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Vierzig Jahre Applaus für ein Gesicht, das nie genug war
Ich schneide seit zweiundzwanzig Jahren Haare im Salon "Cavalli" in der Nähe der Piazza della Repubblica in Perugia, und man sollte meinen, nach so vielen Köpfen unter meinen Händen überrascht mich nichts mehr. Aber die Frau, die ich hier beschreiben will, sitzt jedes Mal, wenn sie in der Stadt ist, auf demselben Stuhl links vom Fenster, und ich schneide ihr nur die Spitzen, weil sie sagt, das Gesicht dürfe sich nicht zu sehr verändern, das sei ihr Beruf.
Ich rede von Giulia Ferretti. So heißt sie hier bei uns, im echten Leben, bevor sie zu der Frau wurde, die auf Kinoplakaten von Mailand bis Los Angeles hing. Ihre Mutter kam noch, als Giulia klein war, jeden Samstag zum Waschen und Legen, roch nach Kaffee und Zigaretten, und erzählte mir, ihre Tochter studiere Jura an der Universität, weil sie eine anständige Anwältin werden wolle. Ich erinnere mich an den Geruch von Kaffee besonders gut, weil bei uns im Salon immer die Espressomaschine lief und die alte Frau ihn nie ablehnte.
Dann, eines Tages, kam die Mutter nicht mehr allein. Sie brachte Zeitschriften mit, in denen ihre Tochter auf dem Titelblatt war, für eine Modelagentur in Mailand, und man sah, wie stolz und gleichzeitig ratlos sie war. Das Mädchen wollte Jura studieren, sagte sie, aber die Kamera habe sie sich einfach genommen. Ich dachte damals: noch ein hübsches Gesicht, das in ein paar Jahren vergessen sein wird. Ich habe mich geirrt, und zwar gründlich.
Was ich all die Jahre über gesehen habe, wenn Giulia zurückkam zwischen den Dreharbeiten – nach Rom, nach Paris, nach Los Angeles, immer wieder zurück in dieses kleine Umbrien –, war nicht die Frau, die auf den Titelseiten gefeiert wurde. Ich sah eine Frau, die im Wartebereich meines Salons ihre Fingernägel bis auf die Haut abgekaut hat, während im Radio ihr eigener Film besprochen wurde, mit den Worten "eine schöne Hülle, aber schauspielerisch dünn". Sie hat die Zeitschrift, in der das stand, unter einen Stapel alter "Oggi"-Hefte geschoben, ohne ein Wort zu sagen.
Ich weiß auch, dass sie kurz vor ihrer Rolle in diesem sizilianischen Kriegsdrama – dem Film, der sie später weltberühmt machte – bei mir saß und fragte, ob ihre Haare zu dunkel seien für eine Figur, die von einem ganzen Dorf begehrt und dann zerstört wird, weil die Männer sie wollen und die Frauen sie hassen. Ich erinnere mich, weil ich dachte: was für eine seltsame Rolle, eine Frau zu spielen, die dafür bestraft wird, dass andere Leute Fantasien auf sie projizieren – und genau das war ja auch ihr eigenes Leben außerhalb der Kamera.
Nach diesem Film änderte sich alles. Auf einmal kamen Bodyguards mit ihr in den Salon, standen unangenehm nah an der Tür, und die Kundinnen drehten sich nach ihr um, obwohl niemand etwas sagte. Ich habe ihr damals einen Kaffee gebracht, ohne dass sie fragen musste, weil ich sah, wie erschöpft sie war von dem Blicken, die sie überall trafen, sogar hier, wo sie aufgewachsen war.
Die Boulevardpresse hat sie in diesen Jahren mit einem französischen Schauspieler verkuppelt, den sie bei einem Filmdreh in Paris kennengelernt hatte, und ich habe die Hochzeitsfotos in einer Illustrierten gesehen, lange bevor sie mir persönlich davon erzählte. Zwei Töchter kamen, die Ehe hielt vierzehn Jahre, dann trennten sie sich, und Giulia kam wieder öfter allein nach Perugia, ohne den ganzen Tross.
Was mich all die Jahre am meisten beeindruckt hat, war nicht ihr Gesicht – das ist, ehrlich gesagt, mein Handwerk, ich sehe Gesichter jeden Tag. Es war, dass sie mit fünfzig Jahren noch eine Rolle neben einem der bekanntesten britischen Geheimagenten der Filmgeschichte bekam, und die Zeitungen schrieben, sie sei zu alt für so eine Rolle. Sie kam an dem Tag, an dem diese Kritik erschien, zu mir, legte die Zeitung auf die Ablage vor dem Spiegel und sagte nur: "Weibliche Anziehungskraft hat kein Verfallsdatum, das steht nicht auf keinem Etikett." Dann bat sie mich, ihr die grauen Strähnen nicht zu färben. Zum ersten Mal in zwanzig Jahren ließ sie sie stehen.
Vor ein paar Monaten – es war schon kühl, Anfang Oktober, die Kastanienverkäufer standen wieder an der Piazza – kam sie herein, ohne Termin, mit einer Aktenmappe unter dem Arm, braunes Leder, ziemlich abgenutzt an den Ecken. Sie sagte, sie komme direkt vom Notar in der Via dei Priori. Ich fragte nicht, was drin war, das ist nicht mein Job, aber sie erzählte es mir trotzdem, während ich ihr die Haare wusch, weil sie wusste, dass ich es nicht weiterträgt, und weil manchmal die Leute genau dem ihre Geschichte erzählen, der ihnen den Nacken massiert.
In dieser Mappe war ein Vertrag über eine kleine Wohnung in Città di Castello, die einmal ihrer Mutter gehört hatte und die nach deren Tod an einen entfernten Cousin gefallen war, der seit Jahren behauptete, Giulia habe kein Recht mehr darauf, weil sie "sowieso genug Geld aus dem Kino hat". Der Cousin hatte die Wohnung schon halb an einen Investor aus Rom vermietet, ohne sie zu fragen, für neunhundert Euro im Monat, und rechnete offenbar damit, dass die berühmte Cousine sich nicht die Mühe machen würde, dagegen vorzugehen.
Sie hat sich die Mühe gemacht. Sie erzählte mir, während der Fön lief, dass sie zwei Wochen zuvor persönlich zum Grundbuchamt gegangen war – nicht mit Anwalt vorneweg, sondern allein, mit ihrem Perso und den alten Papieren ihrer Mutter –, um die Erbfolge klären zu lassen. Achtzehn Jahre lang hatte der Cousin die Wohnung faktisch verwaltet, ohne dass jemand aus der Familie widersprochen hatte, aus Bequemlichkeit, aus Nostalgie, weil niemand Streit wollte in dieser Familie.
An dem Tag, an dem ich sie mit der Mappe sah, hatte sie gerade den notariell beglaubigten Erbschein unterschrieben, den Mietvertrag mit dem römischen Investor für ungültig erklären lassen und dem Cousin eine Frist von dreißig Tagen gesetzt, die Wohnung zu räumen oder eine reguläre Miete zu zahlen – rückwirkend für drei Jahre, macht, wie sie mir vorrechnete, gut zweiunddreißigtausend Euro. Kein Anwalt der großen Kanzleien aus Rom, kein Presserummel. Nur sie, der Notar und ein Aktenordner.
Der Cousin, sagte sie, habe sie noch am selben Nachmittag angerufen, sei ziemlich laut geworden am Telefon, habe ihr vorgeworfen, sie mache das nur, weil sie es sich leisten könne, "der Familie eins auszuwischen". Sie habe ihm ruhig geantwortet, dass es nicht um die Familie gehe, sondern um eine Wohnung mit ihrem Namen im Grundbuch, und dann aufgelegt, weil der Fön ohnehin fertig war und sie zum Flughafen musste, Richtung Cannes, für die nächste Premiere.
Bevor sie ging, hat sie mir noch die Mappe kurz gezeigt, wie um es mir zu beweisen, nicht aus Eitelkeit – der Stempel des Notars, ihr Name, sauber getippt, keine Widmung, keine große Geste. Dann hat sie bezahlt, wie immer bar, drei Euro Trinkgeld extra, wie immer, und ist zur Tür raus, in einen grauen Fiat 500, den ihr Fahrer schon seit einer halben Stunde in der Parkbucht vor dem Salon stehen hatte. Ich habe ihr durchs Schaufenster nachgesehen, wie sie einstieg, die Mappe noch immer unter dem Arm, und dann kam die nächste Kundin, und ich habe weitergemacht, wie jeden Tag.
