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Ein Zimmer im Keller, drei fremde Autos
Nach sechs Jahren in Singapur hatte ich mir genau diesen Moment ausgemalt: den Koffer noch in der Hand, den Duft von frisch gemähtem Rasen aus dem Vorgarten in Freiburg, und Mama, die die Tür aufreißt und ruft, dass sie mich kaum wiedererkennt. Stattdessen stand meine Schwester Katrin in der Tür, mit Mamas Perlenohrringen und dem Armband, das Papa ihr zur silbernen Hochzeit geschenkt hatte.
„Ach. Du bist wieder da." Kein Hallo. Keine Umarmung.
Ich hatte das Haus vor drei Jahren gekauft, kurz nachdem Papa gestorben war – ein Reihenhaus mit gelber Klinkerfassade in einer ruhigen Seitenstraße nahe des Seepark, mit einem Fliederbusch vor dem Küchenfenster, den Mama jeden Frühling fotografierte und mir schickte. Die Raten überwies ich seit Singapur jeden Monat pünktlich von meinem Konto, die Grunderwerbsteuer hatte ich bar aus meinen Ersparnissen bezahlt. Für mich war dieses Haus das Einzige, was Mama nach Papas Tod noch Sicherheit gab.
Auf der Einfahrt standen drei Autos, die ich nicht kannte. Durchs Treppenhaus lief ein Mann in Jogginghose, ein Handtuch über der Schulter, als wäre er hier zu Hause.
„Wo ist Mama?"
Katrin verschränkte die Arme. „Im Keller."
„Wie bitte?"
„Sie schläft jetzt unten. Die oberen Zimmer sind für die, die zahlen."
Ich zog nicht mal die Schuhe aus. Die Kellertür lag neben der Küche, gleich hinter dem alten Vorratsregal, wo früher Mamas Einweckgläser standen. Unten war es kalt und roch nach Waschmittel und altem Karton. Mama lag auf einer schmalen Liege direkt neben der Heizungsanlage, den Wintermantel über der Bettdecke – dabei hatten wir Ende Juni, draußen zeigte das Thermometer über zwanzig Grad. Um sie herum standen nur Umzugskisten, eine kaputte Stehlampe und ein Klapptisch, auf dem ihre Tablettenschachteln lagen, mehr schlecht als recht sortiert.
Sie war dünner geworden, viel dünner als in den Videoanrufen. Katrin hatte das Handy immer nah an Mamas Gesicht gehalten, und wenn ich bat, einmal durchs Wohnzimmer zu schwenken, hieß es jedes Mal, Mama sei zu müde dafür. Jetzt wusste ich, warum.
Als Mama die Augen aufschlug und mich erkannte, verzog sich ihr Gesicht, noch bevor sie meinen Namen sagen konnte.
Katrin war mir die Treppe hinunter gefolgt. „Mach jetzt kein Drama draus. Sie hat zugestimmt."
Mama senkte sofort den Blick zum Betonboden.
„Zugestimmt wozu?", fragte ich.
„Ich kümmere mich um das Haus. Sie braucht Aufsicht. Die Mieter zahlen die Nebenkosten."
„Die Kreditrate läuft über mein Konto."
„Strom und Heizung sind nicht umsonst."
Ich sah mich noch einmal genauer um. Kein Rauchmelder über der Liege. Kein Fenster, durch das man im Notfall hätte klettern können – nur ein schmaler Lichtschacht, vergittert. Und ein kleiner Heizlüfter, angeschlossen an eine überlastete Mehrfachsteckdose, das Kabel unter einem Kistenstapel eingeklemmt.
Dann fiel mir etwas hinter den Farbeimern auf dem obersten Regal auf: ein Stapel Briefumschläge, ungeöffnet, alle an mich adressiert. Meine Weihnachtskarten. Die Geburtstagsgrüße, die ich extra per Post geschickt hatte, weil Mama Handschriftliches liebte. Katrin hatte sie einfach abgefangen und hier verstaut, zwischen Lackresten und einer Packung Fliesenkleber.
Zum ersten Mal seit meiner Landung lächelte ich wieder. Aber es war kein warmes Lächeln.
„Das hast du dir gerade selbst sehr leicht gemacht", sagte ich.
Um 19:12 Uhr fotografierte ich jeden Raum im Haus – die drei fremden Betten oben, die Kellerliege, die Steckdose, die Umschläge. Um 19:35 Uhr rief ich Herrn Dr. Reimann an, den Notar, der damals den Kaufvertrag beurkundet hatte. Um 20:10 Uhr schickte ich ihm den Grundbuchauszug, meine Kontoauszüge der letzten drei Jahre und sämtliche Fotos. Nebenbei rief ich noch beim Ordnungsamt an – ein Reihenhaus ohne Baugenehmigung an drei fremde Männer weiterzuvermieten, während die Eigentümerin im Keller schläft, war kein Fall für ein Familiengespräch, sondern für Behörden.
Um Punkt neun klopfte es an der Haustür. Katrin öffnete – und vor ihr standen zwei Männer. Der eine zeigte einen Dienstausweis vom Ordnungsamt, der andere hielt ein rotes Formular in der Hand: eine Nutzungsuntersagung wegen unerlaubter Wohnraumvermietung, dazu die Aufforderung, sämtliche nicht gemeldeten Bewohner binnen 48 Stunden auszuquartieren.
Katrin drehte sich zu mir um, ihre Stimme kippte. „Das kannst du nicht machen, das ist auch mein Zuhause."
„Es steht nicht auf deinem Namen", sagte ich. „Es steht auf meinem."
Der Mann vom Jogging-Trio oben packte noch in derselben Nacht seine Tasche und verschwand wortlos zur Tür hinaus, die anderen beiden folgten am nächsten Morgen. Ich half Mama, die Liege aus dem Keller zu räumen – wir trugen sie gemeinsam die Treppe hoch, Stufe für Stufe, und stellten sie später auf den Sperrmüll. Ihr altes Zimmer im ersten Stock, mit Blick auf den Fliederbusch, war noch genauso eingerichtet, wie sie es vor sechs Jahren verlassen hatte, nur mit einer Staubschicht auf der Kommode.
Am nächsten Vormittag saß ich mit Mama am Küchentisch, vor uns ein Aktenordner, den Dr. Reimann mir per Kurier geschickt hatte. Wir gingen die Vollmacht durch, die Katrin sich vor zwei Jahren von Mama hatte unterschreiben lassen – angeblich „nur für die Bankgeschäfte, falls mal was ist". Ich ließ sie an diesem Tag notariell widerrufen. Katrins Namen strich Dr. Reimann aus sämtlichen Vollmachten und aus der Kontovollmacht bei der Sparkasse, insgesamt ging es um ein Guthaben von elftausendzweihundert Euro, das über die Monate von Mamas Rentenkonto auf ein Nebenkonto gewandert war, das nur Katrin führte.
Ich rief bei der Sparkasse an, sperrte das Nebenkonto und ließ Mamas Rente wieder auf ihr eigenes Konto zurückbuchen, mit sofortiger Wirkung. Den Wohnungsschlüssel, den Katrin sich hatte nachmachen lassen, verlangte ich zurück; als sie zögerte, ließ ich noch am selben Tag das Schloss der Haustür austauschen, für neunzig Euro, vom Schlüsseldienst um die Ecke.
Katrin stand am Abend vor der verschlossenen Tür, klingelte zweimal, klopfte, rief meinen Namen durch den Briefschlitz. Ich öffnete nicht. Durchs Küchenfenster sah ich sie stehen, die Perlenohrringe noch im Ohr, das Gesicht blass im Licht der Straßenlaterne.
Mama saß neben mir am Tisch, eine Tasse Kamillentee vor sich, die Hände endlich ruhig um die warme Tasse gelegt. Draußen bellte kurz der Hund der Nachbarn, dann wurde es still in der Straße. Ich stand auf, zog die Vorhänge zu und setzte mich wieder.
