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Die Henkeltasse auf der Fensterbank
Ich bin neunundfünfzig. Nach der Scheidung von Jürgen habe ich vierzehn Jahre allein in meiner Wohnung in Freiburg gelebt, im dritten Stock eines Altbaus in der Wiehre, mit Blick auf die Kastanien im Hof. Am Anfang dachte ich, die Stille würde mich erdrücken. Stattdessen habe ich gelernt, sie zu lieben. Wenn ich abends die Küche aufräumte, war sie morgens noch genauso sauber. Wenn ich mir ein Stück Käsekuchen von der Bäckerei an der Ecke kaufte, wartete er im Kühlschrank auf mich, und niemand hatte ihn mir weggegessen. Wenn ich nach der Arbeit nur Tee trinken und nichts tun wollte, fragte mich keiner, warum das Abendessen noch nicht fertig war.
Natürlich habe ich mich hin und wieder mit Männern verabredet. Ein Kaffee, manchmal ein zweites Treffen. Meistens merkte ich schnell, dass es nichts für mich war. Die einen redeten nur von sich, andere suchten offensichtlich eine Frau, die sie bekocht und ihnen die Wäsche macht, wieder andere waren nett, aber in mir rührte sich einfach nichts.
Dann lernte ich Bernd kennen, über eine Dating-App, in einem Café am Augustinerplatz. Er war anders, dachte ich. Gepflegt, pünktlich, höflich, brachte beim ersten Treffen Tulpen mit, obwohl es November war. Er erzählte, wie wichtig ihm Ordnung sei, ein ruhiges Zuhause, gegenseitiger Respekt. Nach vier Monaten fragte er, ob er nicht für eine Weile zu mir ziehen könnte, um zu sehen, ob wir zusammenpassen. Ich zögerte lange. Meine Wohnung war meine Festung, mein Rückzugsort, in dem alles genau so war, wie ich es wollte. Trotzdem sagte ich schließlich zu.
Die ersten Tage waren wirklich schön. Wir tranken morgens zusammen Kaffee, abends schauten wir Filme, er umarmte mich in der Küche und sagte, er habe sich lange nicht mehr so wohl gefühlt. Ich dachte sogar, ich hätte mir die ganzen Jahre umsonst Sorgen gemacht, ob ich überhaupt noch jemanden in mein Leben lassen könnte.
Aber dann kamen die Tassen. Eine auf dem Couchtisch, eine neben dem Bett, eine dritte auf der Fensterbank im Wohnzimmer, mit kaltem Kaffeesatz am Boden. Dann Socken neben dem Sofa. Dann schmutzige Teller in der Spüle, die er einfach stehen ließ. Ich räumte zuerst still hinterher. Ich dachte, er müsse sich erst noch umstellen. Aber nach zwei Wochen fühlte sich meine Wohnung nicht mehr wie meine Wohnung an.
Ich arbeite als Abteilungsleiterin in einer Versicherung, mit wechselnden Terminen, oft komme ich erst gegen halb acht heim, manchmal später, wenn es Quartalsabschluss gibt. An einem solchen Abend, die Füße taten mir weh, der Kopf brummte, kam ich heim und fand in der Küche einen Berg schmutziges Geschirr. Auf dem Herd stand ein leerer Topf. Im Kühlschrank war nichts zu finden, was ich schnell hätte essen können, denn das, was ich am Vortag gekocht hatte, eine Linsensuppe, hatte Bernd vollständig aufgegessen. Er hatte mir nicht einmal eine Portion übrig gelassen.
Als ich ihm das erste Mal ruhig sagte, es wäre schön, wenn wir uns den Haushalt teilen könnten, war er beleidigt. Er sagte, er sei den ganzen Tag ohnehin erschöpft. Als ich ihn bat, wenigstens sein Geschirr selbst abzuwaschen, seufzte er, als hätte ich ihn gebeten, ein Haus zu bauen. Als ich vorschlug, er könne doch einmal selbst einkaufen gehen, rief er mich stattdessen während der Arbeitszeit an und diktierte mir eine Liste. Geld für Lebensmittel gab er nie dazu. Er aß mit, wohnte bei mir, nutzte alles, aber irgendwie sollte ich allein dafür sorgen, dass dieses gemeinsame Leben funktioniert.
Am Abend, von dem ich jetzt erzählen will, kam ich nach einem besonders anstrengenden Tag heim. Mein Rücken schmerzte, ich dachte nur noch an die Gemüsesuppe, die ich im Kühlschrank zurückgelassen hatte. Ich öffnete die Tür und sah den leeren Topf. Bernd lag auf dem Sofa, die Fernbedienung auf dem Bauch, irgendeine Krimiserie lief. Ich fragte ihn, ob er wenigstens einmal daran gedacht habe, dass ich nach der Arbeit auch Hunger haben könnte. Er rührte sich nicht vom Sofa. Er sagte nur, die Suppe sei lecker gewesen, und wenn ich wolle, könne ich mir doch etwas kochen.
In diesem Moment kochte in mir zum ersten Mal richtig die Wut hoch. Ich bin kein Mädchen mehr, das beweisen muss, eine gute Hausfrau zu sein. Keine Ehefrau, die Angst hat, was die Leute sagen. Keine Frau, die einen Mann bedienen muss, nur damit im Haus eine „männliche Schulter" vorhanden ist. Ich setzte mich zu ihm, schaltete den Fernseher aus und sagte, wenn wir zusammen leben, dann müssten auch die Pflichten geteilt sein. Dass ich keine Köchin bin, keine Putzfrau, keine Hotelangestellte. Dass bei mir niemand wie ein Herr wohnen wird, der nach sich Unordnung hinterlässt.
Er wurde sofort wütend. Er fing an zu reden, ich würde übertreiben, zu viel verlangen, andere Frauen wären glücklich, wenn überhaupt ein Mann an ihrer Seite sei. Dann sagte er den Satz, nach dem mir alles klar wurde: „Das ist deine Wohnung, also kümmere du dich darum. Ich bin bei dir wie ein Gast. Und mit einem Gast geht man anständig um."
Ich sah ihn ein paar Sekunden an und musste tatsächlich lachen. Nicht weil es witzig war, sondern weil ich sonst angefangen hätte zu schreien. Dann stand ich auf, ging ins Schlafzimmer, holte seinen Reisekoffer aus dem Schrank, legte seine Hemden, Rasierzeug und Hausschuhe hinein und stellte alles vor die Wohnungstür. Er sprang vom Sofa und fragte, was ich mache. Ich antwortete ruhig: „Das Hotel schließt."
Er versuchte noch zu erklären, ich sei übereilt, würde es später bereuen, dass eine Frau in meinem Alter nicht mit Männern herumwerfen solle. Aber meine Entscheidung stand bereits fest. Ich öffnete die Tür und bat ihn zu gehen. So endete unser gemeinsames Leben nach drei Wochen.
Am nächsten Morgen rief ich meine Freundin Sabine an, die seit zwanzig Jahren im Mietrecht als Anwältin arbeitet, nur um sicherzugehen. Bernd hatte keinen Mietvertrag, keinen Cent an mich gezahlt, nichts, was ihm irgendein Recht an meiner Wohnung gegeben hätte. Trotzdem ließ ich mir die Lage schriftlich bestätigen, ein kurzes Schreiben per E-Mail, das ich ausdruckte und in den Ordner mit meinen Wohnungsunterlagen legte, zusammen mit dem Mietvertrag und der letzten Nebenkostenabrechnung. Für alle Fälle, falls er es sich später anders überlegen und behaupten würde, er habe doch irgendein Anrecht gehabt.
Zwei Tage später klingelte er noch einmal. Ich öffnete die Tür nur so weit, wie die Kette es zuließ. Er sagte, er habe sein Ladegerät vergessen und ob er kurz reinkommen könne, um zu reden. Ich reichte ihm das Ladegerät durch den Spalt und sagte, zu reden gäbe es nichts mehr. Er stand noch eine Weile im Treppenhaus, das hörte ich, dann ging er.
Ich wechselte in dieser Woche trotzdem das Schloss der Wohnungstür, für hundertzwanzig Euro beim Schlüsseldienst in der Adlerstraße, einfach, damit ich wieder ganz sicher wusste, dass nur ich einen Schlüssel zu meinem eigenen Zuhause besitze.
Dann wusch ich das Geschirr. Ich spülte die drei Tassen einzeln aus, rieb den kalten Kaffeesatz vom Boden, bis das Porzellan wieder weiß glänzte, und stellte die Henkeltasse zum Trocknen auf die Fensterbank im Wohnzimmer, genau an die Stelle, an der sie wochenlang mit braunem Satz am Boden gestanden hatte. Ich öffnete das Fenster. Die Kastanien im Hof rauschten leise. Ich machte mir Tee, trug die Tasse in die Küche und setzte mich an den Tisch. Allein. Aber zum ersten Mal seit drei Wochen wieder wirklich bei mir zu Hause.
