. "Ich wollte eine eigene Werkstatt. Kleine Möbel, Kommoden, so was."
Von diesem Tag an bringt Gerda ihm jeden Mittag die Suppe selbst, bleibt ein paar Minuten länger stehen als nötig. Er erzählt ihr von Eichenmaserung und von Leinölfirnis, von einem Schrank, den er einmal für eine Lübecker Kaufmannsfamilie gebaut hat, mit geschnitzten Ranken an den Türen. Sie merkt, wie die Wochen im Lazarett plötzlich zu kurz werden, wie sie nachts an der Decke ihrer Dachkammer liegt und sich fragt, ob ein Schrank mit Ranken wohl so aussehen würde, wie er es beschreibt.
Dann kommt der Winter 1944/45, und mit ihm die Front. Die Alliierten rücken vor, die Wehrmacht zieht sich zurück, und Johanns Einheit soll weiter nach Osten verlegt werden. In der Nacht vor dem Abmarsch steht er hinter dem Lazarettschuppen, wo Gerda die Milchkannen ausspült, und sagt leise: "Ich geh nicht mit."
"Das ist Fahnenflucht", sagt sie, und ihre Hände halten mitten in der Bewegung an, die Kanne noch halb unter dem Wasserstrahl. "Wenn sie dich kriegen —"
"Ich hab gesehen, was an der Front passiert. Ganze Kompanien, die nach drei Tagen nicht mehr existieren." Er schaut nicht sie an, sondern auf seine Hände. "Ich will nicht als Nummer in irgendeinem Bericht enden."
Sie stellt die Kanne ab. Das Wasser läuft noch eine Weile aus dem Hahn, bevor sie ihn zudreht. "Mein Vater hat auf dem Dachboden eine Wand gebaut. Für Tabak, den er früher geschmuggelt hat. Da ist Platz für einen Menschen, wenn er sich klein macht."
In dieser Nacht führt sie Johann über die Felder zum Hof ihrer Eltern, beide barfuß, die Schuhe in der Hand, weil das Leder auf dem gefrorenen Boden zu laut knirscht. Ihr Vater steht schon in der Scheunentür, als sie ankommen, eine Petroleumlampe in der Hand, und sagt kein Wort, bis Johann hinter der losen Bretterwand verschwunden ist. Dann sagt er nur: "Wenn dich jemand fragt, hast du heute Nacht geschlafen wie jede andere Nacht."
Die ersten Monate kommt Johann kaum herunter. Er presst sich gegen das kalte Holz, zählt die Dielenbretter über sich, lernt am Knarren zu unterscheiden, ob es die Mutter ist, die zum Hühnerstall geht, oder ein Fremder. Als die britischen Truppen im April 1945 durch Papenburg ziehen, sitzt er stundenlang im Dunkeln, die Knie an die Brust gezogen, und hört, wie unten im Hof ein Jeep-Motor läuft und englische Stimmen etwas rufen, das er nicht versteht. Gerda steht derweil an der Scheunentür und redet mit einem Soldaten über Eier, bis ihre Stimme zu zittern beginnt und sie sich zwingt, langsamer zu sprechen.
Im Herbst desselben Jahres kommt die Militärpolizei ins Dorf, fahndet nach versprengten Soldaten und Deserteuren, klopft Haus für Haus die Scheunen ab. Als zwei Männer in Uniform über den Hof gehen, steckt Gerdas Mutter Johann unters Heu, häuft es über ihn, bis man nur noch einen Berg Stroh sieht, und schiebt dann eine Schubkarre mit frischem Kuhmist mitten davor. Der Gestank ist so stark, dass einer der Männer die Nase verzieht und gar nicht erst näher tritt. "Nichts hier außer Dreck", sagt er zum anderen, und sie gehen weiter zum nächsten Hof. Unter dem Heu presst Johann die Hand auf den eigenen Mund, bis die Schritte im Hof verklungen sind.
Mit der Zeit wird aus dem Versteck ein Leben, das sich nach seinen eigenen Regeln einrichtet. Johann lernt, in der Dunkelheit zu arbeiten, ein Talglicht so weit abgeschirmt, dass kein Streifen durch die Bretterritzen fällt. Gerda bringt ihm kaputte Uhren und kleine Maschinen aus dem Dorf, und er reicht sie reparaert zurück, eine Taschenuhr für zwei Reichsmark, später für fünfzig Pfennig. Mit einem alten Stechbeitel, das einmal ihrem Vater gehört hat, schnitzt er Figuren, kleine Pferde, Enten, einen Fuchs mit spitzen Ohren, die Gerda sonntags auf dem Markt in Papenburg unter ihrem eigenen Namen verkauft. "Selbstgemacht", sagt sie dann, und das stimmt ja auch, nur eben nicht von ihr.
Als 1951 das Nachbarhaus abbrennt, zeichnet Johann nachts bei Kerzenlicht die Pläne für den neuen Dachstuhl auf Packpapier, misst Winkel nach, die er sich von Gerda erklären lässt, die tagsüber heimlich am Baugerüst steht und sich die Maße des Hauses merkt. Der Zimmermann aus dem Dorf übernimmt die Zeichnung am nächsten Morgen, kratzt sich am Kopf über die präzisen Maße, fragt aber nicht, wer sie angefertigt hat, weil Gerdas Vater sagt, ein Vetter aus Lingen habe sie geschickt.
Dieser Vetter wird, zumindest auf dem Papier, zu Johanns neuem Namen. Ein entfernter Cousin der Familie, Heinrich Lohmann, ist 1943 bei Kursk gefallen, seine Papiere liegen seit Kriegsende unbeachtet beim Einwohnermeldeamt in Lingen. 1947 holt Gerdas Vater sie dort ab, unter dem Vorwand, die Familie wolle den Nachlass ordnen. Der Beamte, selbst ein Mann, der im Krieg zwei Söhne verloren hat, blättert kaum in den Papieren. "So viele sind verschwunden in diesen Jahren", sagt er nur und drückt den Stempel. Von diesem Tag an heißt Johann im Dorf Heinrich, ein kranker Verwandter, der bei den Brauers lebt und wegen einer Kriegsverletzung kaum unter Leute geht. Niemand fragt weiter, denn in jeder zweiten Familie im Emsland gibt es damals einen, der still in einer Kammer sitzt und nicht über den Krieg spricht.
1953 gehen Gerda und Heinrich zum Standesamt. Der Pastor, der die kirchliche Trauung vollzieht, kennt Heinrich nur als den stillen Vetter vom Brauer-Hof; die Zeugen sind Gerdas Bruder und eine Nachbarin, die beide glauben, genau das zu bezeugen, wonach es aussieht. Ihr Sohn Matthias kommt ein Jahr später zur Welt und wächst auf, ohne zu ahnen, dass sein Vater eigentlich Johann heißt und als Deserteur gesucht wurde.
Erst 1993, als Matthias fast vierzig ist, setzen sich die Eltern mit ihm an den Küchentisch, und Gerda holt die Kiste mit den Uniformknöpfen zum ersten Mal selbst herunter. Johann hat zu diesem Zeitpunkt schon länger unter falschem Namen gelebt als unter seinem eigenen.
1994 geht Johann selbst zum Standesamt in Papenburg. Fahnenflucht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gilt da längst als verjährt, und da sich keine Hinweise auf andere Straftaten finden, erlaubt man ihm, wieder unter seinem richtigen Namen geführt zu werden. Der Beamte, der die Unterlagen prüft, ist jünger als Johanns Sohn und kann sich das Ausmaß dieser fünfzig Jahre offenbar selbst kaum vorstellen; er stellt nur eine knappe Bescheinigung aus und wünscht "alles Gute".
Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren fährt Johann nach Lübeck. Die Straße, in der er aufgewachsen ist, gibt es noch, aber die Tischlerei, in der er gelernt hat, ist längst ein Textilgeschäft. In der Marienkirche, zwischen den Gedenktafeln für die Gefallenen der Gemeinde, findet er seinen eigenen Namen, in Messing gegossen, mit Geburts- und einem falschen Todesjahr. Er steht davor, die Finger auf den kalten Buchstaben, die seinen Namen formen, während hinter ihm Touristen vorbeigehen und Fotos von der Orgel machen. Eine entfernte Cousine, die er aufsucht, starrt ihn erst an, als hätte sie einen Geist vor sich, bevor sie ihn am Ärmel in die Küche zieht und Kaffee aufsetzt, die Hände dabei so zittrig, dass sie den Löffel zweimal fallen lässt.
Drei Tage bleibt Johann in Lübeck. Am vierten Tag steht er wieder vor der Gedenktafel, diesmal am frühen Morgen, als die Kirche noch leer ist, und er sieht seinen Namen zum zweiten Mal, im Licht, das durch die hohen Fenster fällt. Dann geht er zum Bahnhof und kauft eine Fahrkarte zurück nach Papenburg.
Gerda steht im Garten, als er den Weg heraufkommt, eine Schüssel mit Bohnen in der Hand, die sie gerade abgezupft hat. Sie sagt nichts, er sagt nichts. Er nimmt ihr die Schüssel aus der Hand, stellt sie auf die Gartenbank, und dann stehen sie beide eine Weile so da, bevor sie gemeinsam ins Haus gehen. In diesem Haus, in dem er Jahrzehnte gelebt hatte, ohne laut sprechen zu dürfen, bleibt er bis zu seinem Tod im Jahr 2001. Dort wird er auch begraben, auf dem kleinen Friedhof am Ortsrand, unter seinem wahren Namen.
Gerda selbst stirbt 2009, mit dreiundachtzig Jahren. Als ihr Enkel Tobias, Matthias' Sohn, das Haus nach ihrem Tod ausräumt, findet er auf dem Dachboden, hinter der immer noch losen Bretterwand, die Kiste mit den Uniformknöpfen, ein vergilbtes Soldbuch und einen Ordner mit Papieren: eine notariell berichtigte Geburtsurkunde von 1994, in der der Name Heinrich Lohmann durchgestrichen und Johann Reimers eingetragen ist, ein notariell beglaubigtes Testament aus dem Jahr 2007 und einen Brief an ihn selbst.
Im Testament hat Gerda das Haus, geschätzt rund hundertachtzigtausend Euro wert, der Gemeinde Papenburg für das Heimatmuseum vermacht. Tobias fährt mit dem Ordner zum Notar, lässt das Testament eröffnen und unterschreibt drei Monate nach der Beerdigung seiner Großmutter die Übergabe des Hauses.
Heute steht im Heimatmuseum Papenburg eine Vitrine mit dem alten Soldbuch von Johann Reimers und einer kleinen geschnitzten Holzfigur, einem Fuchs mit spitzen Ohren, den Tobias selbst aus der Kiste genommen und dort hingelegt hat.
