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# Der älteste Zeuge der Ostsee
Ich arbeite seit siebzehn Jahren an der Meeresstation in Sassnitz und dachte, mich könnte nichts mehr überraschen. Robbenbecken, Schulklassen, Bernstein in Kinderhosentaschen, Dorsche in den Aufzuchtbecken. Alltag eben. Aber an jenem Novembermorgen, als der Forschungskutter von der Probefahrt zurückkam, klingelte um sechs Uhr das Telefon. Kathrin, unsere Laborantin, redete so schnell, dass ich sie bitten musste, noch einmal von vorn anzufangen.
„Die haben was mitgebracht. Das ist bestimmt paar hundert Jahre alt.“
Gefrorener Schlick auf dem Deck, Geruch nach Salz und Diesel. Im Netz lag eine ganz gewöhnliche Islandmuschel. Solche verkauft man in jeder Fischbude an der Küste, mit Weißbrot und Butter. Nur dass diese hier eine dunklere, dickere Schale hatte, als hätte das Meer sie jahrhundertelang mattgeschliffen. Beim Sortieren fiel sie niemandem auf. Erst der Doktorand aus Greifswald, Jonas, bemerkte, dass die Wachstumslinien auf der Schale verdächtig dicht beieinanderlagen.
Ich nahm sie in die Hand. Sie wog vielleicht ein halbes Pfund. Warum mir in dem Moment der Kölner Dom durch den Kopf schoss, weiß ich bis heute nicht – dass ich hier etwas Älteres hielt als manche Kathedrale.
Das Zählen der Wachstumslinien ist Standardverfahren. Man öffnet die Schale, schneidet sie an, betrachtet sie unter dem Mikroskop. Nur hatte niemand damit gerechnet, dass es über fünfhundert Linien sein würden. Jonas zählte drei Tage lang, korrigierte sich, fluchte, rief wegen einer Zweitmeinung in Kopenhagen an. Ich sehe ihn noch am Tisch im Lager sitzen, ringsum Kaffeetassen und ausgedruckte Mikroskopfotos. Irgendwann schob er den Stuhl zurück und sagte:
„Die ist geboren, als Luther noch predigte.“
Nach ersten Schätzungen war die Muschel vierhundertfünf Jahre alt. Später korrigierten sie auf fünfhundertsieben. Das bedeutete, sie hatte sich am Grund der Ostsee niedergelassen, bevor Kolumbus überhaupt einen Fuß auf Hispaniola gesetzt hatte. Sie hatte den Dreißigjährigen Krieg überlebt, die Napoleonischen Kriege, beide Weltkriege. Sie lag im Schlick, filterte Wasser, schloss die Schale, öffnete die Schale. Und würde wohl noch heute dort liegen, wäre sie nicht in unser Netz geraten.
Als die Nachricht die Runde machte, kamen Journalisten nach Sassnitz. Aus Berlin, aus Hamburg, aus Kopenhagen. Sie wollten Fotos von der Schale, Interviews, Stellungnahmen. Jonas schloss sich im Labor ein und wollte mit niemandem reden. Kathrin nahm die Anrufe entgegen und wiederholte immer denselben Satz: „Ja, das stimmt. Ja, fünfhundertsieben Jahre. Nein, es gibt nichts mehr zu fotografieren.“
Denn das Tier hatte nicht überlebt. Das Öffnen der Schale, um diese verflixten Linien zu zählen, hatte es getötet. Ein Standardverfahren, das bei jedem anderen Exemplar mit einem Vermerk im Laborbuch endet, wurde diesmal zur Schlagzeile in sämtlichen Nachrichtenportalen.
In der Station wurde es still. Sogar Herr Brandt, der Koch aus der Kombüse, hörte auf, beim Kartoffelschälen vor sich hin zu summen. Ich stand auf der Mole und blickte aufs Meer, grau, novemberlich, mit weißer Gischt auf den Wellenkämmen. Möwen schrien, der Wind schnitt ins Gesicht. Ich dachte an diese Muschel. Daran, dass sie fünfhundert Jahre unter Wasser gelegen hatte, und wir waren gekommen und hatten ihre Geschichte in drei Tagen beendet.
Natürlich gab es Stimmen, die von einem Skandal sprachen. Dass Wissenschaftler kaltblütig das älteste Tier der Welt umgebracht hätten. Leute schrieben Briefe, drohten mit Klagen, forderten Rücktritte. Aber die Wahrheit ist einfacher und zugleich schwerer: Niemand hatte es wissen können. Niemand konnte es wissen. Man muss die Schale öffnen, um die Linien zu zählen. Es ist ein bisschen so, als müsste man einen Baum fällen, um die Jahresringe zu sehen.
Einen Monat später bekam ich eine dienstliche E-Mail vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Betreff: „Neue Richtlinien zur Muschelprobenentnahme“. Darin: eine Schulung zur Bedienung eines Mikro-Computertomografen, eines neuen Ultraschallgeräts für Muschelschalen, Verfahren für zerstörungsfreie Bildgebung. Unsere Muschel, die vom Grund der Ostsee, hatte Änderungen in der Forschungsmethodik der ganzen Region erzwungen. Wissenschaftler suchten nun nach Wegen, die Wachstumslinien zu zählen, ohne das Tier zu töten. Manche Teams testeten Lasertechniken, andere Isotopenanalysen von der Schalenoberfläche aus. Fachzeitschriften berichteten darüber, es gab Vorträge auf Tagungen.
Jede Linie in dieser Schale war ein Jahr der Meeresbedingungen gewesen – eine Aufzeichnung von Temperatur, Salzgehalt, Verschmutzung. Indem sie sich fünfhundertmal geschlossen hatte, hatte diese Muschel Daten bewahrt, von denen Meteorologen nur träumen können. Jetzt stand im ehemaligen Räucherhaus-Lager ein Tomograf, Kabel führten zu einem Tisch mit einer Wanne voll Meerwasser, und an der Tür hing eine ausgedruckte Verfahrensanweisung mit der Unterschrift der Stationsleiterin.
Ein Jahr später, bei einer Routinefahrt vor Rügen, holten wir eine weitere Muschel an Bord. Größer, schwerer. Jonas nahm sie in die Hand und sah mich an. Er musste nichts sagen. Ich wusste, was er dachte: Und wenn die noch älter ist?
Diesmal öffneten wir die Schale nicht.
Ein Team aus Greifswald kam mit einem mobilen Tomografen. Sie bauten die Geräte im alten Räucherhaus-Lager auf, verlegten Kabel, schlossen die Stromversorgung an. Die Muschel lag auf dem Tisch, in einer flachen Wanne mit Meerwasser, öffnete alle paar Minuten ihren Siphon, filterte Tropfen für Tropfen. Herr Brandt brachte ihr sogar Algen aus der Küche, aber Kathrin ließ sie wegnehmen, weil man nicht wusste, was daran haftete.
Die Bildgebung dauerte mehrere Stunden. Die Wachstumslinien erschienen auf dem Bildschirm wie Jahresringe im Querschnitt einer alten Kiefer. Jonas zählte angespannt, dann verkündete er:
„Dreihundertzweiundzwanzig Jahre.“
Jünger als die andere. Wir atmeten auf. Das Tier kehrte am nächsten Tag ins Meer zurück, mit dem Kutter, der zur Überwachungsfahrt ausgelaufen war. Kathrin wollte es gleich an der Mole ins Wasser setzen, aber Jonas meinte, besser weiter draußen, damit niemand es für eine Suppe herausfischt. Wir ließen es bei der Messboje hinab, dort, wo der Grund weich und schlammig ist. Ideal für jemanden, der vorhat, dort die nächsten dreihundert Jahre zu verbringen.
Ich kam nach Einbruch der Dunkelheit zurück zur Station. Die Laborfenster waren erleuchtet, auf dem Parkplatz stand ein Kleinbus aus Greifswald mit Satellitenschüssel auf dem Dach. Der Wind trug den Geruch von Räucherfisch und nassem Sand herüber. Ich blieb auf der Mole stehen und schaute auf das dunkle Wasser der Bucht, dorthin, wo einige Meter unter der Oberfläche jetzt eine Muschel bei der Boje lag, im Schlick, mit geschlossener Schale.
Hinter mir, in den Laborfenstern, arbeitete noch jemand am Computer und schob den Cursor über das Tomografiebild. Ich schaltete die Taschenlampe aus und ging auf das Licht zu.
