Connect with us

DE

Die Werkstatt an der Frankfurter Straße

Published

on

Ich heiße Jonas Brenner, bin achtundvierzig und repariere seit über zwanzig Jahren Getriebe in Offenbach. Meine Schwiegermutter Renate ruft mich seit drei Jahren nicht mehr an Feiertagen an, und ich will erzählen, warum – aus meiner Sicht, nicht aus ihrer.

Alles begann im Klinikum Offenbach, auf der Frühchenstation im dritten Stock, wo der Fahrstuhl immer nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee riecht. Unsere Tochter Lina kam in der achtundzwanzigsten Woche zur Welt, achthundertzehn Gramm, und lag zweiundsiebzig Tage im Brutkasten. Meine Frau Katja war nach der Not-Sectio selbst noch auf Station, konnte kaum laufen, und ich pendelte zwischen zwei Zimmern hin und her, bis ich nicht mehr wusste, wo ich eigentlich hingehörte.

In dieser Zeit habe ich einen alten Mann kennengelernt. Herbert Sauer, dreiundsiebzig, ehemaliger Deutschbahn-Lokführer aus Bürgel, saß fast jeden Nachmittag in einem Schaukelstuhl neben den Brutkästen und hielt fremde Babys im Arm – ehrenamtlich, als sogenannter "Kuschelopa", wie die Schwestern ihn nannten. Er trug immer denselben grauen Wollpullover, roch nach Pfefferminztee, und bevor er ein Kind zurück in den Inkubator legte, murmelte er ihm leise etwas ins Ohr. Ich habe es einmal belauscht: "Werd stark, werd klug, werd gut zu anderen." Nichts Großes. Aber ich habe damals auf dem Flur gestanden, mit einem Becher Automatenkaffee in der Hand, der schon kalt war, und musste mich an die Wand lehnen.

Renate, meine Schwiegermutter, kam in dieser Zeit jeden zweiten Tag aus Hanau angereist, mit Selbstgebackenem, das niemand essen durfte wegen der Hygienevorschriften, und mit einer Meinung zu allem. Sie fand, ich sei "zu wenig präsent", weil ich zweimal die Woche in der Werkstatt aushelfen musste – wir hatten einen Kredit für die neue Hebebühne laufen, vierzehntausend Euro, und ohne Einnahmen wäre die Rate im November geplatzt. Sie sagte das nicht direkt. Sie sagte Sätze wie: "Katja braucht dich jetzt, nicht deinen Schraubenschlüssel." Und ich stand da und dachte: Wer bezahlt eigentlich die Parkgebühren im Klinikum, wenn ich nicht arbeite?

Der Bruch kam nicht in der Klinik. Er kam sechs Wochen nach Linas Entlassung, an einem Sonntag im Mai, bei Renate im Garten in Hanau-Steinheim, unter der alten Kirsche, die sie nie zurückschneiden lässt. Katja war mit Lina drinnen, weil das Baby schrie, und ich stand mit Renate am Grill, und sie fragte mich, ganz beiläufig, während sie die Würstchen wendete: "Und diese Krankenhaus-Geschichte mit dem alten Mann, die du immer erzählst – war das nicht ein bisschen übertrieben? Andere Väter waren einfach da, ohne dass man ein Fernsehteam braucht."

Ich hatte nie ein Fernsehteam erwähnt. Ich hatte ihr nur erzählt, dass mich Herberts Ruhe damals gerettet hat, weil ich selbst nicht wusste, wie man ein achthundert Gramm schweres Kind hält, ohne Angst zu haben, es zu zerbrechen. Und Renate drehte das um in: Ich hätte mich selbst zum Helden gemacht, während ich in Wahrheit, so ihre Worte, "in der Werkstatt Motoren geschraubt habe, während meine Frau allein im Krankenhaus saß."

Ich habe an dem Tag nichts gesagt. Ich habe die Würstchen gegessen, kalt geworden, und bin am Abend nach Hause gefahren, mit Lina im Kindersitz, die zum ersten Mal seit Wochen richtig schlief.

Drei Wochen später rief Renate bei Katja an und sagte, sie werde "vorerst nicht mehr vorbeikommen", weil sie das Gefühl habe, in unserer Familie nicht mehr gebraucht zu werden. Katja hat geweint. Ich habe in der Werkstatt eine doppelte Schicht gefahren, um die Kupplung eines Audi A4 fertigzumachen, und dabei überlegt, ob ich Renate hätte widersprechen sollen, damals unter der Kirsche.

Ich habe es nicht getan. Aus einem einfachen Grund: Ich hatte nichts zu widerlegen. Herbert Sauer existiert, Zimmer 314, Station Neonatologie, das kann jede Schwester dort bestätigen. Er hat in fast acht Jahren über fünfhundert Kinder gehalten, auch unsere Lina, an einem Dienstagabend, als Katja Fieber hatte und ich zur Bank musste, weil die Kreditrate abgebucht werden sollte und das Konto knapp war. Das ist keine Heldengeschichte von mir. Das ist einfach, was passiert ist.

Was ich stattdessen getan habe: Ich habe zwei Monate später, im Juli, einen Dauerauftrag eingerichtet – fünfundzwanzig Euro monatlich an den Förderverein der Frühchenstation, mit dem Verwendungszweck "Für Herbert". Ich habe den Kontoauszug ausgedruckt und Renate keine Kopie geschickt, obwohl ich kurz daran dachte. Stattdessen habe ich den Schlüssel zu ihrem Ersatzhausschlüssel, den sie bei uns für Notfälle deponiert hatte, in einen Umschlag gesteckt und ihr per Post zurückgeschickt, mit einer Karte: "Falls du ihn doch nicht mehr brauchst."

Das war keine Rache. Ich wollte nur nicht mehr, dass jemand einen Schlüssel zu unserer Wohnung hat, der glaubt, auch das Recht zu haben, meine Erinnerung an die schlimmsten zweiundsiebzig Tage meines Lebens umzuschreiben.

Renate hat den Umschlag drei Tage später zurückgeschickt, ohne Brief, nur der Schlüssel, in Klarsichtfolie. Seitdem ist es still zwischen uns. Katja telefoniert noch mit ihr, kurz, an Geburtstagen. Ich nicht.

Lina ist jetzt vier. Vor zwei Wochen sind wir zufällig auf dem Wochenmarkt am Wilhelmsplatz in Offenbach an einem alten Mann mit grauem Pullover vorbeigekommen, der Äpfel kaufte. Ich habe ihn nicht angesprochen – ich war mir nicht sicher, ob er sich erinnern würde, und ich wollte ihn nicht damit belasten. Aber Lina blieb stehen, sah ihn an, und sagte, ohne dass ich ihr je erzählt hätte, wer das sein könnte: "Der hat einen schönen Pullover." Der Mann lächelte kurz, ging weiter. Ich habe den Dauerauftrag im September auf dreißig Euro erhöht. Renate weiß das nicht. Muss sie auch nicht.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

вісім + 16 =

Також цікаво:

DE39 хвилин ago

Werkstatt in der Dieselstraße

Ich heiße Bernd Kessler, sechzig Jahre alt, seit einundvierzig Jahren KFZ-Meister in Wuppertal. Meine Schwiegertochter Sabine würde sagen, ich erzähle...

PL53 хвилини ago

Kobieta na rusztowaniu

Nazywam się Bożena Wilczek, prowadzę małą pracownię krawiecką przy ulicy Piotrkowskiej w Łodzi, dwa piętra niżej niż mieszka Ewelina Konarska....

DE1 годину ago

Andrea Reinholt und der Anruf um 16 Uhr

Dreißig Sekunden bevor ich Frau Kessler werden sollte, schob mir Bastian eine Mappe über den Blumenständer und sagte, ich solle...

DE1 годину ago

Der Stollen unter Wattenscheid

Zwölfhundert Meter unter Wattenscheid roch es plötzlich nach nasser Erde und Gras. Markus Brenner war seit einundzwanzig Jahren Vortriebsteamleiter auf...

DE1 годину ago

Der Moment am Gate 27

Ich heiße Jonas Wieland, ich bin einunddreißig, wohne in Leipzig und arbeite als Elektrotechniker bei einem mittelständischen Betrieb in der...

DE1 годину ago

Der Hof bei Beelitz und die Sache mit den Spargelfeldern

Mein Opa Reinhard hat immer gesagt, ein Spargelfeld gehört nachts nicht mehr uns. Ich hab das für Alte-Männer-Gerede gehalten, für...

DE1 годину ago

Die Werkstatt an der Frankfurter Straße

Ich heiße Jonas Brenner, bin achtundvierzig und repariere seit über zwanzig Jahren Getriebe in Offenbach. Meine Schwiegermutter Renate ruft mich...

PL1 годину ago

Wdowa po Tomaszu z Bytomia — plecak z siedmioma kopertami

Nazywam się Halina Kwiatek, od dwudziestu trzech lat pracuję jako pielęgniarka na oddziale kardiologii w szpitalu przy ulicy Żeromskiego w...