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Die Nähmaschine am Fenster in der Kranoldstraße

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Ich putze seit sieben Jahren die Treppenhäuser in der Kranoldstraße, Block vier bis acht, Berlin-Tempelhof. Dienstag und Freitag, immer ab halb sieben, bevor die Leute zur Arbeit los müssen. Man sieht viel, wenn man mit dem Wischmopp durch ein Haus geht und niemand einen wirklich wahrnimmt. Man wird Teil vom Putz an der Wand.

Frau Brandauer wohnte im dritten Stock, Wohnung 12, mit Blick auf den Spielplatz hinterm Haus. Ich kannte sie nur vom Treppenabsatz – guten Morgen, kalt heute, was macht der Rücken. Zweiundachtzig war sie, glaube ich, vielleicht ein Jahr mehr. Ihre Nähmaschine stand direkt am Fenster, eine alte Pfaff, schwarz mit goldenen Blümchen drauf, und wenn ich morgens die Stufen wischte, hörte ich sie manchmal schon surren, noch vor sieben.

Der Enkel hieß Timo. Kam jeden Mittwoch, wenn die Mutter Spätschicht in der Charité hatte. Ich sah ihn zum ersten Mal im Hausflur, vielleicht vier Jahre alt, mit einer viel zu großen Wollmütze, die ihm über die Augen rutschte. Frau Brandauer stand schon oben am Geländer und rief runter, pass auf die letzte Stufe auf, die wackelt.

Ich hab die Stufe nie repariert gekriegt vom Hausverwalter, aber das nur nebenbei.

Was mir auffiel, mit der Zeit: Sie schrieb. Nicht nur nähte sie an seinen Hosen, die er sich beim Klettern zerriss, sie hatte auch ein Heft, kariert, mit Kaffeeflecken auf dem Einband. Manchmal saß sie am Küchentisch, wenn ich am offenen Fenster vorbeiwischte, und schrieb was rein, während er auf dem Boden mit Matchbox-Autos spielte. Einmal hab ich sie gefragt, aus reiner Neugier, was das für ein Heft ist. Sie hat kurz gezögert, dann gesagt: Für Timo. Für später. Mehr nicht.

Ich hab nicht nachgefragt. Ist ja nicht mein Enkel.

Die Jahre gingen so dahin, wie sie das tun, wenn man nicht hinschaut. Timo kam in die Schule an der Gontermannstraße, dann irgendwann nicht mehr mittwochs, sondern nur noch samstags, weil er Fußballtraining hatte beim SV Tempelhof. Die Nähmaschine stand seltener am Fenster. Frau Brandauer kam manchmal gar nicht mehr an die Tür, wenn ich klingelte wegen der Rohrreinigung oder so was, und dann öffnete die Tochter, Frau Kessler, mit müden Augen von der Nachtschicht.

Vor drei Wintern – ich weiß es noch, weil da die Heizung im ganzen Haus ausgefallen war und alle sich beim Hausmeister beschwert haben – ist Frau Brandauer gestorben. Im Schlaf, hat die Tochter erzählt, als ich ihr an der Haustür kondoliert habe. Ich hab damals gedacht: schön für sie, so ein Ende, aber traurig für die anderen.

Die Wohnung stand danach ein halbes Jahr leer, dann kam eine Handwerkerfirma, hat alles rausgerissen, neue Böden, neue Küche. Die Pfaff-Nähmaschine hab ich nie wieder gesehen. Vermutlich Sperrmüll.

Timo war da schon vierzehn, fünfzehn. Ich hab ihn ein paar Mal noch getroffen, wenn er seine Mutter besuchte, groß geworden, mit Kopfhörern um den Hals, wie die heute alle. Hat mich nicht wiedererkannt, warum auch, ich bin die Frau mit dem Eimer.

Letzten Monat, Ende August, stand er plötzlich wieder im Flur. Erwachsen jetzt, vielleicht zwanzig, einundzwanzig, mit einem Aktenkoffer, der aussah, als hätte ihn jemand extra für diesen Tag gekauft. Frau Kessler hatte mir schon erzählt, dass er sein Fachabitur gemacht hat und jetzt eine Ausbildung zum Notarfachangestellten anfängt, unten am Tempelhofer Damm bei so einer Kanzlei.

Er stand vor Wohnung 12 – die jetzt andere Leute bewohnen, ein junges Paar mit Hund – und schaute einfach nur an die Tür. Ich fragte, ob alles gut ist, und er sagte, seine Mutter hätte ihm gerade das Heft gegeben. Das karierte. Sie hätte es all die Jahre in einer Schublade aufbewahrt, mit der Auflage von der Großmutter, es ihm erst zu geben, wenn er volljährig ist und eine eigene Arbeit hat.

Er hat es mir nicht gezeigt, das stand mir ja auch nicht zu. Aber er hat mir erzählt, was drinsteht: Rezepte. Adressen von Verwandten, die er nie kennengelernt hat. Und ganz hinten, in krakeliger Schrift, weil die Hände wohl schon gezittert haben, eine Liste von Daten – seine Einschulung, sein erster verlorener Milchzahn, der Tag, an dem er zum ersten Mal allein die wacklige Stufe hochgekommen ist, ohne hinzufallen. Und ein letzter Satz, den er mir vorgelesen hat, weil er, glaube ich, jemandem davon erzählen musste und ich zufällig da stand mit meinem Eimer: Ich habe dich nicht bis zum Ende begleiten können, aber ich habe den Anfang mitgeschrieben.

Er hat das Heft dann zugeklappt, in den Aktenkoffer gelegt, neben seine Ausbildungsunterlagen, und ist die Treppe runtergegangen. An der wackligen Stufe – die inzwischen wirklich repariert wurde, letztes Jahr erst – ist er kurz stehengeblieben, hat mit der Schuhspitze draufgetippt, so als würde er testen, ob sie noch wackelt.

Tat sie nicht mehr. Er ist trotzdem vorsichtig runtergestiegen, genau wie früher, mit vier Jahren, unter der viel zu großen Wollmütze.

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