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Bewässerung an der Grenze des Erlaubten

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„Ziehst du hier mit Koffern ein oder gleich mit dem Bagger, Tantchen?" — Das rief eine Stimme aus dem Fenster eines Geländewagens, der gerade mit dem Hinterrad den Zierrasen zerfurcht hatte. Martha Vogt stand auf der Terrasse ihres Häuschens in Werder an der Havel, die Gießkanne in der Hand, und traute ihren Augen nicht.

Es war ein Samstagvormittag Ende August, die Luft noch schwer vom letzten Regen. Über den Zaun hörte man den Nachbarn den Fernseher laufen lassen — Bundesliga-Übertragung, ein Tor, Applaus. Martha wollte gerade die Tomaten im Gewächshaus gießen, als mit lautem Getöse ein dunkelgrauer SUV vorfuhr und mitten in das Lavendelbeet steuerte.

Am Steuer saß ihr Neffe Sven, ein Vierzigjähriger mit wachsendem Bauchansatz und Goldkette unter dem offenen Hemd. Neben ihm stieg seine Freundin Jacqueline aus, an den Füßen Plateausandalen, die sofort im aufgeweichten Boden neben dem Brunnen versanken.

„Igitt, was für ein Matsch, Sven! Du hast gesagt, hier ist eine Terrasse!", verzog Jacqueline das Gesicht und betrachtete angewidert ihre schmutzigen Zehen.

Martha stellte die Gießkanne aufs Geländer. „Guten Tag. Ihr hättet wenigstens anrufen können. Ich habe euch nicht erwartet."

„Ach komm, Tante, immer diese Schwarzmalerei", winkte Sven ab und musterte das Grundstück, als gehöre es ihm längst. „Wir bleiben drei Tage, grillen ein bisschen, Kopf freikriegen. In Berlin ist gerade die Hölle los, vierzig Grad auf dem Asphalt."

„Ich betreibe hier keine Pension", sagte Martha ruhig. „Und das freie Zimmer, das ich habe, ist voller Einweckgläser, und da hängt Wäsche."

„Räumen wir eben um", wischte Sven den Einwand beiseite. „Aber erst müssen wir was Wichtigeres klären. Den Wagen." Er nickte zum SUV, der quer im Beet stand. „Wo soll der hin, aufs Dach vom Schuppen?"

„Auf dem Dorfplatz gibt's einen Parkplatz bei der Feuerwehr", schlug Martha vor. „Befestigt, mit Kamera überwacht."

„Hundertfünfzig Meter zu Fuß bei der Hitze? Nee. Ich hab hinten den Kühlbeutel mit Gulasch, die Box, die Taschen. Ich bin hergekommen, um mich zu erholen, nicht um Gepäckträger zu spielen."

Jacqueline umrundete währenddessen den Wagen und hielt sich den Saum ihres kurzen Kleides. „Sven, das ist echt Mittelalter hier. Was sind das für Sträucher mitten im Hof? Nicht mal eine Liege kann man hinstellen."

„Genau", nickte Sven und öffnete den Kofferraum. „Tante, hör dir den Plan an. Den Lavendel vermisst hier sowieso keiner. Wir machen den Platz frei, schütten Kies drauf, und dann ist das ein ordentlicher Parkplatz."

Er zog einen Blechkanister mit dunklen Flecken an der Seite aus dem Kofferraum, dazu einen Spaten und ein aufgerolltes Stahlabschleppseil.

„Was ist in dem Kanister?", fragte Martha und spürte, wie sich in ihrer Brust etwas zusammenzog.

„Diesel mit Altöl und irgendwas gegen Unkraut, die Jungs aus der Werkstatt haben's empfohlen", erklärte Sven stolz. „Das gießen wir unter die Wurzeln, damit da nichts mehr wächst. Heute Abend bestell ich noch Kies."

„Den Lavendel habe ich acht Jahre lang gepflanzt", sagte Martha leise. „Jeden Winter habe ich ihn mit Tannenreisig abgedeckt."

„Schon wieder Drama", verdrehte Jacqueline die Augen. „Der Mann schuftet, um hier Ordnung zu schaffen, und sie heult wegen ein paar Pflanzen."

„Das ist mein Grundstück", antwortete Martha. „Und Kies wird hier nicht hingeschüttet."

Sven stemmte die Hände in die Hüften. „Tante, jetzt mach mal keinen Aufstand. Du bist allein, wozu brauchst du in deinem Alter diesen Garten? Wir schaffen hier Zivilisation, und statt Dankbarkeit machst du auf beleidigt."

„Ich habe dich um keine Zivilisation gebeten. Pack deine Sachen und fahr durchs Tor wieder raus."

Jacqueline runzelte die Stirn. „Sven, tu was. Ich will wenigstens duschen, mir ist zum Wahnsinnigwerden heiß."

„Nirgendwo", sagte Martha. „Die Pumpe ist im Brunnen, die Gießkanne steht am Beet."

„Was?", riss Jacqueline die Augen auf. „Und wie sollen wir uns nach der Fahrt waschen?"

„Gar nicht. Steigt ein und fahrt zurück nach Berlin."

Sven schlug den Spaten auf das Pflaster. „Was faselst du da, Alte? Wir sind hundert Kilometer über die Autobahn gezuckelt, und du wirfst uns vom Hoftor?"

„Niemand hat euch hergezerrt."

„Du musst uns nicht einladen, das ist unser Haus! Opa hat es gebaut, klar? Das ist unser Familiengrund!"

Martha trat näher an ihn heran. „Opa hat es gebaut, aber ich habe nach seinem Tod jeden Anteil ausgezahlt. Deiner Mutter habe ich das Geld überwiesen, dir habe ich die Summe bar in die Hand gezählt, bis zum letzten Cent. Hast du das vergessen? Ich habe Nachtschichten im Heizkraftwerk geschoben, um das abzustottern."

„Denkst du etwa, weil du das ausgezahlt hast, bist du hier jetzt die Chefin?", fauchte Sven und trat einen Schritt näher. „Das ist gemeinsamer Familienbesitz. Und mein Auto wird hier stehen, verstanden? Und diese Sträucher rode ich jetzt, wenn's im Guten nicht geht."

Er griff nach dem Kanister und schraubte den Deckel auf. Über den Hof zog ein beißender Dieselgeruch.

„Weg da, Tante, versuch's gar nicht erst. Ich hake das Abschleppseil an die Ösen und in ein paar Minuten sind die Pflanzen samt Wurzeln draußen."

Jacqueline lächelte und drückte die Daumen. „Endlich zeigst du ihm, wer hier das Sagen hat."

Martha wich einen Schritt zurück. Ihre Hände zitterten leicht, aber im Kopf war plötzlich alles klar. Mit solchen Leuten ließ sich nicht reden — sie verstanden nur Härte. Sie griff in die Tasche ihrer Gartenschürze und tastete nach dem Plastikgehäuse der Fernbedienung mit den zwei Gummiknöpfen.

Letztes Jahr, als sie sich eine automatische Bewässerungsanlage hatte einbauen lassen, hatte der Installateur eine kräftige Pumpe mit sechs Bar Druck an den Brunnen angeschlossen. Die Rohre mit den versenkten Messerdüsen verliefen entlang des ganzen Beets und der Einfahrt. Der Druck war so stark, dass er sogar reife Äpfel von den Ästen schlug.

Sie sah zum Auto hinüber. Die Fenster auf Fahrer- und Beifahrerseite waren wegen der Hitze halb heruntergelassen. Auf den Sitzen leuchteten helle Polster, auf dem Armaturenbrett glänzte ein großer Touchscreen. Daneben auf dem Weg stand ein Eimer mit eingelegtem Fleisch und eine Papiertüte Grillkohle, die Sven schon geöffnet hatte.

Martha drückte den Knopf auf der Fernbedienung, bis es klickte. Wortlos ging sie zum Holzschuppen, stieg die Stufen zur überdachten Sommerküche hoch und duckte sich hinter das Holzgeländer.

„Wo verschwindest du schon wieder hin?!", brüllte Sven ihr hinterher und zog den Kanister zu den Büschen. „Denkst du, du kannst dich verstecken?!"

Die Antwort kam aus dem Rasen. Unter der Grasnarbe klickte trocken das Startrelais. Der Boden bebte unter dem anschwellenden Brummen des Tiefbrunnenmotors. Eine Sekunde später schossen mit scharfem Zischen die Messingdüsen aus dem Rasen. Es knallte wie ein Schuss aus einem Schlauch, und über dem Beet erhob sich eine dichte, eiskalte Wasserwand.

Der erste kräftige Strahl traf genau den Blechkanister, den Sven mit beiden Händen hielt. Der Aufprall war so heftig, dass sich das Blech nach innen wölbte und der Kanister ihm aus den Fingern flog, durchs Gras rollte und den stinkenden Diesel direkt über seine Wildlederschuhe verteilte.

„Verdammt noch mal!", schrie Sven, als ihn der zweite Wasserschwall gegen die Brust traf und ihm die Basecap samt Sonnenbrille vom Kopf in die Brennnesseln riss.

Auch die zweite Düse bei den Stufen erwachte zum Leben. Ein dichter Vorhang aus eiskaltem Wasser erwischte Jacqueline. Ihr Sommerkleid war im Nu durchnässt und klebte am Körper, die geglätteten Haare hingen in tropfnassen Strähnen herunter.

„Aah! Sven, mach das aus! Sofort ausmachen!", kreischte sie und ruderte mit den Armen. Die Plattformsandalen rutschten ihr auf dem nassen Lehmboden weg. Jacqueline plumpste direkt auf den Rand des Beets, auf den geöffneten Kohlebeutel. Die trockene Kohle vermischte sich mit dem spritzenden Wasser zu einem dickflüssigen schwarzen Brei, der ihre Knie, Hände und ihr Gesicht verklebte.

„Wo zum Teufel geht das aus, Tante?!", brüllte Sven und versuchte, sich durch den Wasserschleier zur Terrasse durchzukämpfen. Aber die Messingdüsen drehten sich mit unerbittlicher Regelmäßigkeit und schnitten ihm jeden Zugang ab. Das Wasser aus dem vierzig Meter tiefen Brunnen hatte kaum fünf Grad. Sven schnappte nach Luft, hustete und zitterte vor Kälte.

Dann erreichte der Strahl den offenen SUV. Wasser lief durch die Fenster hinein, in der Kabine gluckerte es laut. Der eiskalte Sprühregen ergoss sich über den Touchscreen, das Armaturenbrett, verschwand in den Lüftungsschlitzen und tränkte das helle Leder der Sitze.

„Das Auto! Verdammt, mein Auto!", brüllte Sven wie von Sinnen, vergaß Lavendel, Diesel und seine sogenannten Rechte. Er rannte zur Fahrertür, rutschte im Schlamm aus, rutschte ein Stück auf dem Bauch weiter und knallte mit der Schulter gegen das nasse Rad.

Jacqueline, ganz mit Kohle und Tränen verschmiert, robbte auf allen vieren hinterher. „Sven, lass uns hier weg! Die ist verrückt, sie ersäuft uns noch!"

Beim dritten Versuch bekam Sven den Türgriff zu fassen, quetschte sich in den durchnässten Wagen und drückte den Startknopf. Nach einem Moment sprang der Motor an.

„Steig ein, verdammt!", brüllte er aus dem Fenster. Jacqueline ließ eine Sandale im Matsch zurück, warf sich auf die Rückbank und schlug die Tür zu.

Martha stand auf der Terrasse der Sommerküche, die Fernbedienung fest in der Tasche, und beobachtete das Schauspiel gelassen. Der SUV schoss mit quietschenden Reifen vom Haus weg, die Räder schleuderten Schlammbrocken auf Karosserie und Spiegel. Sven setzte wahllos zurück, riss einen Holzpfahl vom Zaun, drückte die Stoßstange gegen die alte Regentonne und rumpelte davon auf den Feldweg. Das Tor blieb weit offen.

Martha wartete ein paar Minuten, dann drückte sie den zweiten Knopf auf der Fernbedienung. Das Brummen der Pumpe verstummte, die Düsen fuhren mit leisem Klicken zurück ins Gras. Man hörte, wie die letzten Tropfen von den Blättern fielen und im Graben hinter dem Zaun die Frösche quakten. Die Luft roch nach Ozon und nasser Erde, wie nach einem Gewitter.

Sie stieg von der Terrasse herunter. Zwei Lavendelzweige waren unter den Reifen tatsächlich abgebrochen — sie schnitt sie vorsichtig ab und trug sie zum Komposthaufen. Der Kanister mit dem Diesel war vom Wasser bis an den Rand des Grabens gespült worden, der Deckel abgerissen, aber der starke Strahl hatte verhindert, dass das Öl ins Beet einsickerte — alles war in den Ablauf außerhalb des Grundstücks gespült worden. Martha hakte die stinkende Kanne mit dem Rechen heran, zog sie auf den Weg und warf sie in die Mülltonne. Dann schloss sie das Gartentor und schob den Stahlriegel vor.

Das Telefon in ihrer Schürzentasche klingelte eine halbe Stunde später, als Martha sich gerade am Gartenwaschbecken die Hände wusch. Auf dem Display leuchtete der Name Karin — die Schwester ihres verstorbenen Mannes und Svens Mutter.

„Martha!", legte Karin gleich beim Abheben los, so laut, dass es im Ohr dröhnte. „Bist du auf deine alten Tage völlig übergeschnappt?! Die Kinder kommen zu dir, um sich anständig zu erholen, und du überschüttest sie wie Vieh mit dem Schlauch?!"

„Sven zittert am ganzen Leib vor Kälte, die Elektronik im Auto ist hin! Jacqueline hat einen Nervenzusammenbruch, ihr Kleid für zweihundert Euro ist im Eimer!"

„Für wen hältst du dich eigentlich, auf Opas Grundstück?!"

Martha nahm sich vom Tisch eine Gurke und biss mit einem Knacken hinein. „Sven hat die Grenzen verwechselt."

„Was für Grenzen?! Rede dich nicht raus! Wir besorgen uns einen Anwalt, wir holen uns das Haus zurück, verstehst du? Du bist da niemand!"

„Das Grundstück steht auf meinen Namen", antwortete Martha ruhig. „Und eure Quittungen über die Auszahlung liegen bei mir zu Hause in der Schublade. Hast du vergessen, wie ihr vor sieben Jahren von Amt zu Amt gerannt seid und mich angebettelt habt, euch die Anteile auszuzahlen? Ich habe den Kredit für euch abbezahlt, während ihr an die Ostsee gefahren seid."

„Wie kannst du es wagen, der Familie ein paar Euro vorzuwerfen?!"

„Es fällt mir leicht", sagte Martha fest. „Dein Sohn ist mit Diesel und Unkrautgift hier aufgetaucht. Er wollte meine Beete zuschütten und sich hier einen Parkplatz einrichten. Auf fremdem Grund."

„Wenn er sich noch einmal an meinem Tor blicken lässt, schicke ich die Kameraaufnahme in die Nachbarschaftsgruppe bei Facebook für die ganze Siedlung. Sollen doch alle sehen, was für einen Eindringling du großgezogen hast und wie er dann auf allen vieren aus dem Matsch geflohen ist."

Am Telefon entstand ein peinliches Schweigen. Karin hatte offensichtlich mit so viel Widerstand nicht gerechnet. „Was für eine Aufnahme? Das erfindest du doch!"

„Willst du es nachprüfen?", meinte Martha spöttisch. „Die Kamera hängt direkt unter der Dachrinne, mit Ton. Also richte deinem Adler aus, er soll in Berlin bleiben und seine Sitze trocknen. Ende des Gesprächs."

Sie legte auf und blockierte die Nummer ihrer Schwägerin. Gleich danach auch die von Sven und Jacqueline.

Zwei Wochen vergingen. Die drückende Augusthitze ließ nach, nachts zog schon kühle Feuchtigkeit von der Havel herüber. Der geknickte Lavendel erholte sich rasch und blühte wieder in violetten Büscheln, über den Steinweg wucherten die Funkien üppig davon.

An einem Samstag gegen Mittag hielt am Zaun der blaue Kastenwagen des Nachbarn vom Ende der Straße, Herrn Krüger. Martha kam gerade mit einem Korb frischer Äpfel heraus. Der alte Mann stellte den Motor ab, nahm seine Mütze ab und stützte sich auf den Zaun.

„Guten Tag, Frau Vogt. Ihr Neffe mit dem schwarzen Geländewagen hat unsere ganze Nachbarschaftsgruppe bei Facebook geflutet."

Martha blieb am Gartentor stehen. „Und was schreibt er?"

„Schreibt ohne Unterlass", brummte Herr Krüger amüsiert. „Sie seien eine böse Tante, hätten Leute mit dem Schlauch übergossen, die Familie nicht auf das Grundstück gelassen. Er verlangt, der Vorstand des Vereins soll Sie zwingen, auf eigene Kosten eine Parkbucht vor dem Zaun anzulegen."

„Und was sagt der Vorstand dazu?", fragte sie lächelnd.

„Der Vorsitzende hat ihm direkt in der Gruppe geantwortet", kicherte der Nachbar. „Wenn er einen eigenen Parkplatz will, soll er sich ein Feld bei Brandenburg kaufen. Oder beim Dorfgasthof parken, da ist genug Platz."

„Und danach ist der Neffe aus der Gruppe verschwunden, samt Profilbild."

„Geschieht ihm recht", sagte Martha. Sie reichte dem Nachbarn über den Zaun ein paar große gelbe Äpfel. „Hier, für Ihre Frau zum Probieren."

„Danke schön, Frau Nachbarin." Der Nachbar startete den Kastenwagen und fuhr langsam die Straße hinunter.

Martha ging zurück zur Terrasse und setzte sich auf die Holzstufe. Vor ihr lagen zwei ruhige Tage. Auf dem Beet summten die Bienen, im Gewächshaus reiften die Tomaten, und der Zaun trennte zuverlässig ihre Welt von fremder Dreistigkeit und Dummheit.

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