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Die Kette von Elena

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Es war ein Dienstagnachmittag im Oktober, als Carolin Ahrens die Kette von Marlene Fuchs' Hals riss.

Der Juweliersalon in der Düsseldorfer Altstadt war gut besucht an diesem Nachmittag. Leute standen vor den Vitrinen, betrachteten Ringe, ließen sich von den Verkäuferinnen beraten. Carolin war gekommen, um eine Reparatur abzuholen, ihr Mann besaß eine Steuerberatungskanzlei mit sechs Angestellten, und Geld spielte bei ihr nie eine Rolle. Sie trug einen cremefarbenen Mantel von Max Mara und hatte ihre Perlenkette gerade noch in der Hand, als sie die andere Frau sah.

Marlene stand an der Vitrine mit den Verlobungsringen, in einem Mantel, dessen Ärmel ausgefranst waren, und um ihren Hals lag eine Diamantkette, die nicht zu ihrer Kleidung passen wollte.

„Das gibt's doch nicht", sagte Carolin laut genug, dass drei Leute sich umdrehten. Sie trat näher, musterte das Collier, dann riss sie es Marlene vom Hals, der Verschluss sprang auf, ein paar Glieder der Kette klirrten auf den Boden.

Marlene taumelte zurück, die Hand an der Kehle, wo die Kette sie gekratzt hatte. Ihre Augen füllten sich sofort mit Tränen.

„Glaubst du wirklich, das fällt niemandem auf?", fauchte Carolin und hielt die Kette hoch, damit alle im Laden sie sehen konnten. „Das Stück ist mehr wert als dein ganzes Leben."

Marlene schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das hat meiner Mutter gehört."

Jemand lachte leise. Carolin verdrehte die Augen. „Das sagen sie alle."

Dann sagte sie das eine Wort, das alles veränderte.

„Diebin."

Marlene erstarrte, die Hand noch an der roten Stelle am Hals, der Mund halb offen, als wollte sie etwas sagen, das nicht kam.

Da flog die Tür zur Werkstatt im hinteren Teil des Ladens auf. Herr Dobrowski, der alte Juwelier, der den Laden seit vierzig Jahren führte, kam eilig herein, eine Lupe noch in der Brusttasche seines Kittels.

„Was ist hier los?"

Carolin zeigte sofort auf die Kette in ihrer Hand. „Diese Frau läuft hier mit Schmuck herum, den sie sich niemals leisten könnte."

Der Juwelier nahm ihr die Kette aus der Hand, fast grob, und hielt sie dicht vor die Augen. Seine Finger wanderten zum Anhänger, suchten etwas an der Rückseite, als hätten sie es schon hundertmal getan.

„Wo haben Sie das her?", fragte er Marlene, ohne aufzublicken.

„Von meiner Mutter." Marlenes Stimme kippte. „Sie ist tot. Das ist alles, was ich von ihr habe."

Der Juwelier fand den winzigen, versteckten Verschluss am Rand des Anhängers und klappte ihn mit dem Fingernagel auf. Er hielt die Kette näher ans Schaufenster, ins Licht, und seine Hand, die eben noch fest gewesen war, begann zu zittern.

„Das kann nicht sein", murmelte er. Dann, lauter, zu niemandem bestimmt: „Diese Gravur habe ich selbst eingeritzt."

Carolin runzelte die Stirn. „Was für eine Gravur?"

Er drehte den Anhänger so, dass das Licht auf die Innenseite fiel. Eine Verkäuferin beugte sich näher, die Vitrine, die sie eben noch geputzt hatte, halb vergessen.

„Wie heißt Ihre Mutter?", fragte der Juwelier Marlene.

„Elena. Elena Fuchs."

Er nickte, langsam, als würde er etwas in sich bestätigen, das er lieber nicht bestätigt hätte. „Ich habe diese Kette für eine Elena angefertigt. Vor über dreißig Jahren, in meiner ersten Werkstatt in der Wuppertaler Straße. Ich erinnere mich an die Bestellung, weil sie mir eine Anzahlung in Fünfzig-Mark-Scheinen auf den Tresen gezählt hat, Schein für Schein, und weil sie sich nicht sicher war, ob es reicht."

Carolins Hand, die eben noch die Kette gehalten hatte, lag jetzt leer an ihrer Seite. „Das muss eine andere Elena sein. Das ist ein häufiger Name."

„Vielleicht", sagte der Juwelier. Er klappte den kleinen Verschluss ganz auf und drehte den Anhänger so, dass beide Frauen die Innenseite sehen konnten. Dort war eine Gravur eingelassen, winzig, kaum lesbar ohne Lupe. Er zog die Lupe aus der Brusttasche und reichte sie Marlene.

Marlene hielt die Lupe mit zitternden Fingern vor das Auge. „‚Für meine Mädchen E. und C.'", las sie vor, stockend. „‚Für immer verbunden.' Was bedeutet das?"

„Das weiß ich nicht genau", sagte der Juwelier. „Ich habe nur eingraviert, was die Kundin mir aufgeschrieben hat. Ich erinnere mich nur, dass sie zweimal kam. Einmal allein. Und einmal mit einem Säugling im Tragetuch."

Carolin starrte auf die Buchstaben. Dann auf den Juwelier. „Warum erzählen Sie mir das?"

„Weil Sie vorhin sagten, diese Kette sei mehr wert als ihr Leben", sagte er. „Und weil ich mich erinnere, dass die Frau, die sie bestellt hat, zweimal in meinen Büchern stand. Einmal unter Fuchs. Einmal unter einem anderen Namen, den ich mir damals auf einen Zettel geschrieben habe, weil ich die Reparatur an jemand anderen schicken sollte."

Er ging zur Theke, zog eine alte Kassenschublade auf, die er offenbar seit Jahren nicht mehr angefasst hatte, und kramte zwischen vergilbten Quittungsblöcken. Nach einer Weile hielt er einen Zettel hoch, die Tinte verblasst. „Fuchs, E. — Reparatur Verschluss, weiterleiten an Familie Ahrens, Köln."

Im Laden wurde es still. Carolin trat einen Schritt zurück, als hätte man sie geschoben.

„Das ist mein Mädchenname. Vor der Adoption." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich hieß Fuchs, bevor meine Eltern mich bekommen haben. Ich war drei, als sie mich holten. Zu klein, um mich zu erinnern — fast."

Marlene ließ die Lupe sinken. „Drei?"

„Meine Adoptiveltern haben mir erzählt, ich sei als Kleinkind gekommen, nicht als Baby. Sie wollten nie sagen, warum es so lange gedauert hat, bis die Papiere fertig waren." Carolin presste die Lippen zusammen. „Ich habe nie gefragt. Ich wollte nie fragen."

„Meine Mutter hat mir nie von einer Schwester erzählt", sagte Marlene. „Nie ein Wort."

„Vielleicht hat sie es nicht geschafft, darüber zu sprechen", sagte der Juwelier. Er faltete den alten Zettel wieder zusammen, vorsichtig, so wie man etwas behandelt, das zu lange gewartet hat, gefunden zu werden. „Mehr weiß ich nicht. Ich war Juwelier, keine Verwandte. Die beiden Frauen müssen den Rest selbst zusammensetzen."

Carolin griff sich an die Perlenkette um ihren eigenen Hals, als bräuchte sie etwas zum Festhalten. „Meine Adoptiveltern haben mir immer gesagt, meine leibliche Mutter hätte mich nicht gewollt."

„Wann ist deine Mutter gestorben?", fragte Carolin nach einer Pause, die zu lang war.

„Vor elf Jahren. In Wuppertal." Marlene schluckte. „Ich habe ihre Papiere erst Monate später durchsucht, weil ich die Beerdigung organisieren musste und die Kontoauszüge für das Bestattungsinstitut brauchte. Zwischen den Rechnungen lag eine Akte. Ein Adoptionsvermerk. Ein Name — Carolin. Ich dachte, es wäre vielleicht eine Freundin aus ihrer Jugend gewesen. Ich habe nie weitergefragt. Ich hatte selbst kaum Geld, um die Bestattung zu bezahlen, am Ende blieb mir nur die Kette, die ich in ihrer Schublade fand."

Im Laden rührte sich niemand. Die Verkäuferin stand noch immer mit dem Lappen in der Hand, die Vitrine längst trocken.

Carolin ließ die leere Hand, die eben noch die Kette gehalten hatte, langsam sinken. „Elf Jahre. Ich hätte sie kennenlernen können."

„Du hast ihre Adresse gehabt?", fragte Marlene.

„Ich wusste nicht einmal ihren Namen, bis vor fünf Minuten", sagte Carolin.

Der Juwelier reichte die Kette Marlene zurück, mit beiden Händen, wie man etwas Kostbares übergibt. „Sie gehört Ihnen. Das Dokument in meiner Schublade sagt mir nur, wem sie einmal gehört hat. Was sie jetzt bedeutet, müssen Sie beide entscheiden."

Marlene nahm sie, aber ihre Finger zitterten stärker als vorhin, als Carolin sie ihr vom Hals gerissen hatte.

Drei Wochen später saßen die beiden Frauen in einem Café am Rheinufer, ein Ordner lag zwischen ihnen auf dem Tisch. Marlene hatte ihn mitgebracht: die Sterbeurkunde ihrer Mutter, die Kopie der Adoptionsakte, die ein Anwalt in Wuppertal für zweihundertzehn Euro aus dem Familiengericht herausgesucht hatte, und ein altes Foto, auf dem Elena ein Kleinkind an der Hand hielt und ein Baby im Arm trug.

„Ich habe mit meinem Mann gesprochen", sagte Carolin. „Wir haben ein Konto eröffnet, auf beide unsere Namen. Für das Grab. Es ist seit Jahren nicht gepflegt, die Steuerberaterin, die sich sonst um unsere Finanzen kümmert, hat mir geholfen, die Friedhofsgebühren für die nächsten zwanzig Jahre im Voraus zu begleichen. Viertausendzweihundert Euro. Ich wollte, dass jemand sich darum kümmert, auch wenn keine von uns in der Stadt lebt."

Marlene nickte, die Augen feucht, aber sie weinte nicht mehr so wie im Laden.

„Und die Kette", sagte Carolin, „behältst du. Ganz. Ich will keinen Anteil, keinen Streit darüber. Sie war nie meine, ich habe sie mir nur eingebildet, weil ich dachte, du könntest sie dir nicht leisten. Dabei hattest du mehr Recht darauf als ich, die ganze Zeit."

Sie schob stattdessen einen Umschlag über den Tisch. Darin lag kein Geld, sondern eine Kopie des Fotos, vergrößert und in einem schmalen Rahmen, den sie selbst ausgesucht hatte.

„Für dein Regal", sagte sie. „Damit du sie nicht nur im Ordner hast."

Marlene strich mit dem Daumen über das Glas. „Willst du sie manchmal tragen? Die Kette, meine ich."

Carolin schwieg einen Moment zu lang, dann zog sie den Reißverschluss ihrer Handtasche auf und zu, zweimal, bevor sie antwortete.

„Frag mich nächstes Jahr noch mal", sagte sie. „Erst müssen wir uns kennenlernen."

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