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Die Tür von Frau Hollmann

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Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Haustechniker im Seniorenheim „Am Lindenpark" in Osnabrück, und ich habe schon einiges gesehen: Flure, die renoviert wurden, Zimmer, die dreimal umgestrichen wurden, weil der Farbton den Angehörigen nicht gefiel. Aber was letzten Winter mit Tür 214 passiert ist, das hat mich wirklich beschäftigt.

Frau Hollmann war neunzig, als sie zu uns kam. Vorher hatte sie sechsundfünfzig Jahre lang in einem Reihenhaus in Bramsche gewohnt, mit einer dunkelgrünen Haustür und einem Messingklopfer in Löwenform, den ihr verstorbener Mann noch selbst montiert hatte. Das weiß ich nur, weil ihre Tochter, Frau Beckmann, es mir eines Nachmittags erzählte, während sie auf den Aufzug wartete und ich gerade eine Glühbirne im Flur B austauschte.

Frau Hollmann fand ihr Zimmer nicht wieder. Jeden Tag dasselbe: Sie stand vor Tür 211 oder 217, drückte die Klinke, wurde unruhig, weil dort eine fremde Bettdecke lag. Die Pflegekräfte mussten sie jedes Mal zurückführen. Einmal, an einem Donnerstagabend gegen halb sieben, saß sie einfach auf dem Boden vor dem Aufzug und weinte, weil sie, wie sie sagte, „ihre Haustür nicht finden konnte". Ich habe das mitbekommen, weil ich gerade den Rauchmelder im Flur überprüft habe. Man vergisst solche Momente nicht so schnell.

Die Einrichtungsleiterin, Frau Dr. Sattler, hatte irgendwo von diesem niederländischen Projekt mit den Türaufklebern gelesen — bei uns wurde das im Team eher beiläufig erwähnt, zwischen der Dienstplanbesprechung und der Frage, ob die Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum endlich repariert wird. Die Idee: Man druckt die alte Haustür maßstabsgetreu auf eine Folie und klebt sie über die Zimmertür. Kein großer Umbau, keine Kosten für neue Türen, nur ein Foto, ein Maßband und ein guter Drucker.

Ich war derjenige, der die Folie dann tatsächlich angebracht hat, weil sowas eben bei mir landet. Frau Beckmann brachte ein altes Foto mit, verblichen, aus den Neunzigern, auf dem man die grüne Tür und den Löwenkopf-Klopfer noch gut erkennen konnte. Eine Kollegin aus der Verwaltung hat das Bild bearbeitet und in Originalgröße drucken lassen. Ich habe an einem Dienstagmorgen, bevor der Frühstückswagen durch den Flur kam, die Folie über Tür 214 geklebt, mit einem Rakel die Luftblasen rausgedrückt, an den Kanten mit dem Cuttermesser nachgeschnitten. Es hat vielleicht vierzig Minuten gedauert.

Ich gebe zu, ich bin danach nicht gleich gegangen. Ich habe im Flur noch mit dem Handtuchspender rumgemacht, der eh schon lockerte, aber eigentlich wollte ich einfach sehen, was passiert, wenn Frau Hollmann aus dem Speisesaal zurückkommt.

Sie kam gegen zehn Uhr, am Rollator, mit einer Pflegehelferin an ihrer Seite. Auf halbem Weg im Flur blieb sie stehen. Nicht vor der Tür — schon ein paar Meter davor. Ihre Hand löste sich vom Rollatorgriff, ganz kurz, wie um irgendwas in der Luft zu greifen. Dann ging sie weiter, direkt auf 214 zu, ohne zu zögern, so wie man den Weg zur eigenen Küche geht, ohne hinzusehen. Sie fasste den aufgeklebten Löwenkopf an, mit dem ganzen Handballen, nicht nur mit den Fingerspitzen. Und sagte etwas auf Plattdeutsch zur Pflegehelferin, das ich nicht ganz verstanden habe — irgendwas mit „dor is he jo" wahrscheinlich, „da ist er ja".

Die Pflegehelferin musste sich kurz umdrehen und tat so, als würde sie am Medikamentenwagen etwas suchen.

Ab dem Tag fand Frau Hollmann ihr Zimmer alleine. Nicht sofort perfekt, aber deutlich öfter. Die Nachtschicht berichtete, dass die nächtliche Unruhe zurückging — sie stand seltener auf, um „nach draußen" zu wollen. Frau Beckmann kam am Wochenende danach vorbei und blieb eine ganze Weile im Flur stehen, die Handtasche noch über der Schulter, bevor sie überhaupt reinging.

Wir haben dann noch sechs weitere Türen in dem Trakt gemacht, mit Fotos, die Angehörige aus alten Alben oder von Google-Street-View-Screenshots zusammengesucht haben. Bei Herrn Waclawek war es eine hellblaue Tür mit einem Fenstergitter aus Danzig, wo er als junger Mann gelebt hatte, bevor er in den Sechzigern nach Deutschland kam. Bei ihm hat es nicht so viel verändert — er war noch relativ orientiert —, aber er hat jeden Morgen kurz die Hand draufgelegt, bevor er zum Frühstück ging, so wie manche Leute morgens den Türrahmen anfassen, ohne drüber nachzudenken.

Frau Hollmann ist im März verstorben, an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, im Schlaf, wie die Nachtschicht sagte. Als die Tochter kam, um die letzten Sachen aus dem Zimmer zu holen, hat sie mich im Flur getroffen und gefragt, ob sie die Folie von der Tür mitnehmen dürfe. Ich habe gesagt, natürlich, das ist ja eigentlich ihre Tür gewesen, nicht unsere. Ich habe ihr geholfen, sie mit dem Cutter vorsichtig an den Ecken zu lösen, langsamer diesmal, damit nichts einriss. Sie hat die Folie zusammengerollt, mit Klebeband fixiert, und in eine Papprolle gesteckt, die sie extra mitgebracht hatte.

Bevor sie ging, hat sie mir noch ein Foto auf ihrem Handy gezeigt: den Löwenkopf-Klopfer, freigestellt aus dem alten Bild, jetzt als Aufdruck auf einem kleinen Kissen, das sie sich in einem Copyshop in Bramsche hatte anfertigen lassen. Für ihr eigenes Sofa, sagte sie. Ich habe nichts weiter dazu gesagt, nur genickt und ihr die Tür zum Treppenhaus aufgehalten, weil ihre Hände mit der Papprolle voll waren.

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