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Er schaute auf die Hände im Schoß. Acht Stunden Dienst im Rettungswagen, dann der Anruf, dann die Fahrt hierher nach Mannheim, in dieses helle Wohnzimmer mit den weißen Wänden und der schmalen Küchenzeile, die er zuletzt vor neun Monaten gesehen hatte. Der Kaffee vor ihm war kalt, die Tasse halb voll, ein feiner brauner Rand innen am Porzellan.

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„Du kannst nicht einfach wegbleiben." Seine Schwester stand am Fenster, die Arme verschränkt, und dahinter zog draußen die Linie einer Straßenbahn vorbei, deren Quietschen durch die geschlossene Scheibe drang. „Die brauchen dich hier."

Daniel Krämer, 41, Notfallsanitäter aus Heidelberg, drehte die Tasse mit zwei Fingern um die eigene Achse. Genau drei Zentimeter nach links, dann wieder zurück. Er hatte diese Bewegung nicht geplant. Er wusste nur, dass seine Hände etwas tun mussten, während ihre Stimme den Raum füllte.

„Es geht nicht um die Arbeit", sagte er.

„Worum dann?"

Worum. Als ob das eine Frage wäre, die man an einem Donnerstagnachmittag zwischen zwei Terminen beantworten könnte. Er dachte an den Jungen von vor vier Jahren, den sie nicht aus dem Fahrzeug bekommen hatten. Er dachte an die Frau, die auf der Trage nach ihrer kleinen Tochter rief, während er den Gurt festzurrte. Er dachte an all die Nächte, in denen er im Mannschaftswagen saß und auf das rote Licht der Ampel starrte, bis es grün wurde, und er keine Ahnung hatte, was ihn an der nächsten Kreuzung erwartete.

Im Kino gab es dafür keine Rolle. Es gab nur die nächste Schicht.

Seine Schwester Sandra arbeitete als Physiotherapeutin im Theresienkrankenhaus, zweiter Stock, Abteilung für Querschnittpatienten. Sie war drei Jahre älter, hatte den Vater im Gesicht, diese schmale Nase, die immer leicht gerötet war, wenn sie aufgeregt war. Jetzt war sie aufgeregt.

„Ich bin müde, Sandra."

Das war die Wahrheit, so einfach, dass sie ihn selbst erschreckte. Nicht diese Müdigkeit, die nach zwei Tagen Schlaf verschwindet. Eher eine, die sich in die Knochen frisst wie Kälte, die man nicht mehr bemerkt, weil sie schon zum Körper gehört.

Er hatte im März beim DRK gekündigt. Ohne großen Abschied, ohne Gespräch mit dem Vorgesetzten. Er hatte seine Einsatzhose gefaltet auf den Spind gelegt, die Stiefel darunter, und war gegangen. Auf dem Parkplatz hatte er kurz überlegt, ob er sich noch einmal umdrehen sollte. Hatte er nicht.

„Du kannst helfen", sagte Sandra. „Du kennst die Leute. Du weißt, wie man mit ihnen redet."

„Ich will mit niemandem reden."

„Dann arbeite eben in der Ausbildung."

„Ich bin kein Lehrer."

Sie ließ die Arme sinken und legte die Hände auf die Lehne des Sessels neben sich. An der Wand hinter ihr hing ein Bild von Ludwigshafen, die Rheingalerie bei Nacht, Lichter im Wasser. Er hatte dieses Bild vor fünf Jahren zur Einweihung geschenkt. Damals hatte er noch geglaubt, Wohnungen seien Orte, an die man zurückkehrt.

An diesem Abend blieb er nicht lange. Er trank den kalten Kaffee aus, spülte die Tasse, trocknete sie mit dem Geschirrtuch, das nach Spülmittel roch, und stellte sie zurück in den Schrank. Er zog die Jacke an, die er über die Rückenlehne des Stuhls gehängt hatte, und drückte seiner Schwester einen Kuss auf die Schläfe.

„Ich melde mich."

Es klang wie das, was es war: ein Versprechen, das er nicht halten würde.

Zu Hause wartete die halbdunkle Wohnung. Er machte kein Licht an. Im Kühlschrank stand noch die Tomatensuppe von vorgestern, obenauf ein dünner Film. Er holte sie nicht heraus. Stattdessen setzte er sich an den Küchentisch, auf dem seit Wochen die Post lag, ungeöffnet, ein Stapel aus Werbung, Rechnungen und dem roten Umschlag der DRK, den er mit dem Daumennagel aufriss. Aus dem Umschlag fiel ein Faltblatt. Mahnungen? Nein. Ein Programm. „Ehemalige im Gespräch" stand in grauen Buchstaben auf beigem Papier, darunter ein Foto von einem Mann mit Halstuch, der in eine Kamera lächelte. Er warf es in den Müll.

Dann saß er da, die Hände zwischen den Knien, und lauschte auf die Geräusche im Treppenhaus. Irgendwo über ihm ging eine Tür. Eine Frau rief etwas. Dann Stille, so dick und vollständig, dass er das Ticken seiner Uhr hörte, die er nicht trug.

Das war das Problem. Nicht die Schreie, nicht das Blut, nicht das Glas auf dem Asphalt. Das Problem war die Stille danach. Die war er nicht losgeworden.

Im Frühjahr hatte er begonnen, nachts durch Heidelberg zu laufen. Vom Neuenheimer Feld bis zum Bismarckplatz, dann die Hauptstraße hinunter zur Alten Brücke. Er kaufte sich am Automaten am Hauptbahnhof einen Kaffee und saß auf einer Bank, bis der Morgen grau über den Dächern stand. Manchmal sprach er mit den Obdachlosen am Adenauerplatz, nicht über das, was wirklich war, nur über die Kälte. Ein alter Mann mit schmutziger Wolldecke nannte ihn „Doc", weil er einmal einen Verband für dessen entzündete Hand besorgt hatte. Der Mann hieß Herbert, war seit neunzehn Jahren auf der Straße und hatte einen Hund namens Keks. Daniel wusste nicht, was daran tröstlicher war: die Namen oder das Tier.

In einer dieser Nächte, es war im Mai, die Luft roch nach Regen und Benzin, setzte sich ein Mann neben ihn auf die Bank. Der Fremde hatte kurzgeschnittene graue Haare und eine Jacke der Freiwilligen Feuerwehr Neckargemünd. Er sagte nichts. Holte eine Tüte Erdnüsse aus der Tasche, riss sie auf und hielt sie Daniel hin.

Daniel griff hinein.

„Schlimme Nacht?", fragte der Mann.

„Nein", sagte Daniel. „Nur lang."

„Das ist manchmal schlimmer."

Sie aßen die Erdnüsse, die Schalen ließen sie in die Tüte fallen. Der Mann erzählte von einem Brand in einem Wohnhaus in Neckargemünd, zwei Tote, darunter ein Kind. Er erzählte es ruhig, als beschreibe er eine Übung. Am Ende zerknüllte er die Tüte, warf sie in den Papierkorb neben der Bank und sah auf die Uhr.

„Wissen Sie, was mir geholfen hat?", fragte er.

Daniel dachte an die Tabletten im Bad, an den Berater in der Kirche, an die Nacht, in der er bis vier Uhr früh durch den Küchenschrank geräumt hatte.

„Was?"

Der Mann zog ein Foto aus der Innentasche. Darauf ein Junge mit Zahnlücke und einem Plüschdrachen. „Ich fahre jeden zweiten Samstag nach Karlsruhe", sagte er. „Da wohnt sein Bruder. Der ist fünf. Wir bauen dann. Lego. Erinnern Sie sich an den Kasten mit der Feuerwache? Der steht bei denen im Wohnzimmer. Hat achtundvierzig Seiten Anleitung. Wir sind bei Seite sieben."

Er steckte das Foto zurück. Dann stand er auf und zog den Reißverschluss der Jacke zu.

„Die Toten hören Sie nicht mehr, wissen Sie", sagte er noch. „Die Lebenden schon."

Daniel wusste nicht, warum er dem Mann glaubte. Vielleicht, weil er die Erdnussschalen in der Tüte gelassen hatte.

Zwei Wochen später, an einem Mittwoch, stand er in einer Halle am Rande von Sinsheim. Es roch nach Schweiß, Kaffee und dem Gummi von Bodenmatten. Um ihn herum Männer und Frauen, die mit Krücken gingen, andere, die ihre Rollstühle dicht an die Tische schoben, einige mit Prothesen, die beim Auftreten leise klickten. Daniel trug Namensschild und ein rotes T-Shirt, das eine Ehrenamtliche ihm in die Hand gedrückt hatte. Auf dem Rücken stand: „Stark im Dienst".

Sandra hatte ihm den Link geschickt. Kein Wort dazu, nur den Link. Er hatte ihn um halb vier Uhr morgens geöffnet, das Handy hell im dunklen Schlafzimmer, und sich für den ersten Termin eingetragen.

Es war keine Organisation, von der er je gehört hatte. Sie nannte sich „Zweite Welle" und kümmerte sich um Einsatzkräfte und Angehörige, um Menschen, die nach einem Dienst nicht mehr dieselben waren. Sie bauten keine Häuser und kauften keine Autos. Sie organisierten Sonntagsfrühstücke und Gesprächskreise, Nähwerkstätten für Hinterbliebene, Fahrdienste zu Therapien. Was sie taten, klang klein. Genau das hatte Daniel gereizt.

Am dritten Abend setzte sich eine Frau zu ihm, die ihren Mann vor sieben Jahren bei einem Hochwassereinsatz in der Pfalz verloren hatte. Sie hieß Ulrike und häkelte. Sie sprach über ihren Mann wie über jemanden, der gleich zur Tür hereinkommen könnte, nur eben noch beim Bäcker sei. Als sie ging, ließ sie ein selbstgemachtes Topflappenpaar auf dem Tisch liegen, gelb mit braunen Streifen. Daniel nahm es mit nach Hause. Es lag drei Wochen lang auf der Fensterbank, bevor er es in die Küchenschublade legte, neben die alten Batterien und den Flaschenöffner aus Kaiserslautern.

Im Sommer war er jeden Dienstag dort. Er holte ältere Teilnehmer mit dem Auto ab, trug Kisten, rührte Suppe in der kleinen Küche, hörte zu. Eines Abends half er einem jungen Bundeswehrsoldaten, der beide Beine verloren hatte, beim Beladen eines Transporters. Der Mann hieß Tobias, war 28 und trug ein Trikot von 1899 Hoffenheim. Er machte einen Scherz über das ewige Mittelmaß des Vereins, und Daniel lachte zum ersten Mal seit Monaten so, dass es aus dem Bauch kam.

Im Herbst rief Sandra an.

„Ich hab gesehen, dass du bei denen bist", sagte sie.

„Ja."

Langes Schweigen. Im Hintergrund hörte er ihre Tochter im Bad rumoren, Wasser lief.

„Ich bin froh", sagte sie.

„Ich auch", sagte Daniel. Und er merkte, dass es stimmte.

Vor Weihnachten bekam er einen Anruf von Ulrike. Sie fragte, ob er am Heiligabend Zeit hätte. „Wir machen Essen im Bürgerhaus in Eppelheim. Nichts Großes, vierzig Leute. Aber es gibt Würstchen und Kartoffelsalat, und um sieben singen wir."

Er sagte zu.

Am 24. Dezember stand er in der Küche des Bürgerhauses und schnitt Zwiebeln. Die Augen brannten, aber nicht vom Gemüse. Er dachte an die Heiligabende früher, an den Geruch von Kerzen und den Vater, der am Klavier saß und „Stille Nacht" spielte, immer einen halben Ton zu tief. Diese Version klang heute schöner als jede, die er je im Radio gehört hatte.

Als er mit der Schüssel Kartoffelsalat in den Saal trat, saßen da Männer und Frauen, die er kannte. Nicht aus Filmen. Aus Einsätzen. Ein Sanitäter, der mit ihm im Regen neben einem verunglückten Motorrad gekniet hatte. Eine Polizistin aus Schwetzingen, die einmal in Uniform an seinem Tisch saß und ihr Käsebrot nicht essen konnte, weil ihre Hände zitterten. Ein Vater, dessen Tochter vor zwei Jahren an einer Überdosis gestorben war und der jetzt Kaffee ausschenkte, als hätte er nie etwas anderes getan.

Daniel stellte die Schüssel auf den Tisch. Neben ihm rückte Tobias näher und deutete mit dem Kopf auf die Bühne.

„Du spielst doch Bass, oder?"

„Ich hab seit der Schule nicht mehr gespielt."

„Macht nichts. Der andere Bassist ist krank. Wir brauchen dich."

Daniel wollte ablehnen. Er wollte sagen, dass er nicht hier war, um aufzutreten, dass seine Finger das nicht mehr konnten, dass all das Unsinn war. Stattdessen ging er zur Bühne, nahm den Bass, stimmte ihn, zog das Kabel durch den Amp und schloss die Augen.

Der erste Ton saß.

Es war kein Film. Kein großer Auftritt. Nur ein paar Lieder im Bürgerhaus, ein Bass, der manchmal dumpf klang, Stimmen, die nicht immer trafen. Aber Tobias klatschte im Takt, und Ulrike stand in der zweiten Reihe und hielt ihre Häkelnadel wie einen Dirigentenstab.

Nach dem letzten Lied kam ein älterer Mann zu ihm, ein ehemaliger Feuerwehrmann aus Heidelberg, dessen Handflächen von Narben überzogen waren. Er drückte Daniel ein zusammengefaltetes Papier in die Hand.

„Was ist das?"

„Ein Foto von meinem Sohn. Er hat die Feuerwehr nicht verlassen. Er hat sich was angetan. Ich trage das Bild seit acht Jahren bei mir. Jetzt gebe ich es Ihnen. Nicht, damit Sie es behalten. Damit Sie es am Eingang aufhängen. Neben den anderen. Damit jemand, der kommt, sieht: Der da ist nicht vergessen."

Daniel entfaltete das Papier. Ein junger Mann in Uniform, das Kinn leicht erhoben. Auf der Rückseite stand mit Kugelschreiber ein Name und ein Datum.

Am nächsten Morgen, als der Frühnebel über den Feldern bei Eppelheim lag, kaufte Daniel im Baumarkt einen Bilderrahmen aus hellem Holz. Er legte das Foto hinein, so dass der Name auf der Rückseite nicht mehr sichtbar war, nur das Gesicht. Dann brachte er den Rahmen ins Bürgerhaus.

An der Wand neben der Eingangstür hingen bereits drei Fotos. Seins war das vierte. Er befestigte es mit einem Nagel, den er aus der Küche mitgenommen hatte, und trat einen Schritt zurück.

Der Mann auf dem Bild sah ihn an.

Daniel nickte ihm zu, ohne ein Wort zu sagen.

Draußen setzte er sich auf die Bordsteinkante und trank aus der Thermoskanne, die Sandra ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Der Kaffee war noch warm. Er dachte an den Mann mit den Erdnüssen, an die Bank am Adenauerplatz, an Herberts Hund, der Keks hieß. Er dachte an die Toten, die er nicht gehört hatte, und an die Lebenden, die er jetzt hörte.

Dann stand er auf und ging zum Wagen.

Er hatte an diesem Tag noch eine Fahrt. Tobias brauchte jemanden, der ihn zu seiner Physiotherapie nach Heidelberg fuhr, zehn Uhr, dritter Stock, Abteilung für Querschnittpatienten. Daniel würde oben im Flur sitzen, auf einem Stuhl mit blauem Polster, und auf das Schild an der Tür schauen. Er würde warten, bis sein Fahrgast fertig war, und ihn danach zurückfahren, durch die Stadt, die er wiedererkannte.

Diesmal würde er nicht einfach verschwinden, wenn es still wurde.

Er würde die Stille aushalten, mit den Händen am Lenkrad, und sie wäre nicht mehr leer.

Nur ein Geräusch.

Wie ein Atemzug danach.

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