З життя
Das Sparbuch von Marlene Hoffmann
Ich arbeite seit sechzehn Jahren als Kassiererin bei der Volksbank in Lüneburg, Filiale am Marktplatz, und man glaubt gar nicht, wie viel man über Familien lernt, wenn man nur zuschaut, wie Geld die Hand wechselt.
Frau Hoffmann kannte ich seit Jahren. Sie kam immer donnerstags, kurz nach der Rente, mit ihrem karierten Rollator und einem Netz voll Wurstbrot vom Bäcker Steinbach nebenan. Siebenundsiebzig Jahre alt, Witwe seit elf Jahren, wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung in der Altstadt, dritter Stock ohne Aufzug. Ihr Sohn Torsten war Zahnarzt, hatte eine eigene Praxis drüben in Bardowick, fuhr einen Audi Q7 und kam, soweit ich das mitbekam, vielleicht dreimal im Jahr vorbei. Weihnachten, Geburtstag, manchmal Ostern.
Ich weiß das, weil Frau Hoffmann es mir erzählte, während ich ihre Überweisungen tippte. Nicht klagend. Eher so, wie man das Wetter beschreibt. „Torsten hat viel zu tun", sagte sie dann und lächelte kurz, als müsste sie sich selbst überzeugen.
Im März wurde es anders. Sie kam an einem Dienstag, nicht donnerstags, ohne Rollator, mit dem Bus. Ich erinnere mich, weil draußen dieser scharfe Ostwind ging, der einem die Wäsche vom Balkon reißt, und sie fror in ihrem dünnen Mantel. Sie wollte ihr Sparbuch auflösen. Zweiundvierzigtausend Euro. Ihr ganzes Erspartes aus einem Leben als Verkäuferin im Kaufhof, plus was ihr Mann Gerhard hinterlassen hatte.
„Für die Praxis", sagte sie, während sie den Auszahlungsantrag ausfüllte, ihre Hand zitterte ein bisschen, aber die Schrift blieb ordentlich. „Torsten braucht eine neue Röntgenanlage. Er hat gesagt, wenn ich das vorstrecke, zahlt er's mir in Raten zurück, mit Zinsen sogar."
Ich hatte damals gerade Feierabend in einer halben Stunde und eigentlich keine Zeit für lange Gespräche — die Bahn nach Hause fuhr um Viertel nach fünf, und ich wollte sie nicht verpassen. Aber irgendwas ließ mich innehalten. Man merkt das nach sechzehn Jahren am Schalter: dieses bestimmte Zögern, wenn jemand ein Leben lang Erspartes weggibt und selbst nicht ganz daran glaubt.
„Haben Sie das schriftlich, Frau Hoffmann? Einen Vertrag?"
Sie schüttelte den Kopf. „Er ist doch mein Sohn."
Ich sagte nichts weiter dazu, buchte die Auszahlung, wie es meine Aufgabe war. Was sollte ich auch machen — es war ihr Geld, ihr Recht.
Die nächsten Monate sah ich sie seltener. Einmal im Mai, kurz, sie hob hundertfünfzig Euro ab für die Nebenkostenabrechnung und wirkte müde, die Augenringe tiefer als sonst. Im Juli erzählte sie mir, die Röntgenanlage sei installiert, alles laufe gut in der Praxis, Torsten sei sehr beschäftigt gerade.
Im September kam sie nicht mehr donnerstags. Auch nicht dienstags. Ich fragte die Kollegin von der SB-Zone, ob sie was gehört hätte — nichts. Erst im Oktober sah ich sie wieder, und sie sah aus, als wäre sie in drei Monaten um zehn Jahre gealtert. Der Wintermantel, den sie trug, war der gleiche von vor drei Jahren, an den Ärmeln schon fadenscheinig.
Sie wollte wissen, wie viel noch auf dem Konto war. Ich sah es ihr am Bildschirm — dreihundertzwölf Euro. Sie nickte nur, bedankte sich, ging.
Was dann geschah, weiß ich nur in Bruchstücken, von ihr selbst erzählt und von Frau Bittner, ihrer Nachbarin, die manchmal mit ihr zur Bank kam. Torsten hatte im Dezember angerufen — zum ersten Mal seit dem Sommer. Nicht um zu fragen, wie es ihr geht. Er brauchte wieder Geld, diesmal für die Steuernachzahlung der Praxis, achtzehntausend Euro, und er hatte schon vorausgesetzt, dass seine Mutter aushelfen würde, so wie beim letzten Mal.
Frau Bittner erzählte mir später, an der Kasse, während sie ihre eigene Rente abhob: „Marlene hat aufgelegt. Einfach so. Mitten im Satz."
Ich sah Frau Hoffmann Anfang Januar wieder, an einem Donnerstag, wie früher, mit dem Rollator. Draußen lag der erste Schnee dieses Winters, dünn und schon grau vom Streusalz auf dem Marktplatz. Sie brachte einen Ordner mit, dunkelblau, mit Aufklebern der Sparkasse-Werbung drauf, aus einer anderen Zeit vermutlich.
„Ich brauche einen Termin bei der Rechtsabteilung", sagte sie. „Wegen einer notariellen Vollmacht. Ich möchte meine Bankvollmacht widerrufen, die Torsten hatte, seit Gerhard gestorben ist. Und ich möchte mein Testament ändern lassen."
Ich vermittelte den Kontakt zu unserem Kundenberater, Herrn Wexler, der solche Dinge bearbeitet. Was in dem Gespräch genau besprochen wurde, weiß ich nicht — das ist nicht meine Abteilung, und zu Recht nicht. Aber ich sah sie zwei Wochen später aus seinem Büro kommen, den blauen Ordner unterm Arm, und diesmal hatte sie den Rollator einfach stehen lassen und ging die paar Schritte zur Tür ohne ihn, aufrecht, fast trotzig.
An der Tür drehte sie sich noch mal um und kam zu meinem Schalter, obwohl keine Kundschaft anstand.
„Wissen Sie", sagte sie, „ich habe die kleine Wohnung, die Gerhard und ich in Bleckede hatten, die Ferienwohnung am Elbdeich — die verkaufe ich jetzt. Die wollte ich eigentlich für Torsten aufheben. Für später." Sie zog die Handschuhe zurecht. „Jetzt kommt das Geld auf ein Konto, das nur auf meinen Namen läuft, mit einer Betreuungsvollmacht für meine Nichte Sabine, nicht für Torsten. Und die Wohnung in der Altstadt vererbe ich Sabine. Sie war die Einzige, die im Krankenhaus war, als ich mir im November die Hüfte angeschlagen habe."
Ich wusste von dem Sturz nichts, sie hatte es mir nie erzählt. Ich nickte nur, weil mir in dem Moment nichts Besseres einfiel.
„Er wird sich melden, wenn er davon erfährt", sagte sie dann, fast ruhig, während sie ihre Handtasche zumachte. „Das weiß ich jetzt schon."
Sie behielt recht. Im März, ein Jahr fast auf den Tag genau nach der ersten Auszahlung, stand Torsten Hoffmann an meinem Schalter. Ich erkannte ihn von den Fotos, die seine Mutter früher manchmal dabei hatte, sein Gesicht rot vor Anstrengung, das Hemd unterm Mantel zerknittert. Er wollte wissen, warum eine Überweisungsvollmacht auf seinem Namen nicht mehr aktiv sei.
Ich durfte ihm dazu nichts sagen — Bankgeheimnis, das kennt jeder, der schon mal am Schalter stand. Ich verwies ihn an Herrn Wexler. Durch die Glaswand seines Büros sah ich die beiden zwanzig Minuten sprechen, Torsten mit hochrotem Kopf, einmal stand er auf, setzte sich wieder. Herr Wexler blieb die ganze Zeit ruhig, schob nur einmal ein Blatt Papier über den Tisch — vermutlich die Kopie des Widerrufs, unterschrieben und notariell beglaubigt.
Als Torsten ging, kam er noch an meiner Kasse vorbei, obwohl da nichts zu erledigen war für ihn. „Hat meine Mutter Ihnen erzählt, warum sie das macht?", fragte er, mehr an sich selbst gerichtet als an mich.
Ich sagte, das sei nicht mein Bereich. Was auch stimmte.
Frau Hoffmann kommt immer noch donnerstags, mit ihrem Rollator, jetzt mit einem neuen Wintermantel, den sie sich von dem Verkaufserlös der Ferienwohnung gekauft hat, dunkelgrün mit Kapuze. Letzte Woche hat sie mir erzählt, Sabine habe sie zum Frühstück in ein Café am Elbufer eingeladen, ganz ohne Anlass, einfach so, an einem gewöhnlichen Mittwoch. Sie hatte dabei dieses Lächeln, das man nicht kaufen kann, egal wie viel man auf dem Konto hat.
Von Torsten habe ich seitdem nichts mehr gehört. Frau Hoffmann erwähnt ihn kaum noch. Nur einmal, im Vorbeigehen, sagte sie, während sie ihr Portemonnaie in die Handtasche steckte: „Weißt du, was komisch ist? Seit ich nichts mehr zu geben habe, ruft er gar nicht mehr an. Aber Sabine war gestern einfach da. Mit Kuchen."
