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Vierzig Jahre für zwei Ringe
Es war ein Dienstagabend im März, Berlin, 1974, als Mira Volkmann zum ersten Mal die Tür zu Zimmer 212 des Hotels am Gendarmenmarkt öffnete und wusste: Das war's. Keine Vorwarnung, kein langsames Herantasten. Nur dieser eine Moment, in dem eine Frau mit viel zu kurzen Shorts, hochgeschnürten Stiefeletten und einem winzigen Rucksack über der Schulter den Raum betrat, als gehöre er ihr.
Das Zimmer roch nach kaltem Zigarettenrauch und dem Rosenwasser, mit dem das Hotel offenbar jeden Flur besprühte. Jemand hatte das Fenster einen Spalt offen gelassen, und von der Straße drang das Klappern der Pferdedroschke herauf, die abends am Gendarmenmarkt für Touristen fuhr. Elke, Miras Freundin, hatte den Abend organisiert, ein loses Treffen mit drei, vier Leuten vom Theater, Wein aus Pappbechern, weil die Gläser fehlten. Mira saß auf der Fensterbank, eine Zigarette zwischen den Fingern, als die Tür aufging und diese Frau hereinkam, die sich nicht vorstellte, sondern einfach fragte: „Ist das hier der Wein, von dem alle reden, oder der, den keiner trinkt?"
Clara Leising, eine Drehbuchautorin aus Leipzig, erst vor wenigen Monaten in den Westen übergesiedelt, hatte mit einer Fernsehserie für Aufsehen gesorgt, die Mira zweimal gesehen hatte, einmal aus Interesse, einmal weil sie den Namen im Vorspann noch einmal lesen wollte. Clara nahm sich einen Pappbecher, kostete den Wein, verzog das Gesicht und sagte: „Der ist, von dem keiner trinkt." Mira lachte so unvermittelt, dass sie sich an der Zigarette verschluckte.
Zwei Minuten. Mehr brauchte es nicht.
„Ich schwöre dir", erzählte Mira Jahrzehnte später einer Journalistin, „ich war in zwei Minuten verliebt. Nicht in fünf. In zwei."
Wenige Tage später musste Mira für eine Tournee nach München. Als sie zurückkam, rief sie Clara an und fragte, ob sie mit ihr essen gehen wolle. Clara sagte zu, und was als Verabredung begann, wurde schnell zu etwas, das keiner von beiden gleich einen Namen geben konnte. Clara verstand, was unter den Figuren lag, die Mira auf der Bühne erschuf, sah die Einsamkeit hinter dem Witz, bevor Mira sie selbst benennen konnte. Und Mira gab diesen Figuren, die Clara zu Papier brachte, einen Puls, eine Stimme, einen Körper.
Clara schrieb nicht einfach Pointen. Sie schrieb über Frauen, die niemand ansah, über Kinder, die zu früh erwachsen werden mussten, über Menschen am Rand jeder Gesellschaft, die durchs Raster fielen. Mira brachte das Publikum zum Lachen – und dann, fast unbemerkt, brach sie ihm das Herz.
Im Herbst 1976 klingelte abends das Telefon in der Wohnung am Prenzlauer Berg. Der Redakteur einer großen Illustrierten bot Mira ein Titelporträt an, dreitausend Mark Honorar, eine Fotostrecke, ein großes Interview. Die einzige Bedingung: Sie solle offen über ihre Beziehung zu Clara sprechen. Mira legte den Hörer auf die Anrichte, blieb stehen, die Hand noch auf dem schwarzen Bakelit, und sagte kein Wort. Clara, die am Küchentisch saß und Seiten korrigierte, fragte nicht, was los war. Sie wusste es.
„Dreitausend Mark", sagte Mira schließlich.
„Dann nimm sie", sagte Clara, ohne aufzuschauen.
„Für eine Schlagzeile über uns?"
Clara legte den Stift hin. „Für eine Schlagzeile, die aus zwei Frauen, die zusammen arbeiten, eine Sensation macht. Und aus mir die Frau hinter dem Komiker."
Sie stritten bis nach Mitternacht, nicht laut, aber zäh, mit den immer gleichen drei Sätzen, die beide abwechselnd wiederholten, bis keiner mehr wusste, wer zuerst angefangen hatte. Am nächsten Morgen rief Mira den Redakteur zurück und sagte ab. Im engeren Kreis der Theaterwelt wusste jeder, dass die beiden Frauen zusammen waren. Sie versteckten sich nicht, sie logen niemanden an. Aber die Schlagzeile, die ihre gemeinsame Arbeit verschlucken würde, bekam niemand.
Das Geld fehlte in diesem Winter. Es fehlte auch im nächsten.
Ihr größter gemeinsamer Erfolg kam Mitte der achtziger Jahre mit einem Theaterstück, das Clara für Mira geschrieben hatte – ein Solo-Programm mit über einem Dutzend Figuren, durch die Mira sich an einem Abend hindurchbewegte, ohne die Bühne je zu verlassen. Eine einzige Zeile Dialog im dritten Bild hatten sie drei Tage lang verhandelt, Clara bestand auf „Ich habe nichts vergessen, ich habe nur aufgehört zu suchen", Mira wollte den Satz kürzer, schärfer, ohne das zweite Komma. Am dritten Abend, beide mit roten Augen vor Müdigkeit, am Küchentisch, strich Clara das Komma, ließ den Satz aber stehen, und Mira sprach ihn am Premierenabend genau so, wie Clara ihn geschrieben hatte. Die Kritiker waren überwältigt. Mira erhielt dafür einen der bedeutendsten deutschen Theaterpreise und sagte in jedem Interview danach denselben Satz: „Dieser Preis gehört genauso Clara wie mir."
Die Jahre dazwischen hatten ihre eigene Geographie: die Wohnung am Prenzlauer Berg, später ein Haus am Stadtrand von Köln mit einem Birnbaum, der nie richtig Früchte trug, Koffer, die halb gepackt in der Diele standen, weil wieder eine Tournee bevorstand.
Am 31. Dezember 2013, kurz vor fünf Uhr nachmittags, standen sie in einem kleinen Garten hinter dem Haus einer gemeinsamen Freundin in Hamburg. Auf dem Gartentisch lagen Mandarinen, eine Schüssel mit Linsensuppe, die niemand anfasste, und eine Flasche Sekt, die noch niemand geöffnet hatte. Ein Standesbeamter, extra für diesen Nachmittag gekommen, stand zwischen den beiden Frauen, die seit neununddreißig Jahren zusammen waren. Keine große Feier, keine Presse, nur vier, fünf engste Freunde, die froren und es nicht sagten.
Niemand hatte an Ringe gedacht.
Mira war eine halbe Stunde vorher ins Schlafzimmer gegangen, hatte in einer alten Schmuckschatulle ihrer Großmutter gekramt und zwei schlichte Ringe gefunden, die sie vor Jahren auf dem Vogelmarkt in Antwerpen gekauft hatte, zwölf Euro das Paar, nicht aufeinander abgestimmt, der eine innen leicht verbogen. Getragen hatte sie beide nie.
Vor dem Standesbeamten war Claras Ring eine Nummer zu groß und rutschte beim Anlegen fast vom Finger. Clara schloss die Hand zur Faust, hielt ihn fest, und schaute Mira über den Gartentisch hinweg an.
„Der wird schon noch passen", sagte sie. „Wir hatten ja Zeit genug, uns aneinander zu gewöhnen."
