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**Vierhundertsiebenunddreißig Konzerte in fünfzehn Jahren**

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Der Typ, den alle nur wegen einer einzigen Rolle kennen, betrat an einem Freitag ohne jeden Medienrummel die Bühne einer Sporthalle bei Rosenheim. Ein gewöhnlicher Bass, dreckige Turnschuhe, ein kariertes Hemd. Niemand von den Anwesenden hatte eine Einladung mit geprägtem Namen bekommen. Rein kam jeder, der einen Bundeswehrausweis dabeihatte, einen Dienstausweis der Feuerwehr oder einfach eine Narbe, die sich unter dem Ärmel nicht verstecken ließ.

Ich kenne diese Halle. Ich arbeite dort seit neun Jahren als Beleuchtungstechniker. Am Samstag bauten wir die Tribünen für ein Volleyballspiel auf, und am Freitag stand dort dieser Schauspieler, von dem meine Mutter immer erzählt, sie habe seinetwegen 1994 im Kino geweint. Ich selbst kenne ihn nur aus dieser einen Szene. Aber an jenem Abend redete niemand über die Szene.

Der Produktionsleiter sagte mir nur: „Du stellst die Scheinwerfer ein, du glotzt nicht." Aber wie soll man nicht glotzen, wenn im Publikum Menschen sitzen, die keine Beine haben, keine Arme, kein halbes Gesicht mehr, und trotzdem mit ihm „Sweet Home Alabama" singen, bis die Halle bebt. Ein Mann im Rollstuhl, dem ich später beim Kabelhalten helfen musste, schnappte sich das Mikrofon und rief den Uniformierten zu: „Ich zeig euch gleich, wie man tanzt, Jungs." Er tanzte mit den Armen.

Angefangen hat das früher, schon dreiundachtzig. So steht es zumindest in den Unterlagen, die wir vom Tourveranstalter bekommen haben. Angeblich gab es in seiner Familie ein paar Veteranen aus einem noch älteren Krieg, in Asien, und die hatten ihm beigebracht, dass nach der Heimkehr die Stille kommt. Nicht die gute Stille, sondern die, die in den Ohren dröhnt, wenn man allein im Zimmer zurückbleibt.

Nach dem Film hätte er alles machen können. Hollywood rief an, die Angebote lagen auf dem Tisch, und er kaufte sich einen Bass und gründete eine Band. Der Bandname ist derselbe wie sein Rollenname. Die Leute dachten, das sei die Laune eines reichen Schauspielers. Die Tour sollte ein Jahr dauern, höchstens zwei.

Sie läuft seit fünfzehn Jahren, und ich habe vierhundertsiebenunddreißig Konzerte gesehen. Nicht alle natürlich. Ich habe eines in dieser Halle bei Rosenheim gesehen und in den folgenden Jahren immer wieder im Netz nachgeschaut, wo sie gerade spielen, weil mich die Neugier nicht losließ. Vierhundertsiebenunddreißig. Diese Zahl ließ mir keine Ruhe, weil ich sie mit nichts vergleichen konnte. Mein Bruder, Lehrer von Beruf, hatte in seiner ganzen Laufbahn dreiundzwanzig Schulfeiern zum Tag der Deutschen Einheit und beschwerte sich immer, das seien zu viele.

Und da spielt einer, der in einer Villa mit Pool sitzen könnte, vor zweihundert Leuten in Munster, weil dort zufällig eine Kaserne liegt, die sonst niemand besucht.

Später sah ich im Netz ein Foto von einem Haus. Nicht seinem Haus. Einem Haus, das er für jemand anderen gebaut hatte. Schwellenlose Türen, breite Durchgänge, eine Küche so tief angelegt, dass ein Mensch im Rollstuhl selbst nach der Pfanne greifen kann. Angeblich hat er über hundert solcher Häuser bauen lassen. Jemand erzählte mir, es gebe dafür keinen Kredit, sie würden den Leuten einfach die Schlüssel überreichen. Ich selbst habe für eine Zweizimmerwohnung in München-Sendling einen Kredit über dreißig Jahre aufgenommen. Bis heute zahle ich hundertsiebenundachtzig Raten ab.

Ich fragte danach einen Kollegen, der bei Filmproduktionen in Berlin arbeitet, ob das stimmt. Er sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht, und sagte: „Alter, der nimmt seine Gage nur, damit er Geld hat, um weiter diese Häuser zu bauen."

Und das hat mich am meisten getroffen. Nicht die Zahl der Konzerte. Nicht die Zahl der gebauten Häuser. Sondern dass ich seit neun Jahren in derselben Halle Scheinwerfer verschiebe und kein einziges Mal auf den Gedanken gekommen bin, etwas zu tun, das nicht auf meinem Kontoauszug endet.

Ich bin kein Held. Ich war nie bei der Bundeswehr. Bei der Musterung wurde ich wegen Asthma ausgemustert, das ich mir wahrscheinlich selbst eingeredet hatte. Ich habe kein großes Trauma. Aber an jenem Abend, als dieser Schauspieler von der Bühne stieg und einem Mann im Rollstuhl ein Wasser reichte – keinem Fernsehveteranen, sondern einem ganz gewöhnlichen Mann aus Bielefeld, der bei einem Auslandseinsatz in Afghanistan beide Beine verloren hatte –, verschob sich etwas in mir, als hätte jemand die Ausrichtung eines Scheinwerfers verändert, den ich jahrelang nur in eine Richtung gehalten hatte.

Es war kein Neid auf Geld oder Ruhm. Ich stand am Lichtpult und erinnerte mich an alle Schichten, die ich in dieser Halle geschoben hatte – wie ich zwanzig Mal dieselben Stative aufgestellt, wie ich die Stunden bis zum Gehalt gezählt hatte. Nie hatte ich gezählt, wem dieses Licht außer mir noch etwas gab.

Nach dem Konzert ging ich ins Lager, um Klebeband zu holen, und sah, dass der Mann an der seitlichen Rampe stand. Niemand war bei ihm. Mit den Fingern drehte er ein rotes Pappetikett von einer Wasserflasche, so eines, das sich immer ablöst. Er sah nicht wie ein Star aus. Er sah aus wie ein müder Bassist, der sich zum hundertsten Mal einredet, er habe noch die Kraft weiterzuspielen.

Ich hätte nichts sagen können. In meiner Tasche steckte ein Handy mit geöffneter Banking-App. Ich schaute nach, wie viel auf meinem Konto war. Viertausendzweihundertdreißig Euro. Manche würden sagen, das sei nicht viel. Für mich waren das drei Monate Sparen für Winterreifen.

Ich ging in den Technikraum, setzte mich an den alten Schreibtisch und schrieb eine kurze E-Mail an die Stiftung, die dieser Schauspieler leitet. Nicht mit einer Bitte um Hilfe. Mit der Frage, ob sie eine Spende von einem ganz normalen Techniker aus einer Sporthalle annehmen würden.

Sie antworteten nach zwei Tagen. Ich nannte die Summe. Viertausendzweihundertdreißig Euro. Genau zweihundert Euro ließ ich auf dem Konto. Für Brot und zwei Monatskarten, dachte ich mir.

Zwei Wochen nach meiner Überweisung kam ein neuer junger Mann in die Halle. Er sagte, er habe eine technische Ausbildung gemacht, früher Bühnenbilder für Stadtfeste gebaut. Er fragte, ob er einen Lebenslauf dalassen könne. An sich nichts Besonderes. Aber bevor er ging, zeigte er mir ein Foto auf seinem Handy. Er saß im Rollstuhl vor einem Einfamilienhaus, daneben stand der Schauspieler und lachte. „Das ist mein Vater", sagte er. Und dann fügte er hinzu: „Das Haus von der Stiftung hat die Lichtschalter auf Kniehöhe. Er kann selbst das Licht anmachen."

Ich nahm den Lebenslauf entgegen, öffnete die obere Schublade des Schreibtischs und legte ihn zwischen alte Rechnungen für Glühbirnen. Auf dem Rückweg in den Technikraum machte ich das Licht mit dem Schalter aus, nach dem ich seit neun Jahren blind greife, genau auf Schulterhöhe.

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