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Die Frau am Rand des Tanzparketts

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Es war der neunzehnte Februar, ein Donnerstagabend in Düsseldorf, und im Festsaal des Hotels Breidenbacher Hof roch es nach Kerzenwachs und Austern. Die Benefizgala der Stiftung „Neue Wege" fand zum zwölften Mal statt, und in diesem Jahr stand Jana Lindqvist im Mittelpunkt — eine ehemalige Eiskunstläuferin, die mit achtundzwanzig bei einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt geworden war und seitdem mit einer Stiftung Kindern aus einkommensschwachen Familien den Zugang zu Sport ermöglichte.

Seit drei Jahren saß Jana im Rollstuhl. Sie hatte gelernt, darüber hinwegzugehen, wenn Leute sie fragten, ob es ihr „besser" gehe. Es ging ihr nicht besser. Es ging ihr anders.

Als das Streichquartett einen Walzer anstimmte, bemerkte sie eine Frau am Eingang. Dünner Wintermantel, zerzaustes graues Haar, Schuhe, die nicht zum Anlass passten. Die Frau stand reglos und sah zur Tanzfläche, als würde sie etwas suchen, das sie vor langer Zeit verloren hatte.

Zwei Männer vom Sicherheitsdienst näherten sich ihr bereits.

„Warten Sie", rief Jana über den Saal.

Die Köpfe drehten sich zu ihr.

Sie fuhr mit dem Rollstuhl näher heran und sagte zu der Frau: „Möchten Sie mit mir tanzen?"

Ein Raunen ging durch den Saal.

Herr Dieter Brockmann, Hauptsponsor des Abends und Inhaber einer Kette von Autohäusern im Rheinland, stand auf, das Gesicht gerötet. „Sicherheit! Bringen Sie diese Frau sofort hinaus. Das ist eine Veranstaltung, keine Suppenküche."

Die Frau senkte den Kopf. „Verzeihung. Ich habe die Musik nur von draußen gehört."

„Ich will wissen, was passiert, wenn wir es trotzdem versuchen", sagte Jana.

Die Frau kam näher, langsamer, als müsste sie jeden Schritt prüfen. Vor Jana blieb sie stehen und musterte sie — nicht von oben, sondern auf Höhe der Knie, der Fußgelenke, wie man ein Pferd vor dem Kauf prüft.

„Bewegen Sie die rechte große Zehe für mich."

Jana zog die Augenbrauen hoch, versuchte es. Ein Zucken, kaum sichtbar, aber da.

„Und jetzt die linke."

Wieder ein Zucken.

„Wer sind Sie?", fragte Jana.

„Jemand, der dreißig Jahre lang nichts anderes gemacht hat, als auf genau solche Zuckungen zu starren." Die Frau legte eine Hand auf Janas Knie, drückte leicht gegen den Oberschenkelmuskel. „Ihre Ärzte haben Sie aufgegeben. Das heißt nicht, dass Ihr Körper aufgegeben hat."

Gelächter, Getuschel, ein Glas, das auf einem Tablett klirrte. Brockmann schnaubte. „Das ist doch absurd, Fräulein Lindqvist lässt sich von einer Fremden befühlen wie ein Schlachtrind."

Jana ignorierte ihn. „Was wollen Sie tun?"

„Ich will, dass Sie sich an meinen Armen hochziehen. Nicht dass ich Sie hochziehe — Sie ziehen sich hoch. Ich halte nur das Gleichgewicht."

Jana spürte, wie ihr die Kehle eng wurde, aber sie streckte die Hände aus.

Die Frau packte zu, fest, ohne Zärtlichkeit. „Jetzt. Drei, zwei, eins."

Jana zog sich hoch. Die Knie knickten sofort weg, ein greller Schmerz schoss ihr durch die Hüfte, und sie fiel zurück in den Rollstuhl, atemlos.

„Nochmal", sagte die Frau, als wäre nichts gewesen.

„Das tut weh."

„Gut. Schmerz heißt, es ist noch etwas da, das schmerzen kann." Die Frau griff wieder zu. „Drei, zwei, eins."

Zweiter Versuch. Diesmal hielten die Knie eine Sekunde länger, bevor sie wegknickten. Jana landete hart im Stuhl, schlug mit der Faust auf die Armlehne. „Ich kann das nicht."

„Sie haben es gerade zwei Sekunden lang gekonnt."

Beim dritten Versuch krallte sich Jana an den Unterarmen der Fremden fest, die Fingerknöchel weiß, und kam hoch — gebeugt, zitternd, das Gewicht fast vollständig auf den Armen der Frau, aber die Füße standen auf dem Parkett. Vier Sekunden. Fünf.

Der ganze Saal verstummte.

Dann knickten die Beine erneut weg, und diesmal fingen zwei Kellner den Rollstuhl rechtzeitig auf, bevor Jana zu Boden ging.

Sie saß wieder. Das Gesicht nass, die Schultern bebten, aber sie lachte zwischen den Tränen, ein hässliches, hohes Lachen. „Ich habe gestanden. Fünf Sekunden, aber ich habe gestanden."

Aus der Menge löste sich eine Frau in den Fünfzigern, drängte sich zwischen die Gäste: Frau Hedwig Ostermann, Janas Physiotherapeutin seit drei Jahren. Sie hatte eine Hand vor dem Mund, die andere krallte sich in den Stoff ihres Kleides.

„Das hat sie seit dem Unfall kein einziges Mal geschafft. Keine Sekunde."

Brockmann stand immer noch, der Blumenschmuck auf seinem Tisch vergessen, das Sektglas schief in der Hand. „Wie haben Sie das gemacht?"

„Gar nichts", sagte die Fremde. Sie zog einen abgegriffenen Ausweis aus der Manteltasche und hielt ihn hoch, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, dass er noch gültig war. Renate Vollbrecht, Physiotherapeutin, Universitätsklinikum Essen. „Ich habe nur gesehen, was ihre Ärzte übersehen haben, weil sie nach dem Unfall nie wieder genau hingeschaut haben. Resttonus im Quadrizeps. Das reicht nicht zum Gehen. Aber es reicht, um damit zu arbeiten."

Vierzig Jahre lang hatte sie Menschen mit Rückenmarksverletzungen behandelt, bis sie vor zwei Jahren in Rente gegangen war — und, wie sich später herausstellte, nach dem Tod ihres Mannes ihre Wohnung verloren hatte und seitdem bei einer Nichte in Oberbilk unterkam.

Frau Ostermann nickte, die Hand noch vor dem Mund. „Ihr Reha-Programm wurde vor anderthalb Jahren abgebrochen. Zwei Fachärzte der Uniklinik hier in Düsseldorf hatten übereinstimmend erklärt, eine Besserung sei ausgeschlossen."

„Ärzte irren sich bei Prognosen ständig", sagte Renate trocken. „Sie irren sich seltener bei Diagnosen. Das ist ein Unterschied, den kaum jemand kennt."

In den folgenden Monaten begann Jana ein neues, intensives Reha-Programm — unter Mitwirkung von Renate Vollbrecht, die man ausfindig gemacht und als Beraterin für die Stiftung engagiert hatte.

Im dritten Monat schaffte Jana zum ersten Mal zehn Meter am Barren, die Arme zitternd, der Schweiß durch das Shirt gedrungen, bevor sie zusammenbrach und Renate sie auffangen musste.

„Zehn Meter", keuchte Jana. „Zehn lächerliche Meter, und ich fühle mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen."

„Letzte Woche waren es vier." Renate reichte ihr ein Handtuch. „Rechnen Sie das mal mit dem Dreisatz hoch."

Im fünften Monat gab es einen Tag, an dem Jana den Rollator durch den Flur schleuderte, weil ihr rechtes Bein beim Üben erneut einknickte und sie mit dem Knie auf den Fliesen aufschlug. „Es wird nie reichen. Ich mache mich lächerlich, jeden Tag, vor denselben vier Wänden."

Renate hob den Rollator auf, stellte ihn zurück vor Jana. „Dann machen Sie sich morgen wieder lächerlich. Übermorgen auch." Sie wartete, bis Jana den Rollator wieder griff. „Ich habe vierzig Jahre lang Leute gesehen, die an diesem Tag aufgehört haben. Sie sitzen heute noch da, wo sie damals saßen."

Sieben Monate später ging Jana, gestützt auf einen Rollator, zwanzig Meter durch den Flur der Reha-Klinik in Essen, ohne Pause, ohne hinzufallen.

Als sie zur nächsten Gala in den Breidenbacher Hof zurückkehrte, humpelte sie am Arm von Frau Ostermann, auf einen Stock gestützt, aber ohne Rollstuhl. Sie suchte im Saal nach der Frau, die ihr damals die Hand gereicht hatte.

Renate Vollbrecht war nicht da.

Die Nichte in Oberbilk erklärte am Telefon knapp, Renate sei vor zwei Monaten ausgezogen, nach Streit darüber, wer die Pflege der gemeinsamen Tante in Mülheim übernehmen solle. Keine neue Adresse.

Jana ließ sie über Wochen suchen — eine private Detektei, eine Anzeige in der Rheinischen Post, Anrufe bei jedem Pflegeheim im Umkreis von fünfzig Kilometern. Nichts.

Dann, acht Monate nach jenem ersten Abend, kam ein Brief vom Sozialamt Essen: Renate Vollbrecht lebte inzwischen in einem Pflegeheim am Stadtrand. Die Nichte hatte die Unterbringung nicht mehr bezahlen können, die Rente reichte nicht für den Eigenanteil.

Jana fuhr noch am selben Tag hin, einen Ordner unter dem Arm, humpelnd, aber ohne fremde Hilfe.

Renate saß am Fenster eines Doppelzimmers, vor sich ein Kreuzworträtsel, bei dem drei Felder leer geblieben waren.

„Zweitausendzweihundert Euro im Monat, lebenslang, egal was die Rentenkasse sagt", sagte Jana und legte den Ordner auf den Tisch. „Dazu die volle Übernahme der Heimkosten und eine Stelle als Beraterin bei der Stiftung. Unterschrieben ist schon alles, nur noch Ihre Unterschrift fehlt."

Renate blätterte den Vertrag durch, langsam, als würde sie nach einem Haken suchen. „Das kann ich nicht annehmen."

„Sie haben mich zweihundertmal aufheben lassen, nachdem ich hingefallen bin." Jana zog sich den Stuhl neben dem Bett heran und setzte sich, die Beine lang ausgestreckt, der Stock an die Wand gelehnt. „Jetzt heben Sie mal ich Sie auf. Zur Abwechslung."

Renate legte den Stift neben das Kreuzworträtsel, griff nach dem Ordner, und ihre Hand zitterte dabei leicht — dieselbe Hand, die drei Jahre zuvor Janas Arme gepackt und nicht mehr losgelassen hatte.

„Drei leere Felder", sagte Jana und deutete auf das Rätsel. „Sieben Buchstaben, ‚beharrlich bis zum Ergebnis'. Fällt Ihnen was ein?"

Renate schnaubte, fast ein Lachen. „Zu wenig Buchstaben für das, was ich meine."

Draußen im Flur stand Dieter Brockmann, ein Strauß Ranunkeln in der Hand, die er schon zweimal von einer Hand in die andere gewechselt hatte. Als die Tür aufging, klopfte er sich die Jacke glatt und trat auf Renate zu, noch bevor Jana ein Wort sagen konnte.

„Frau Vollbrecht. Ich war der Idiot mit dem Sektglas." Er hielt ihr die Blumen hin. „Das Kuratorium möchte Sie offiziell einladen, bei der nächsten Gala am Ehrentisch zu sitzen. Nicht am Eingang."

Renate nahm die Ranunkeln, roch kurz daran, und reichte sie dann an Jana weiter. „Stellen Sie die ins Wasser, bevor sie hinüber sind. Und sagen Sie dem Kuratorium, ich sitze lieber in der Reha-Abteilung als am Ehrentisch — aber den Nachtisch von so einer Gala nehme ich trotzdem mit."

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