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Kater im Fenster, Kaltenberg, Wohnung 3

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„Der ist ausgezogen? Das kann nicht sein." Merle Brandt stand mit dem Telefon am Ohr im Hausflur und starrte auf den Briefkasten mit dem fremden Namensschild, als hätte sie sich verhört.

„Doch, doch", sagte die alte Frau Kessler aus dem Erdgeschoss und zog ihren Morgenmantel enger. „Vor zwei Wochen. Hat hier nichts mehr gehalten, den Jungen."

„Und das Kätzchen? Was ist mit dem Kätzchen?"

Fangen wir von vorn an.

Merle war siebenundzwanzig, arbeitete als Physiotherapeutin in einer Praxis am Rathausplatz von Kaltenberg, einer Kleinstadt zwanzig Kilometer vor Erfurt, und hatte gerade erst, am 28. Dezember, die Wohnung in der Ulmenstraße bezogen. Fünfunddreißig Quadratmeter, Fliesen aus den Neunzigern, eine Einbauküche mit klemmender Schublade – aber günstig, achtunddreißig Euro der Quadratmeter, warm, und nur zwölf Minuten mit dem Rad bis zur Praxis. Davor hatte sie sieben Monate in einer WG in Erfurt gewohnt, drei Zimmer, fünf Leute, ständig fremde Yoghurtbecher in ihrem Kühlschrankfach und jemanden, der um Mitternacht noch Gitarre übte. Jetzt hatte sie eine eigene Tür mit eigenem Schlüssel, und das allein fühlte sich an wie ein Geschenk zu Silvester.

Der Makler, ein gewisser Herr Pohl mit Aktentasche und Dauerlächeln, hatte ihr die Wohnung schmackhaft gemacht: „Für eine Alleinstehende ist das ideal, Frau Brandt. Klein, aber Ihre. Keine Mitbewohner, keine Diskussionen ums Putzen." Sie hatte genickt und unterschrieben, ohne zu ahnen, dass diese Entscheidung sie schon am dritten Tag vor eine ganz andere Tür führen würde.

An diesem Morgen, dem 30. Dezember, war sie auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle am Nachbarhaus vorbeigekommen und hatte – warum eigentlich, sie wusste es selbst nicht – in die Fenster im Erdgeschoss geschaut. Dort saß ein Kater, grau getigert, mit Augen voller Trostlosigkeit, und schlug mit der Pfote gegen die Scheibe. Sie hatte ihm zugewinkt, gedacht, jemand hätte Glück mit so einem hübschen Tier, und war weitergegangen, dem Gefühl von Neujahrsvorfreude hinterher, das an diesem Tag über der ganzen Ulmenstraße zu hängen schien: In einem Fenster im dritten Stock blinkte schon eine Lichterkette, aus einem Hof roch es nach gebratenem Fleisch, ein Nachbarshund bellte einen Postboten an.

Am Abend, auf dem Rückweg, brannte in der Wohnung im Erdgeschoss kein Licht. Der Kater saß trotzdem am Fenster – dieselbe Stelle, dieselbe Pose, nur jetzt schlug er mit beiden Pfoten gegen das Glas. Merle blieb stehen. Etwas in ihr wollte nicht einfach weitergehen.

Am nächsten Morgen, ihrem freien Tag, kam sie extra früher aus dem Haus und ging noch einmal zu diesem Fenster. Der Kater war noch da. Er sah abgemagert aus, das Fell stumpf. Sie klopfte an die Wohnungstür – nichts. Klingelte – nichts. Nach fünf Minuten vergeblichen Klopfens öffnete sich nicht die gesuchte Tür, sondern die daneben. Frau Kessler, siebzig-irgendwas, im Frotteemantel, musterte sie mit dem Blick einer Frau, die im Treppenhaus alles hört, was passiert.

„Was wollen Sie denn so früh? Sie wecken ja das ganze Haus."

„Entschuldigung", sagte Merle. „Ich komme einfach nicht an die Bewohner dieser Wohnung ran."

„Da klopfen Sie umsonst", sagte Frau Kessler und schüttelte den Kopf. „Der Kevin ist ausgezogen. Vor gut zwei Wochen. Hat sich mit seiner Freundin gestritten, ist zu seiner Mutter nach Weimar gezogen und die Wohnung steht jetzt leer, bis der neue Mietvertrag durch ist."

„Und das Kätzchen im Fenster?"

Frau Kessler zuckte mit den Schultern, als wäre das eine Nebensache. „Das hat er wohl vergessen. Oder nicht vergessen wollen mitnehmen – die Freundin war allergisch, glaube ich. Ich hab schon zwei Mal beim Hausverwalter angerufen, aber vor Neujahr rührt sich da keiner."

Merle spürte, wie ihr kalt wurde, und das lag nicht an der Dezemberluft. Zwei Wochen. Ein Tier, eingesperrt in einer leeren Wohnung, zwei Wochen, mitten im Winter, mit vielleicht einer Schale Wasser, die längst leer war.

„Haben Sie eine Nummer vom Hausverwalter? Oder von diesem Kevin?"

Frau Kessler kramte in ihrer Kitteltasche, förderte einen zerknitterten Zettel zutage – Reste eines Handwerkerzettels, auf der Rückseite eine Telefonnummer, die sie sich mal notiert hatte, „für alle Fälle". Merle bedankte sich überschwänglich, rief noch im Treppenhaus den Hausverwalter an. Niemand ging ran. Sie rief Kevin an. Nach dem vierten Klingeln meldete sich eine müde Männerstimme.

„Ja?"

„Guten Tag, mein Name ist Merle Brandt, ich bin die neue Nachbarin in der Ulmenstraße 14. Sie haben doch eine Katze in Ihrer alten Wohnung gelassen?"

Stille am anderen Ende. Dann, unerwartet gereizt: „Ist die noch da? Ich dachte, die Hausverwaltung kümmert sich drum."

„Niemand kümmert sich drum. Das Tier sitzt seit zwei Wochen allein in einer leeren Wohnung."

„Hören Sie, ich hab gerade selbst genug Ärger, ich kann jetzt nicht extra nach Kaltenberg fahren wegen einer Katze. Machen Sie doch, was Sie wollen, mir ist das ehrlich egal."

Er legte auf. Merle stand mit dem Handy in der Hand und wusste: Auf diesen Mann würde sie nicht warten.

Sie fuhr nicht zur Arbeit, obwohl sie an diesem Tag frei hatte – das half wenigstens. Stattdessen rief sie den Notdienst der Hausverwaltung an, drohte am Telefon mit dem Ordnungsamt und dem Veterinäramt, bis sich tatsächlich innerhalb einer Stunde ein Hausmeister mit Zweitschlüssel blicken ließ, ein schweigsamer Mann namens Herr Grabowski, der beim Öffnen der Tür nur den Kopf schüttelte. Der Geruch, der ihnen entgegenschlug, ließ keinen Zweifel: Der Kater hatte tagelang kein frisches Wasser gehabt, der Napf war leer und trocken, die Einstreu längst nicht gewechselt. Auf dem Küchenboden lag eine umgekippte, leere Tüte Katzenfutter, als hätte jemand sie beim Packen der letzten Kisten achtlos fallen lassen.

Der Kater – Merle nannte ihn später Momme, weil der Name ihr beim Tierarzt einfach so über die Lippen kam – wog bei der Untersuchung in der Praxis am Marktplatz zwei Kilo weniger, als ein Tier seines Alters wiegen sollte. Die Tierärztin, Dr. Anneke Vogt, war deutlich: „Noch eine Woche, vielleicht zehn Tage, und das wäre nicht mehr gut ausgegangen." Merle unterschrieb noch am selben Nachmittag die Übernahme, zahlte hundertzehn Euro für die Erstversorgung und nahm den Kater mit in ihre neue Wohnung, drei Häuser weiter.

Die Geschichte hätte damit enden können – ein gerettetes Tier, eine Heldin, ein Neujahrsfest mit einem schnurrenden Kater auf dem Sofa. Aber Frau Kessler, die alles im Haus mitbekam, hatte noch etwas zu erzählen, das Merle erst später einordnen konnte.

„Wissen Sie", sagte die alte Frau ein paar Tage danach, als Merle ihr beim Einkaufstragen half, „der Kevin war eigentlich gar kein schlechter Kerl. Aber diese Freundin von ihm, die Jacqueline, die hat ihn ganz schön unter Druck gesetzt. Erst die Katze musste raus, dann sollte er sein Auto verkaufen für ihre Hochzeitspläne, und als er nicht wollte, wie er wollte, ist sie ihm gleich mit der ganzen Wohnungseinrichtung durchgebrannt, die er noch von seinem Vater geerbt hatte. Möbel, Geschirr, sogar den alten Röhrenfernseher, den er nie verkaufen wollte, weil er an seinen Vater erinnerte. Der Junge hatte am Ende nicht mal mehr die Kraft, sich um eine Katze zu kümmern."

Merle hörte zu und dachte: Das erklärt vieles, entschuldigt aber nichts. Ein Mensch kann in einer schlimmen Trennung stecken und trotzdem einen Anruf tätigen, eine Nachricht schreiben, jemanden bitten, nach dem Tier zu sehen. Das hatte Kevin nicht getan. Zwei Wochen lang nicht.

Am 6. Januar, dem Feiertag, klingelte plötzlich das Handy. Kevin. Merle nahm ab, mehr aus Neugier als aus Höflichkeit.

„Hallo, ich bin's, Kevin, von der Ulmenstraße. Ich hab gehört, Sie haben die Katze mitgenommen."

„Ja, die habe ich."

„Also, ich wollte fragen – ich komme jetzt wieder klar mit allem, die Sache mit meiner Freundin hat sich geklärt, und ich dachte, ich könnte den Kater wieder abholen."

Merle stand am Küchenfenster, Momme lag auf der Fensterbank in der Sonne, das Fell inzwischen wieder glänzend, der Blick ruhig statt verzweifelt. Sie schaute auf den Aktenordner, der neben ihr auf der Arbeitsplatte lag – die Unterlagen der Tierarztpraxis, die Übernahmebestätigung, die sie unterschrieben hatte, mit Kevins eigener, telefonisch bestätigter Zustimmung zur Abgabe des Tieres, protokolliert von Dr. Vogt selbst, für genau solche Fälle.

„Das wird nicht gehen, Kevin."

„Wieso nicht? Das ist doch immer noch meine Katze."

„War Ihre Katze", sagte Merle ruhig. „Sie haben sie am Telefon offiziell an mich abgegeben, das ist bei der Tierärztin dokumentiert. Und ehrlich gesagt – zwei Wochen ohne Wasser und Futter, das zählt in diesem Land als Tierquälerei. Ich habe die Fotos vom Zustand der Wohnung, die Rechnung der Tierklinik, und ich habe mit dem Veterinäramt gesprochen, falls Sie es genau wissen wollen. Die haben Interesse an dem Fall."

Am anderen Ende blieb es lange still. Dann, leiser: „Das wollte ich nicht. Ich war einfach fertig mit allem."

„Das verstehe ich", sagte Merle. „Aber der Kater konnte das nicht verstehen. Er hat einfach gewartet."

Sie legte auf, ohne Groll, ohne erhobene Stimme. Kevin rief nicht wieder an, und auch die Hausverwaltung hörte nichts mehr von ihm – nur noch ein neuer Mieter zog im Februar in die Wohnung im Erdgeschoss, und Frau Kessler beschwerte sich fortan über andere Dinge.

Momme schlief von da an jeden Abend auf dem Fußende von Merles Bett, in der kleinen Wohnung mit der klemmenden Küchenschublade, die eigentlich für eine Alleinstehende gedacht war und nun doch zu zweit bewohnt wurde. Und wenn Merle am Neujahrstag darauf zurückblickte, dachte sie nicht an den Mann, der weggelaufen war, sondern nur daran, wie viele Fenster es in dieser Straße gab, an denen sie ohne einen einzigen Grund hätte vorbeigehen können – und wie froh sie war, dass sie es nicht getan hatte.

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