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Der Zaun in Wetterau

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„Mutter, dieses Jahr schaff ich es wieder nicht, in Nürnberg vorbeizukommen." Renate Brandstetter sagte es am Telefon, den Blick auf die Kaffeemaschine in der winzigen Küche ihrer Dienstwohnung in Genua gerichtet. Am anderen Ende, in einem Dorf in der Wetterau, hörte man nur ein leises Rascheln – ihre Mutter hantierte gerade mit dem Hörer und einem Geschirrtuch gleichzeitig.

Seit elf Jahren pendelte Renate zwischen Deutschland und Italien. Mit 52 hatte sie als Betreuungskraft für eine alte Signora in einem Vorort von Genua angeheuert, nachdem ihre Ehe in Frankfurt zerbrochen war und die Alimente nicht reichten. „Ein Jahr, Mutter, dann bin ich zurück", hatte sie damals gesagt, den Koffer noch am ICE-Bahnsteig in der Hand. Aus dem einen Jahr wurden zwei. Dann fünf. Dann elf.

Immer kam etwas dazwischen. Eine Zahnbehandlung, die 2.800 Euro kostete und die Kasse nicht übernahm. Ein neues Dach für das Fachwerkhaus in der Wetterau, achttausend Euro, die sie in Raten überwies. Eine Zeit, in der es in Hessen keine passende Stelle gab. Und Renate blieb.

In Genua wusch sie eine 89-jährige Frau, kochte ihr Minestrone, richtete die Tabletten in einem Wochendispenser aus dem Drogeriemarkt und wachte nachts auf, wenn die Alte nach ihr rief. Manchmal, während sie das Kopfkissen glattstrich, dachte sie an ihre eigene Mutter. Frau Ingeborg Vogt war 78, lebte allein in dem Haus mit dem Nussbaum vor der Tür, seit der Vater vor sechs Jahren gestorben war.

„Mir geht's gut, Mutter", sagte Renate jedes Mal am Telefon.

„Sicher?"

„Sicher. Pass du lieber auf dich auf."

Renate wusste, dass es nicht ganz stimmte. Die Mutter humpelte inzwischen beim Treppensteigen, die Knie machten nicht mehr mit, Holz für den Kamin konnte sie kaum noch tragen. Beklagt hatte sie sich nie.

Sonntags telefonierten sie per Video. Renate zeigte manchmal die Gassen von Genua, die Wäscheleinen zwischen den Häusern, das Meer in der Ferne. Ingeborg drehte das Handy zum Garten.

„Schau, die Geranien blühen."

„Sind das noch die, die ich dir mitgebracht hab?"

„Was denkst du denn."

Nach jedem Gespräch saß die Mutter noch ein paar Minuten mit dem Telefon in der Hand da. Dann wurde es still im Haus. In den letzten vier Jahren war Renate genau einmal heimgekommen, für vier Tage im Sommer. Jedes Mal, wenn sie einen Besuch ankündigte, kam etwas bei der Arbeit dazwischen.

An einem Abend im September fragte die Mutter: „Renate, seh ich dich dieses Jahr überhaupt?"

Renate schwieg. Der Flug war schon gebucht, der Koffer fast gepackt – Sixt-Rail nach Frankfurt, dann mit dem Zug weiter. Aber sie wollte überraschen.

„Ich glaub nicht, Mutter."

Stille in der Leitung.

„Ach so."

„Ich kann die Alte jetzt nicht allein lassen. Es hat sonst niemand Zeit für sie."

Die Mutter gab sich Mühe, munter zu klingen. „Ist schon gut. Hauptsache, du bist gesund."

„Bist du sauer?"

„Wie käm ich dazu."

Dann sagte Ingeborg etwas, das Renate noch lange im Kopf behalten sollte: „Weißt du, in meinem Alter zähl ich keine Jahre mehr. Ich zähl, wie oft ich euch noch sehen darf."

Renate legte auf und weinte in der Küche, während das Nudelwasser überkochte.

Zwei Tage später, kurz nach dem Mittagessen, hielt ein Taxi am Ortsrand von Weckesheim. Renate stieg aus, den Rucksack über der Schulter, den großen Koffer hinter sich herziehend. Sie bat den Fahrer, nicht bis zum Haus vorzufahren – die letzten zweihundert Meter wollte sie zu Fuß gehen.

Mit jedem Schritt erkannte sie etwas wieder. Den Zaun der Nachbarn, den Nussbaum an der Kreuzung, den alten Brunnen, das Gartentor, das sie als Kind hundertfach auf- und zugeschlagen hatte. Irgendwo bellte Nachbars Dackel, wie er es schon vor elf Jahren getan hatte. Im Hof goss die Mutter die Blumen.

Renate blieb vor dem Tor stehen. Ein paar Sekunden brachte sie kein Wort heraus.

„Mutter!"

Die alte Frau drehte sich um, sah zum Tor, als traue sie ihren Augen nicht. Die Gießkanne fiel ihr aus der Hand, das Wasser lief über die Steinplatten.

„Renate?"

Die Tochter breitete die Arme aus. „Ich bin da, Mutter."

Ingeborg schlug beide Hände vor den Mund. Dann brach es aus ihr heraus. Renate ließ den Koffer am Zaun stehen und rannte zu ihr. Sie umarmten sich lange, ohne ein Wort. Die Mutter hielt sie mit beiden Armen fest, als fürchte sie, Renate würde sich sonst gleich wieder Richtung Genua drehen.

„Du hast mich angelogen."

Renate lachte und weinte zugleich. „Nur dieses eine Mal."

„Du hast gesagt, du kommst nicht."

„Wenn ich's dir gesagt hätte, hättest du zwei Nächte nicht geschlafen."

Die Mutter fasste ihr an die Wangen. „Lass mich dich anschauen."

„Was gibt's da zu sehen?"

„Ob meine Tochter noch da drin steckt."

Renate lächelte. „Und?"

Die Alte zog sie noch einmal an sich. „Immer noch meine."

An diesem Abend gab es nichts Feierliches. Kein Restaurant, kein Sekt. Ingeborg stellte Kartoffelsalat, Griebenschmalz, Brot aus der Dorfbäckerei und Radieschen aus dem eigenen Beet auf den Küchentisch. Renate aß, als wäre es das beste Essen ihres Lebens.

„In Italien hast du doch alles", sagte die Mutter.

„Hab ich auch."

„Warum isst du dann so?"

Renate sah sich um. Die Küche, in der sie aufgewachsen war. Das Geschirrtuch am Haken neben dem Herd. Die Kaminuhr, die fünf Minuten vorging, seit sie denken konnte. Ihre Mutter ihr gegenüber.

„Weil ich das da drüben nicht hab."

Ingeborg sagte nichts mehr dazu.

In den folgenden Tagen tat Renate Dinge, die sie früher gar nicht bemerkt hätte. Sie fuhr mit der Mutter zum Wochenmarkt in Friedberg. Holte die Blutdrucktabletten aus der Apotheke. Reparierte den Zaun, der schon seit Jahren schief hing. Sie tranken morgens gemeinsam Kaffee, saßen abends auf der Bank vor dem Haus, ohne zu reden.

Eines Tages fragte die Mutter: „Wann fährst du wieder?"

„In zwei Wochen."

Ingeborg senkte den Blick. „Geht schnell vorbei."

„Ich weiß."

Renate nahm ihre Hand. „Aber diesmal lass ich nicht wieder Jahre vergehen, bis ich komme."

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst."

„Ich kann's halten."

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Renate etwas verstanden. Sie war nach Italien gegangen, um ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Geld hatte sie geschickt, Pakete, Kleidung, Medikamente. Das neue Dach bezahlt, Rechnungen beglichen. Aber es gab etwas, das sich nicht in ein Paket packen und nicht per Überweisung schicken ließ: gemeinsam verbrachte Zeit.

Am letzten Abend vor der Abreise saßen sie noch einmal am Küchentisch, und Renate holte den Ordner mit den Kontoauszügen aus dem Schrank – elf Jahre lang hatte sie monatlich zwischen 300 und 450 Euro nach Hause überwiesen, insgesamt über 45.000 Euro, alles fein säuberlich in einem grünen Aktenordner abgeheftet, den die Mutter nie aufgemacht hatte. Renate legte ihn auf den Tisch.

„Ich will was anderes machen, Mutter. Ab nächstem Jahr geh ich auf halbe Stelle in Genua. Sechs Monate dort, sechs Monate hier. Ich hab schon mit meiner Chefin gesprochen, sie sucht eine zweite Kraft für die Wochen, in denen ich nicht da bin."

Ingeborg sah sie an, als müsse sie das erst sacken lassen. „Und das Geld?"

„Reicht trotzdem. Ich brauch nicht mehr so viel wie früher – die Wohnung in Genua wird geteilt, die Miete halbiert sich."

Am Tag der Abreise fotografierten sie sich am Gartentor, den Nussbaum im Hintergrund. Ingeborg hielt sie fest umschlungen. Renate blickte mit feuchten Augen in die Handykamera. Die Mutter lächelte – nicht wegen des Koffers, der aus Italien gekommen war, und nicht wegen dessen Inhalts. Sondern wegen der Frau, die neben dem Koffer stand.

Sechs Wochen später klingelte in Weckesheim erneut das Telefon. Diesmal war es Renate, die anrief, um zu sagen, dass ihr Flug für Weihnachten schon gebucht sei – zwölf Tage, nicht vier. Am anderen Ende hörte man, wie die Gießkanne wieder abgestellt wurde, diesmal ohne dass etwas herunterfiel.

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