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Küche in Flammen
Heizung am Limit
Sabine Hertel stand am Herd und wartete, bis das Nudelwasser kochte, als Jan den Löffel sinken ließ und sagte, als würde er über das Wetter reden:
— Meine Mutter zieht am Samstag bei uns ein. Wir geben ihr unser Schlafzimmer.
Sabine drehte sich nicht sofort um. Sie hörte das Blubbern des Wassers, roch den Dampf, und erst dann stellte sie den Topf von der Flamme.
— Was heißt, unser Schlafzimmer?
— Genau das. Jans Stimme blieb ruhig, fast gleichgültig. — Ins alte Zimmer von Tobias zieht sie nicht. Er wohnt doch sowieso im Wohnheim in Leipzig, kommt nur am Wochenende. Mutter braucht mehr Platz. Ihr Blutdruck, du weißt doch.
— Wir haben dieses Schlafzimmer vor zwei Jahren renoviert. Extra für uns.
— Und?
— Das Boxspringbett haben wir drei Monate auf Bestellung gewartet. Die Matratze war teuer, weil mein Rücken nach den Nachtschichten im Krankenhaus sonst nicht mitmacht.
Jan schob den leeren Teller weg, verschränkte die Arme — die Haltung eines Mannes, der längst entschieden hat und über nichts mehr diskutieren will.
— Dann schlafen wir eben eine Zeit lang im Gästezimmer auf dem Sofa. Davon geht die Welt nicht unter.
— Ich schlafe nicht auf dem Sofa.
— Fang nicht wieder an. Seine Stimme wurde lauter. — Mutter ist meine Mutter. Das ist entschieden. Allein in Rudolstadt, in dem alten Haus, mit dem Ofen — das geht nicht mehr. Ich hol heute Abend ihre Sachen. Also räum das Schlafzimmer, zieh frische Bettwäsche auf und mach im Schrank Platz. Sie hat genug Zeug.
Sabine sah ihn an. Zu gut kannte sie diesen Ton — den eines Mannes, der inzwischen Tatsachen schuf, statt zu fragen.
— Frau Gertrud kam die letzten Jahre bestens mit dem Ofen klar.
— Weil sie es früher konnte! Jetzt nicht mehr. Ende der Diskussion. Ich fahre.
Sabine sagte nichts mehr. Sie ging aus der Küche, durch den Flur ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank. Hinter ihren Kleidern stand ein kleiner Stahltresor mit den Papieren zur Eigentumswohnung, den Ausweisen und einem Teil der Ersparnisse in bar. Vom Regal neben dem Spiegel nahm sie den Schlüsselbund für den neuen VW Tiguan. Das Auto hatten sie erst vor sieben Monaten gekauft, die Anzahlung von zwölftausend Euro kam aus dem Erbe ihrer Tante — einem kleinen Haus bei Naumburg, das sie verkauft hatte. Sabine legte die Schlüssel in den Tresor, drehte das Zahlenrad und verstellte die Kombination. Das Schloss klickte leise.
Eine Stunde später zog sich Jan an. Im Flur raschelte die Jacke, der Schuhlöffel klapperte auf dem Boden.
— Sabine, wo sind die Autoschlüssel?
Sie trat aus dem Schlafzimmer, lehnte sich an den Türrahmen.
— Im Tresor.
Jan erstarrte, einen Schuh noch in der Hand.
— Was soll das heißen? Hol sie raus. Ich muss los. Bei Mutter stehen Umzugskartons, Gläser mit Eingemachtem, alte Sachen, die alten Beetpflanzen müssen noch raus…
— Ich mache den Tresor nicht auf.
— Was soll der Unsinn jetzt? Es ist schon spät, gleich wird es dunkel, und ich hab noch fünfunddreißig Kilometer vor mir.
— Das ist kein Theater.
Sabine verschränkte die Arme.
— Dann mach den Tresor auf und gib mir die Schlüssel.
— Wenn du ohne meine Zustimmung entscheidest, wer in unser Schlafzimmer zieht, dann entscheide ich ohne deine Zustimmung, wer mein Auto fährt.
Jans Gesicht lief rot an.
— Unser Auto! Wir haben es gemeinsam gekauft, während der Ehe!
— Die Anzahlung von zwölftausend Euro kam aus dem Verkauf des Hauses meiner Tante. Und die Monatsraten gehen von meinem Gehalt ab. Du hast in den sieben Monaten keinen einzigen Cent eingezahlt.
Jan warf den Schuhlöffel auf die Matte.
— Das heißt, du lässt meine Mutter ohne Hilfe, wegen eines Autos?
— Gertrud sitzt nicht auf der Straße. Sie wohnt bei sich, im Warmen. Und wenn sie wirklich in die Stadt ziehen will, steht Tobias' Zimmer bereit.
— Da ist es eng! Die Couch ist schmal! Und die Fenster gehen zur Straße raus, der Lärm!
— Dann soll sie das Fenster schließen und auf der Couch schlafen. Das Auto gebe ich nicht.
Jan machte einen schweren Schritt auf sie zu.
— Mach den Tresor auf. Sofort.
— Nein.
— Sabine, treib es nicht zu weit. Ich warne dich.
Er packte ihr Handgelenk, nicht fest, aber bestimmt, als wollte er sie am Schrank vorbeischieben.
— Und wenn du dich nicht traust, mich anzufassen — was machst du dann?
Sie hob das Kinn, zog die Hand nicht weg, sah ihm nur so lange ins Gesicht, bis er selbst losließ. Aus der Nachbarwohnung drang gedämpft ein Fernseher. Jan war daran gewöhnt, dass seine Frau immer nachgab — erst murrte sie, dann winkte sie ab, machte das Abendessen, bezog das Bett frisch, richtete sich nach seinen Entscheidungen.
— Denkst du, das ändert was? Ich hol meine Mutter trotzdem.
— Hol sie. Die Fernbusse fahren noch. Vom Hauptbahnhof bis hierher sind es zu Fuß etwa fünfunddreißig Minuten. Aber das Schlafzimmer gebe ich niemandem.
Jan starrte sie lange an, wartete darauf, dass sie nachgeben, zum Tresor gehen und die Kombination eintippen würde. Aber Sabine stand vollkommen ruhig da, die Hand noch spürbar warm vom Griff. Nach einigen Sekunden zog er wortlos die Jacke an, schlüpfte in die Schuhe und ging. Die Tür fiel laut ins Schloss, dass der Spiegel im Flur klirrte.
Sabine ging zurück in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Glas zum Mund führte, aber sie trank es in einem Zug aus.
Knapp zwanzig Minuten später vibrierte das Handy. Auf dem Display stand: Gertrud.
Sabine sah eine Weile auf den Bildschirm. Abheben wollte sie nicht. Aber sie kannte Gertruds Art genug: Wenn niemand ans Telefon geht, hört das Klingeln nicht auf.
— Ja, Gertrud, ich höre.
— Sabinchen, hallo! Die Stimme der Schwiegermutter klang so zuckersüß, dass es unangenehm wurde.
— Guten Abend.
— Was ist denn bei euch los? Jan hat gerade vom Busbahnhof angerufen, total aufgebracht. Er schrie, du gibst ihm das Auto nicht, um mich umzuziehen.
— Das Auto ist kaputt, sagte Sabine ruhig.
— Wie, kaputt? Das ist doch nagelneu!
— Kommt vor. Die Elektronik erkennt den Schlüssel nicht mehr. Hat Jan Ihnen das nicht gesagt?
Eine Pause am anderen Ende. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.
— Sabine, du bist doch eine vernünftige Frau…
Der zuckersüße Ton verschwand. Der gewohnte Druck begann.
— Du verstehst doch, dass ich mit meinen Taschen nicht Bus fahren kann. Mein Rücken, mein Blutdruck…
— Jan wird Ihnen helfen. Sabine sprach völlig ruhig. — Sie haben ja selbst einen so kräftigen Sohn erzogen.
— Womit soll er helfen? Ich hab allein mehrere Kisten mit Eingemachtem! Noch warme Kleidung, Kartons… Ich kann das doch nicht alles selbst schleppen!
— Dann soll er einen Transporter bestellen.
— Weißt du, was das kostet? Da verlangen sie heute mehrere hundert Euro! Und die Strecke ist gar nicht weit!
— Es tut mir leid, Gertrud, aber da kann ich nichts machen.
Die Schwiegermutter schwieg kurz, fragte dann wie beiläufig:
— Habt ihr das Schlafzimmer schon vorbereitet? Jan sagte, ihr gebt uns euer Zimmer. Da ist es heller, und der Schrank ist groß.
Sabine presste den Hörer fester ans Ohr.
— Jan hat zu voreilig versprochen. Wir bleiben in unserem Schlafzimmer. Für Sie ist Tobias' Zimmer vorbereitet. Die Couch ist schon ausgezogen.
— Auf der Couch? Mit meinem Rücken?
— Die Matratze in unserem Bett wurde extra wegen meiner Wirbelsäulenprobleme ausgesucht. Deshalb kann ich das Bett nicht abgeben. Wenn Jan es für nötig hält, kauft er Ihnen einen guten Topper für die Couch.
Wieder Stille auf der Leitung. Diese Antwort hatte Gertrud offenbar nicht erwartet. Früher hatte Sabine lieber geschwiegen, nur um keinen Streit zu riskieren.
— Du hast wohl jeden Respekt verloren, sagte die Schwiegermutter schließlich kühl. — Die eigene Mutter deines Mannes ohne anständigen Platz zu lassen. Wenn das so weitergeht, sag ich Jan, er soll sich überlegen, mit wem er eigentlich verheiratet ist.
— Das kann er gerne tun. Kommen Sie. Das Zimmer wartet.
Sabine legte auf.
Der Abend verlief ruhig. Sie räumte auf, wischte Möbel ab, versuchte, an nichts zu denken. Jan kam tief in der Nacht zurück. Allein.
Sabine saß in der Küche. Nur die kleine Lampe über dem Herd brannte. Er kam herein, erschöpft, zog die vom Schnee feuchte Jacke aus und setzte sich schwer, um die Schuhe auszuziehen.
— Bin da…
Seine Stimme klang dumpf. Er sah seine Frau nicht einmal an. Sabine stellte ihm wortlos einen Teller mit dem Abendessen hin. Aufgewärmt hatte sie es nicht.
Jan setzte sich, rieb sich die kalten Hände.
— Mutter kommt am Sonntag.
Er starrte in die leere Tasse.
— Zieht in Tobias' Zimmer. In seiner Stimme war die frühere Sicherheit nicht mehr. — Platz hat sie da schon.
— Gut.
— Transporter hab ich für übermorgen bestellt. Vierhundertachtzig Euro wollten sie dafür.
Er schüttelte missmutig den Kopf.
— Reiner Wucher.
— Verstehe.
— Und noch… Jan sah seine Frau endlich an. — Wir brauchen einen Topper für die Couch. Schaust du morgen mal?
— Schau ich mir an.
— Aber erst überweis mir das Geld auf mein Konto.
Jan presste die Zähne zusammen, sagte aber nichts. Er aß schweigend die kalten Nudeln. Sabine fügte auch nichts hinzu. Sie wischte den Tisch ab und ging schlafen.
Zwei Monate vergingen. Der Winter in Thüringen zeigte sich von seiner härtesten Seite, Schnee lag dick über der Stadt. Gertrud hatte sich inzwischen endgültig in Tobias' Zimmer eingerichtet. Ihre Sachen füllten tatsächlich enorme Mengen: Der halbe Balkon war mit Gläsern voll Eingemachtem belegt, unter der Couch stapelten sich Tüten mit alten Kleidern.
Nach einer Nachtschicht im Krankenhaus parkte Sabine den Tiguan vor dem Haus und stieg in den dritten Stock. Aus der Wohnung roch es nach gebratenen Zwiebeln.
— Sabinchen, bist du's?
Die Schwiegermutter lugte aus dem Zimmer, in eine Strickjacke gehüllt.
— Guten Abend.
— Ach, mein Rücken tut wieder weh… Dieser Topper von euch ist reine Augenwischerei. Kann nicht schlafen. Die ganze Nacht gewälzt.
Sabine zog den Mantel aus, hängte ihn über die Stuhllehne.
— Jan hat ihn selbst ausgesucht. Den teuersten gekauft.
— Was man im Internet nicht alles schreibt. Ihr habt ein breites Bett im Schlafzimmer, und ich lieg hier wie auf einer Stange.
Aus der Küche kam Jan mit einem belegten Brot in der Hand.
— Mama, das haben wir doch besprochen. Die Couch ist völlig in Ordnung.
— Klar, in Ordnung! Versuch doch selbst mal drauf zu schlafen.
Jan verzog nur das Gesicht. In den letzten Monaten stritt er deutlich seltener. Der Umzug der Mutter hatte sich teurer erwiesen, als er gedacht hatte: Transporter, Umzugshelfer, Topper, neue Regalbretter im Schrank…
Sabine ging in die Küche, schenkte sich heißes Wasser ein.
— Sabine… Jan aß das Brot auf, klopfte die Krümel ins Spülbecken. — Ich muss morgen beruflich fahren. Gibst du mir das Auto?
Er sagte es fast beiläufig, obwohl man die innere Spannung deutlich spürte.
— Nein. Morgen hab ich Schicht. Wegen dem Schneefall fahren die Busse kaum.
— Aber ich brauch es dringender! Jan wurde laut. — Ich sitz dann drei Stunden in der Straßenbahn!
— Dann fahr früher los.
Aus dem Flur kam ein lautes, demonstratives Luftholen der Schwiegermutter, und dann stand sie im Türrahmen, die Hände in die Hüften gestemmt.
— Weißt du, Sabine, so geht das nicht weiter. Entweder diese Frau fügt sich endlich in diese Familie ein, Jan, oder ich packe meine Sachen und sag allen im Dorf, was hier für eine Ehe geführt wird. Entscheide dich. Heute.
Jan stand mit dem leeren Teller in der Hand zwischen den beiden, sah erst seine Mutter an, dann Sabine. Die Krümel vom Brot klebten noch an seinen Fingern.
— Mama. Seine Stimme war leise, aber fest, fester, als Sabine sie je gehört hatte. — Es gibt nichts zu entscheiden. Sabine fährt zur Arbeit, ich nehme die Straßenbahn. Und keiner packt hier irgendwas.
Gertrud öffnete den Mund, als wollte sie widersprechen, fand aber vorerst keine Worte, drehte sich um und verschwand mit hörbaren Schritten zurück in Tobias' Zimmer. Die Tür schlug zu.
— Gut. Jan stellte den Teller ins Spülbecken. — Fahr ich mit der Straßenbahn.
Er drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
Sabine blieb allein in der Küche. Sie steckte die Autoschlüssel zurück in die Manteltasche, die über der Stuhllehne hing. Aus dem Flur drang noch einmal ein tiefer, gekränkter Seufzer, dann wurde es still. Sabine trank ihr Wasser in Ruhe aus, stellte das Glas in die Spüle und löschte das Licht über dem Herd.
