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Erbschaft für Rosenheim – das Testament, das Kirill nicht kannte

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„Sag den Arzttermin ab – du fährst meine Mutter zum Viktualienmarkt!" Kirill brüllte das quer durchs Wohnzimmer, ohne den Blick von der Fußball-Übertragung zu nehmen. „Mama will heute auf den Markt, du fährst sie und wartest dort. Das dauert mindestens drei Stunden."

Lena stand im Türrahmen und betrachtete seinen Hinterkopf. Diesen glatten, selbstsicheren Hinterkopf eines Mannes, der nie an seinen eigenen Entscheidungen zweifelt. Kirill lag auf dem Sofa, die Beine ausgestreckt, und zappte sich durch die Programme.

„Ich hab um elf einen Termin beim Arzt", sagte sie.

„Dann verschieb ihn halt. Ist doch kein Ding."

Lena antwortete nicht. Sie ging in die Küche und setzte Wasser auf, mehr Wasser als nötig, bis es über den Rand des Kessels spritzte und sie ihn zurückdrehen musste. In den vier Jahren ihrer Ehe hatte sie gelernt, Pausen einzulegen – nicht aus Unterwürfigkeit, sondern um nichts Unüberlegtes zu sagen, bevor der richtige Moment kam.

Fünf Minuten später kam Kirill in die Küche, schon mit dem Handy in der Hand, schon dabei, jemandem eine Nachricht zu schreiben.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?"

„Ja."

„Und?"

„Und nichts", sagte sie und goss kochendes Wasser über den Teebeutel, der sofort braun aufquoll. „Ich hab dich verstanden."

Er sah sie mit diesem zusammengekniffenen Blick an, den sie auswendig kannte. So schaut ein Mann, der es gewohnt ist, richtig verstanden zu werden – also gehorcht zu werden.

„Mama steht um zehn vor der Haustür. Mach dich fertig."

Und er verschwand zurück ins Wohnzimmer, wo der Kommentator irgendein Foulspiel beweinte.

Die Schwiegermutter hieß Brigitte Hollmann, und sie trug diesen Namen mit der Würde einer pensionierten Behördenleiterin. Füllig, laut, mit ständig zusammengepressten Lippen, tauchte sie in ihrem Leben so regelmäßig auf wie die Nebenkostenabrechnung. Mit ungefähr demselben Effekt – und, das musste man ihr lassen, sie hatte Kirill mit sechzehn allein großgezogen, nachdem der Vater sich nach Spanien verdrückt hatte, und das vergaß sie keine Sekunde zu erwähnen, wenn es ihr nützte.

Brigitte ging nicht wegen der Lebensmittel zum Viktualienmarkt, sondern wegen des Rituals selbst. Sie tastete jede Tomate ab, roch an jedem Kräuterbund, handelte beim Käsestand um fünfzig Cent, obwohl sie mehr für ihre Friseurin ausgab, und brauchte stets jemanden, der die Taschen trug und ihre Kommentare ertrug. Aus ihrer Sicht war Lena die perfekte Begleiterin: schweigt, trägt, nickt.

Aber heute war kein solcher Tag. Heute hatte Lena einen Termin. Nicht beim Hausarzt wegen Fieber. Beim Notar.

Drei Wochen zuvor war ihre Tante gestorben – die Schwester ihres Vaters, allein lebend, kinderlos, in einer Dreizimmerwohnung in Rosenheim, ganz in der Nähe des Luitpoldparks. Alte Einbauschränke, die immer leicht nach Mottenpulver und kaltem Zigarettenrauch rochen, obwohl Hannelore seit zwanzig Jahren nicht mehr geraucht hatte. Diese Tante – zu der Lena fast jeden zweiten Sonntag gefahren war, während Kirill Bundesliga schaute und Brigitte anrief, um über ihren Blutdruck zu sprechen – hatte ein Testament hinterlassen. Zugunsten von Lena.

Lena hatte das vor zwei Wochen erfahren, zufällig, von ihrem Vater. Er hatte abends angerufen, die Stimme leise und ein wenig schuldbewusst.

„Weißt du, Hannelore hat dich eingesetzt. Der Notar hat angerufen. Die Wohnung, Lenchen. Sie gehört jetzt dir."

Lena hatte lange geschwiegen. Dann hatte sie gesagt: „Gut, Papa. Ich kümmere mich darum."

Kirill hatte sie nichts erzählt. Kein Wort. Das war eine bewusste Entscheidung gewesen. Erst handeln, dann erklären. Wenn man vorher erklärt, passiert gar nichts – das wusste sie inzwischen genauer, als ihr lieb war.

Um zehn Uhr trat sie mit Tasche und Mantel aus der Wohnung. Draußen war es April, aber kalt und windig, so ein typisches Münchner Aprilwetter, bei dem man nie weiß, ob man die dicke Jacke oder den dünnen Trenchcoat anziehen soll. Brigitte stand schon vor der Haustür – in ihrer geblümten Jacke, mit zwei leeren Rollkoffern, deren Räder quietschten, wenn sie sie bewegte, und der Miene einer Frau, die zu lange hat warten müssen.

„Na endlich", sagte sie, obwohl Lena auf die Minute pünktlich war. „Komm, bis wir da sind, ist bestimmt schon alles weg, die guten Sachen jedenfalls."

„Frau Hollmann", sagte Lena, und etwas in ihrem Tonfall ließ die Schwiegermutter innehalten. „Heute fahre ich Sie nicht. Es tut mir leid."

„Was?", fragte die Frau, als hätte sie die Worte nicht richtig verstanden.

„Ich hab einen wichtigen Termin. Kirill hat sich da geirrt, mit dem heutigen Tag. Ich hab Ihnen ein Taxi bestellt, in sieben Minuten ist es da. Den Fahrer hab ich gebeten, mit den Taschen zu helfen."

Brigitte öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Allein das war selten.

„Begreifst du, dass Kirill—"

„Er ist zu Hause", unterbrach Lena, ohne Schärfe. „Wenn Sie möchten, gehen Sie hinauf, er bringt Sie hin. Auf Wiedersehen."

Und sie ging zu ihrem Auto, einem silbernen VW Polo mit hundertzwanzigtausend Kilometern auf dem Tacho und einem kleinen Kratzer an der Beifahrertür vom letzten Winter, den sie noch vor der Hochzeit gekauft hatte.

Die Notarkanzlei lag in einem alten Gebäude unweit des Max-Josef-Platzes – dritter Stock, keine Aufzug, schwere Holztüren, Geruch nach Papier, altem Teppich und irgendwo im Hintergrund Kaffee aus einer dieser Kapselmaschinen. Lena setzte sich gegenüber der Notarin, einer älteren Frau mit Brille und sehr ruhigen Händen, und unterschrieb die Urkunden, einmal, zweimal, ein drittes Mal, weil sie sich beim ersten Versuch verschrieben hatte und die Seite neu ausgedruckt werden musste. Die Wohnung der Tante gehörte jetzt offiziell ihr. Nicht ihnen beiden. Ihr. Das war wichtig. Vermögen, das durch Schenkung oder Erbschaft erworben wird, fällt bei einer Scheidung nicht in den Zugewinnausgleich – das hatte sie sich seit Monaten eingeprägt, seit sie angefangen hatte zu rechnen, wie lange sie das hier noch mitmachen konnte.

Die Notarin setzte ihren Stempel und reichte Lena die Mappe.

„Herzlichen Glückwunsch. Die Grundbuchumschreibung können Sie jetzt beantragen, alle Unterlagen sind fertig."

„Danke", sagte Lena. Sie merkte, dass ihre Hände, als sie die Mappe entgegennahm, nicht mehr zitterten wie am Morgen.

Kirill rief gegen halb zwölf an. Lena verließ gerade das Büro, die Mappe unter dem Arm, und stieg die enge Treppe hinunter.

„Wo bist du? Mama hat angerufen, du hast sie einfach vor der Haustür stehen lassen!"

„Ich hab ihr ein Taxi bestellt", sagte Lena. „Ist sie angekommen?"

„Das geht dich gar nichts an, ob sie angekommen ist! Ich hab dir gesagt, du sollst sie fahren!"

„Kirill, ich war beim Arzt. Alles gut."

„Bei was für einem Arzt?! Du solltest doch—"

„Ich ruf dich zurück", sagte Lena. „Jetzt kann ich nicht."

Und sie steckte das Handy zurück in die Tasche, ohne auf eine Antwort zu warten.

Draußen war Lärm – eine Straßenbahn quietschte um die Kurve, vor dem Café gegenüber lachte jemand zu laut, ein Fahrradkurier fuhr fast über ihren Fuß. Lena blieb auf den Stufen stehen. Die Mappe unter dem Arm war nur Papier, aber sie hielt sie so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Sie dachte an die Wohnung mit den hohen Decken und den alten Schränken. Daran, dass dort niemand auf dem Sofa lag und ihr sagte, wohin sie heute zu fahren hatte.

Kirill wusste noch nichts. Weder von der Wohnung, noch von dem nächsten Termin, den sie für die kommende Woche eingetragen hatte. Bei einer Anwältin.

Die Rechtsanwältin Dr. Carolin Weigand empfing in einem kleinen Büro im zweiten Stock eines Geschäftshauses – Glastrennwände, ein paar müde Tulpen in einer Vase auf der Fensterbank, eine Kaffeemaschine, die beim Mahlen schepperte. Den Termin hatte Lena zwei Wochen zuvor vereinbart, direkt nach dem Gespräch mit ihrem Vater. Nicht, weil sie sich schon entschieden hatte, sondern um zu verstehen, was überhaupt entschieden werden konnte.

Dr. Weigand war eine Frau um die fünfundvierzig, mit kurzem Haarschnitt und der Angewohnheit, ihr Gegenüber etwas länger anzusehen als üblich, nicht unangenehm, eher wie jemand, der beim Reden mitdenkt.

„Also", sagte sie und klappte ihren Notizblock auf. „Worum geht's?"

Lena schwieg eine Sekunde. „Ich möchte verstehen, wie eine Scheidung in meiner Situation aussieht."

Sie erzählte etwa zwanzig Minuten, holperig an manchen Stellen, verhaspelte sich einmal bei den Jahreszahlen und musste zurückkorrigieren. Vier Jahre Ehe. Der VW Polo, der noch ihr allein gehörte, eine Zweizimmerwohnung mit Hypothek, die sie beide zu gleichen Teilen abbezahlten, obwohl die Anzahlung komplett von ihrem ersparten Geld gekommen war. Kirill arbeitete als Vertriebsleiter bei einer Bauunternehmung, verdiente ordentlich, aber steuerte in die gemeinsamen Ausgaben nur so viel bei, wie er gerade für nötig hielt – mal mehr, meistens weniger. Brigitte lebte separat, war aber praktisch ständig präsent, mit Anrufen, mit Bemerkungen über Lenas Kochkünste, ihre Kleidung, ihre Art, die Spülmaschine einzuräumen. Kirill hielt sie nicht zurück. Er nickte meistens, manchmal legte er noch etwas obendrauf.

„Kinder gibt es?"

„Nein."

„Gut, bzw. – na, Sie wissen, was ich meine", sagte Dr. Weigand und machte eine kleine wegwerfende Handbewegung. „Für das Verfahren ist es einfacher. Die Hypothekenwohnung, auf wessen Namen läuft die?"

„Auf beide."

„Verstanden." Sie legte den Stift ab. „Und die Erbschaft – ist die schon vollzogen?"

„Gestern hab ich die Unterlagen unterschrieben."

„Nur auf Ihren Namen?"

„Ja."

„Das ist gut." Dr. Weigand lehnte sich zurück. „Dann unterliegt sie nicht dem Zugewinnausgleich. Das ist Ihres, ausschließlich Ihres."

Lena nickte und drehte die leere Teetasse auf dem Tisch einmal um die eigene Achse, dann noch einmal, bis sie merkte, dass sie das tat, und aufhörte.

Nach Hause kam sie um zwei. Kirill stand in der Küche, wärmte etwas in der Mikrowelle und starrte aufs Handy. Auf ihr Erscheinen reagierte er nicht sofort.

„Na, da bist du ja", sagte er schließlich, ohne den Blick vom Display zu heben.

„Hallo", sagte Lena. Sie hängte den Mantel auf und ging ins Zimmer.

Kirill folgte ihr, mit dem Teller in der Hand – irgendwas mit Tomatensoße, die schon anfing, trocken an den Rändern zu werden – weiterhin ins Telefon vertieft.

„Mama ist beleidigt. Sagt, du warst unfreundlich zu ihr."

„Ich hab ihr ein Taxi bestellt und den Fahrer gebeten, mit den Taschen zu helfen."

„Das ist nicht dasselbe wie selbst fahren."

„Stimmt", sagte Lena. „Aber ich hatte meinen Termin."

Kirill hob den Blick. „Bei wem warst du überhaupt?"

Lena stellte die Mappe auf den Küchentisch, so dass das Logo der Notarkanzlei nach oben zeigte, und setzte sich. Sie hatte sich den Satz nicht vorbereitet, nur den Ton, in dem sie ihn sagen würde.

„Bei der Notarin. Wegen der Wohnung von Tante Hannelore."

„Was für eine Wohnung?"

„Sie ist vor drei Wochen gestorben. Hat mir ihre Wohnung in Rosenheim vererbt, am Luitpoldpark. Gestern wurde das Erbe auf meinen Namen eingetragen."

Es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung bei ihm ankam. Sein Gesicht machte diesen kurzen Sprung von Überraschung zu etwas, das aussah wie hastiges Kopfrechnen.

„Warum hast du mir das nicht erzählt?"

„Weil's dich nichts angeht. Es ist eine Erbschaft, Kirill. Die gehört mir."

„Wir sind verheiratet! Das heißt automatisch, dass—"

„Nein", sagte sie. „Das heißt es nicht. Erbschaften zählen nicht zum Zugewinn. Ich war extra deswegen bei einer Anwältin."

Kirill setzte den Teller ab, so unsanft, dass Soße über den Rand schwappte und einen kleinen roten Fleck auf der Arbeitsplatte hinterließ, den später keiner von beiden wegwischte. „Bei einer Anwältin? Wofür brauchst du eine Anwältin?"

„Um zu verstehen, wie eine Scheidung bei uns aussehen würde. Falls es dazu kommt."

Das Wort blieb in der Küche hängen. Kirill lachte kurz, ungläubig. „Du willst dich scheiden lassen? Wegen eines Taxis für meine Mutter?"

„Nicht wegen des Taxis", sagte Lena. „Wegen vier Jahren, in denen jede Entscheidung erst durch dich oder deine Mutter musste. Wegen der Wohnung, die zur Hälfte mit meinem Geld bezahlt wird, während du dein Gehalt für dich behältst. Wegen heute Morgen, als du nicht gefragt hast, ob ich einen Termin habe – du hast es einfach angeordnet, mitten im Anstoß."

„Das ist albern, Lena. Mama braucht Hilfe auf dem Markt, das ist alles."

„Mama kann ein Taxi nehmen. Oder du fährst sie. Du hattest heute frei, du hast den ganzen Vormittag Fußball geschaut."

Er sah sie an, als hätte sie eine fremde Sprache gesprochen. „Du hast dich verändert."

Lena stand auf, nahm die Mappe wieder vom Tisch. „Hab ich. Und ich hab auch keine Lust mehr, so zu tun, als wär das nicht so."

Am Abend rief Brigitte an – nicht bei Lena, sondern bei Kirill, laut genug, dass Lena aus dem Nebenzimmer die Hälfte verstand. Von Respektlosigkeit war die Rede, von Undankbarkeit, davon, dass man „diesem Mädchen" zu viel erlaubt habe. Kirill sagte kaum etwas, nur „ja, Mama" und „ich weiß, Mama", und einmal, mitten im Satz, hielt er inne, als würde Brigitte ihm ins Wort fallen, und sagte dann leiser: „Nein, das – das hab ich nicht gesagt, Mama, das hast du jetzt—" Dann ging er mit dem Telefon ins Schlafzimmer.

Die folgenden Wochen verliefen in einer Art kalter Routine. Kirill versuchte es mit Freundlichkeit, dann mit Vorwürfen, einmal brachte er sogar Blumen mit, vom Netto nebenan, noch mit dem Preisaufkleber dran, 3,99 €, den er vergessen hatte abzuziehen. Dann mit Schweigen. Er fragte zweimal nach der Wohnung in Rosenheim – ob man sie vielleicht vermieten, verkaufen, „gemeinsam nutzen" könnte, für Wochenenden vielleicht. Lena antwortete beide Mal gleich: „Das entscheide ich."

Im Mai zog sie aus. Nicht heimlich, nicht über Nacht mit einem Koffer – sie hatte Dr. Weigand gebeten, die Trennung formal vorzubereiten, einen Termin beim Mediator ausgemacht, die gemeinsame Hypothekenwohnung bewerten lassen. Kirill bekam seine Hälfte des Verkaufserlöses, wie es ihm zustand, eine krumme Zahl nach Abzug der Restschuld und der Maklerprovision, die am Ende bei irgendetwas über vierundachtzigtausend landete, keiner hatte Lust, das auf den Euro genau nachzurechnen. Die Rosenheimer Wohnung tauchte in keinem der Papiere auf.

An dem Tag, als Lena die letzten Kartons aus der gemeinsamen Wohnung trug – der dritte Karton war zu schwer gepackt, der Boden gab leicht nach, sie musste ihn halb über den Flur schleifen –, stand Brigitte unten im Hausflur, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Du zerstörst diese Familie", sagte sie.

Lena stellte den Karton ab, rieb sich die Hand, auf der der Henkel eine rote Rille hinterlassen hatte, und sah sie an. „Ich hab keine Familie zerstört, Frau Hollmann. Mir reicht's einfach, in einer Küche zu stehen, in der am Ende immer jemand anderes entscheidet, was gekocht wird."

Dann hob sie den Karton wieder hoch, der Deckel klaffte etwas auf, und ging zum Auto, an der Schwiegermutter vorbei.

Die Wohnung am Luitpoldpark bezog Lena im Juni. Den alten Sessel ihrer Tante, dessen Bezug an den Armlehnen schon ganz dünn war, stellte sie ans Fenster, dort, wo man die Platanen im Park sehen konnte, obwohl ihre Mutter ihr riet, ihn wegzugeben und etwas Neues von Ikea zu kaufen. Lena strich nur die Flecken an der Wand im Flur nach, mehr nicht.

Kirill rief noch zweimal an, im Juli und im September, jeweils mit einer neuen Begründung, warum man „vielleicht doch reden sollte". Beim zweiten Anruf, mitten im Gespräch, klingelte bei Lena die Mikrowelle, und sie sagte nur „Moment, mein Essen ist fertig", stellte das Handy auf den Tisch und kam fünf Minuten nicht wieder dazu. Als sie es wieder in die Hand nahm, hatte Kirill schon aufgelegt.

Die Scheidung wurde im Oktober rechtskräftig. In der Akte, die Dr. Weigand ihr am letzten Tag übergab, lag ganz oben eine einzelne Seite: Grundbesitz der Antragstellerin, Rosenheim, Luitpoldstraße – nicht Gegenstand des Zugewinnausgleichs.

Lena legte das Blatt achtlos in die Schublade ihres Schreibtisches, zwischen alte Stromrechnungen und eine Packung Büroklammern, die sie dort schon ewig nicht gebraucht hatte, und machte sich Tee. Draußen, auf der Straße zum Park, fuhr die 8er-Straßenbahn vorbei, mit diesem metallischen Quietschen in der Kurve, das sie inzwischen kannte wie ihr eigenes Türschloss. Der Tee war schon halb kalt, als sie ihn endlich trank.

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