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Katze am Strommast in Brandenburg
Ich bin Rettungstechniker für Tiere in Not, und dieser Anruf aus einem Dorf bei Wittenberge blieb mir im Kopf – nicht wegen der Katze, sondern wegen dessen, was danach kam.
Ich heiße Jonas Brenner, ich bin einunddreißig, und ich mache das seit sechs Jahren – erst nebenbei, dann hauptberuflich, seit die Werkstatt meines Vaters zugemacht hat und ich mir irgendwas Eigenes aufbauen musste. Die Firma heißt "Pfoten-Notruf", ein Kollege und ich, ein alter Sprinter mit Klettergurt, Karabinern und einer Transportbox im Kofferraum. Wir nehmen 45 Euro pro Einsatz im Umkreis von dreißig Kilometern, plus Benzin, wenn's weiter ist. Klingt viel für manche. Für mich ist es die Differenz zwischen "ich kann diesen Monat die Versicherung zahlen" und "ich kann's nicht".
An diesem Nachmittag im Februar rief eine Frau an, Stimme zitterte vor Aufregung, im Hintergrund hörte ich Wind und eine zweite Stimme, die irgendwas rief. Sie sagte, die Katze ihrer Nachbarin hänge an einem Strommast fest, in Kolzow, einem Dorf mit vielleicht zweihundert Einwohnern zwanzig Minuten von mir. Ich fragte, ob es ein Umspannmast sei, ob Strom drauf sein könnte – das ist immer die erste Frage, denn ich will nicht draufgehen für eine Katze. Sie meinte, es sei nur ein alter Holzmast mit einem Metallhaken, keine Leitung in Reichweite. Ich sagte zu.
Als ich ankam, standen zwei Frauen unter dem Mast, die eine mit rotem Wintermantel und Sorge im Gesicht, die andere – jünger, in Gummistiefeln – mit verschränkten Armen und einem Gesichtsausdruck, den ich schon kannte: die Sorte Mensch, die einen ansieht wie einen Handwerker, der zu spät gekommen ist. Über uns, vielleicht sieben Meter hoch, eine schwarze Katze, die sich nicht bewegte, nur leise maunzte. Ich holte meinen Gurt raus, checkte die Steigeisen. Die Ältere, die im roten Mantel, fragte mich sofort, ob ich zum Reden gekommen sei oder zum Arbeiten. Ich sagte nichts. Man lernt, bei so was einfach den Mund zu halten und zu klettern.
Oben angekommen sah ich das Problem: Die Katze steckte mit dem Brustkorb im Biegewinkel eines rostigen Haltehakens, und ein Isolatorstück blockierte den Weg nach draußen. Kein einfacher Griff-und-runter. Ich redete leise auf sie ein, streichelte ihr über den Kopf, sie roch nach kaltem Metall und Angst. Unten hörte ich die Rote rufen, ob es nicht schneller ginge. Die Jüngere im roten Mantel – Halt, ich verwechsle mich, es war umgekehrt: die Sorge-Frau im roten Mantel war die Nachbarin, die Ungeduldige gehörte die Katze. Man merkt sich sowas nicht immer richtig, wenn man am Mast hängt und schwitzt trotz der Kälte.
Fast vierzig Minuten kämpfte ich mit diesem Haken. Meine Finger wurden taub in den dicken Handschuhen, einmal rutschte ich mit dem Steigeisen ab und musste mich am Gurt fangen – für eine Sekunde war mir schlecht vor Schreck, nicht wegen der Höhe, sondern weil ich an meine Tochter dachte, die zwei Wochen zuvor eingeschult worden war und die ich fragte, jeden Abend, was sie in der ersten Klasse gelernt hatte. Man denkt an komische Sachen, wenn man an einem Strommast hängt.
Dann, plötzlich, gab der Haken nach, und die Katze lag in meinen Armen, schlaff, aber atmend. Ich packte sie in die Transportbox und stieg runter, die Beine zitterten mir ein bisschen, wie immer nach so einem Einsatz.
"Alles gut, ich hab sie", sagte ich und reichte die Box der Katzenbesitzerin – der Ungeduldigen. Sie nahm die Katze, drückte sie an sich, fragte gleich, warum die Pfoten so schlaff hingen, ob ich was kaputtgemacht hätte. Ich erklärte ihr, das sei Erschöpfung, Stress, sie solle trotzdem zum Tierarzt fahren zur Sicherheit.
Dann sagte ich: "Wie besprochen, macht das fünfundvierzig Euro."
Und da kam's. Die Frau starrte mich an, als hätte ich sie beleidigt. Sagte, sie habe niemanden angerufen, mit niemandem was vereinbart, sie denke gar nicht daran, für sowas zu zahlen, das sei eine Frechheit, ich solle mich schämen, Geld zu verlangen für etwas, das doch selbstverständlich sei. Drehte sich um mit ihrer Katze im Arm und ging Richtung Haus, ohne sich noch mal umzudrehen.
Ich stand da mit meinem Klettergurt in der Hand und dem Gefühl, das ich schon oft hatte in diesem Job: dass Leute glauben, Hilfe koste nichts, weil man's aus Liebe zum Tier macht. Als würde die Liebe zum Tier auch mein Benzin bezahlen.
Die Nachbarin im roten Mantel – sie hieß Rosemarie Dallmann, das erfuhr ich später – wurde puterrot vor Scham. Entschuldigte sich mehrfach, sagte, sie wisse nicht, was in ihre Nachbarin gefahren sei, ob ich nicht wenigstens auf einen Tee hereinkommen wolle, ich sähe durchgefroren aus. Ich sagte nicht nein. Ehrlich gesagt war mir kalt bis auf die Knochen, und ein heißer Tee klang gerade besser als jede Diskussion über Geld.
Ihre Küche roch nach Zimt – sie hatte gerade einen Apfelkuchen im Ofen, sagte sie, für den Kirchenkaffee am Sonntag. Draußen vor dem Fenster bellte ununterbrochen ein Hund, den ich nicht sah, wahrscheinlich vom Nachbargrundstück, und irgendwann hörte ich, wie jemand ihn ins Haus rief. Frau Dallmann goss mir Tee ein, entschuldigte sich noch zweimal, sagte, sie könne nicht begreifen, wie man jemanden, der einem buchstäblich das Leben eines geliebten Tieres rettet, nicht mal ein Wort des Dankes gönnt, geschweige denn eine faire Bezahlung.
Ich zuckte mit den Schultern, sagte, es passiere öfter, als man denke. Manche Leute seien so, andere anders. Ich mache das, weil ich Tiere mag, aber von Liebe allein kann ich keine Rechnungen zahlen, kein Benzin, keine neue Ausrüstung, wenn was kaputtgeht.
Sie stand auf, ging zur Anrichte, öffnete eine Schublade und kam mit einem Fünfzig-Euro-Schein zurück. Ich wollte ablehnen, aber sie drückte ihn mir regelrecht in die Hand, sagte, das sei ihr wichtig, sie wolle nicht, dass ich mit dem Gefühl aus diesem Dorf fahre, hier gäbe es nur undankbare Leute. Dann packte sie mir noch zwei Stück von dem Apfelkuchen in Alufolie ein, für die Fahrt, sagte sie, mit einem Lächeln, das ehrlich aussah.
Als ich zum Sprinter zurückging, sah ich aus dem Augenwinkel, wie hinter dem Nachbarzaun ein Vorhang zurückfiel – die Katzenbesitzerin, die beobachtete, ob ich wirklich fuhr. Ich stieg ein, legte den Kuchen aufs Beifahrersitz, den Fünfziger in die Innentasche meiner Jacke, und fuhr los, ohne noch mal hinzuschauen.
Zwei Tage später rief mich Frau Dallmann noch mal an – nicht wegen einer Katze diesmal, sondern um zu fragen, ob ich nicht auch tauben oder verletzten Wildvögeln helfen könne, ihr Enkel habe eine Amsel mit gebrochenem Flügel gefunden. Ich sagte ja, natürlich, und schrieb mir ihre Nummer in mein Adressbuch unter "Kolzow – zuverlässig".
