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Der Moment am Gate 27
Ich heiße Jonas Wieland, ich bin einunddreißig, wohne in Leipzig und arbeite als Elektrotechniker bei einem mittelständischen Betrieb in der Nähe vom Hauptbahnhof. Diese Geschichte erzähle ich, weil die meisten Leute nur die Hälfte kennen — die Hälfte, die meine Schwiegermutter allen im Dorf erzählt hat, bevor sie überhaupt wusste, wie es weitergeht.
Vor drei Jahren bin ich für zwölf Tage nach Japan geflogen. Ich hatte gerade eine Trennung hinter mir und wollte einfach raus, Ramen essen, durch Kyoto laufen, den Kopf freikriegen. Am Flughafen Kansai, direkt nach der Passkontrolle, kam ein Kamerateam auf mich zu. Ein kleines Team, zwei Leute mit Mikrofon, eine Regisseurin mit Klemmbrett. Sie drehten für eine Sendung, bei der Reisende am Flughafen kurz interviewt werden — was man in Japan vorhat, warum man gekommen ist, so was. Ich hab drei, vier Sätze gesagt, auf Englisch, mit diesem komischen Grinsen, das man hat, wenn man neununddreißig Stunden wach ist. Dann bin ich weiter zum Gepäckband und hab die ganze Sache vergessen.
Ich hab nicht mal dran gedacht, als ich wieder zu Hause war. Kein Ausweis unterschrieben, keine Nummer hinterlassen, nichts. Für mich war das eine Randnotiz im Urlaub, so wie der Regen in Osaka oder der Mann, der mir im Zug seinen Sitzplatz angeboten hat.
Vierzehn Monate später hat mich eine Produktionsassistentin über eine Nachricht auf LinkedIn kontaktiert. Die Folge würde im Herbst ausgestrahlt. Ob ich einverstanden bin, dass mein Gesicht drin bleibt. Ich hab kurz überlegt, dann Ja gesagt — warum auch nicht, dachte ich mir, ist doch egal, läuft eh nur in Japan.
Zwei Tage nach der Ausstrahlung kam eine Nachricht auf Instagram. Absenderin: Hana Sato, vierundzwanzig, aus Sapporo, arbeitet dort in einer Apotheke. Sie schrieb auf Englisch, mit ein paar Grammatikfehlern, die mir irgendwie sympathisch waren: "Ich hab dich im Fernsehen gesehen bei meiner Tante. Du siehst nett aus." Das war der ganze erste Satz. Ich hab geantwortet, aus Höflichkeit eigentlich, und dann kam die nächste Nachricht, und die übernächste.
Was in meinem Instagram-Verlauf nicht steht: dass ich in den ersten zwei Wochen dachte, das sei irgendein Bot oder Fake-Profil, und extra ihre Apotheken-Kollegin nach einem Videoanruf gefragt hab, um sicherzugehen, dass es sie wirklich gibt. Was auch nicht drinsteht: dass ich an manchen Abenden um halb zwölf noch wach lag, weil in Sapporo da schon der nächste Vormittag war, und wir über eine App namens LINE geschrieben haben, weil sie WhatsApp nicht mochte.
Nach ungefähr vier Monaten hab ich sie gefragt, ob sie mit mir zusammen sein will. Offiziell, mit allem. Ich hätte lieber gewartet, bis wir uns real getroffen hätten — aber die Einreisebeschränkungen machten das über ein Jahr lang unmöglich, erst Japan zu, dann als es aufging, hatte sie gerade die Prüfung zur Apothekenassistentin vor sich, dann hatte ich keinen Urlaub mehr übrig. Also haben wir zwölf Monate lang nur getippt und über Bildschirme geschaut. Ich kenne ihr Zimmer in Sapporo besser als manche Wohnungen von Freunden hier in Leipzig — das Poster von einem Kirschbaum über ihrem Bett, die kleine Klimaanlage, die immer klackert, wenn sie angeht.
Vor sechs Tagen ist sie gelandet, auf dem BER, Terminal 1. Ich stand am Ankunftsbereich mit einem Schild, auf dem nur "Hana" stand, weil ich zu nervös war, um mir was Witzigeres auszudenken. Als sie durch die Schiebetür kam, mit einem viel zu großen Rollkoffer und einer Jacke, die für Berlin im März eindeutig zu dünn war, dachte ich nur: Sie ist in echt noch besser als auf den Fotos.
Was ich damals nicht wusste: Meine Mutter, Renate, war zwei Wochen vorher schon in Sapporo gewesen. Nicht als Besuch — sie war zufällig auf Geschäftsreise ihres zweiten Mannes dabei, und sie hatte sich bei Hanas Familie gemeldet, ohne mir was zu sagen. "Ich wollte nur mal schauen, wen mein Sohn sich da online rausgesucht hat", hat sie später gesagt. Sie hatte Hanas Mutter im Café getroffen, kurz, eine halbe Stunde, und danach bei mir angerufen und gesagt, Hana wäre "zu jung, zu unerfahren, und würde bestimmt nur wegen der Aufenthaltserlaubnis herkommen."
Ich hab das erstmal geschluckt. Meine Mutter kennt Hana nicht. Sie kennt eine halbe Stunde in einem Café in Sapporo, übersetzt von Hanas Cousine, die selbst kaum Deutsch spricht.
Die ersten drei Tage nach der Ankunft liefen okay. Ich hab Hana meine Wohnung gezeigt, in der Südvorstadt, drei Zimmer, die ich mir vor zwei Jahren gekauft hab, mit einem Kredit, den ich noch achtzehn Jahre abbezahle. Wir waren im Auerbachs Keller essen, sie hat zum ersten Mal Rostbrätel probiert und die Serviette benutzt, um sich Notizen über die Zutaten zu machen — für ihre Mutter, sagte sie, die kocht gern nach.
Am vierten Tag kam meine Mutter unangekündigt vorbei. Mit einem Schlüssel, den sie noch von früher hatte, als ich mal ihre Post reingebracht hab, während sie im Krankenhaus lag. Sie stand einfach in meiner Küche, als Hana und ich vom Einkaufen zurückkamen, mit zwei Tüten Frischgemüse vom Wochenmarkt am Connewitzer Kreuz.
"Ich musste das klären", sagte meine Mutter, und dann, direkt zu Hana, auf Englisch, mit diesem Akzent, der eigentlich ganz süß klingen könnte, wenn die Worte nicht so scharf wären: "Wie lange bleibst du? Und was ist dein Plan, wenn das mit euch nicht klappt?"
Hana hat nicht geweint. Sie hat die Gemüsetüte auf die Arbeitsplatte gestellt, langsam die Tomaten rausgenommen, eine nach der anderen, und dabei ruhig geantwortet, dass sie ein Rückflugticket in vierzehn Tagen hat und dass sie ihren Job in der Apotheke behalten hat, für den Fall.
Ich hab dagestanden und nichts gesagt. Das ist mein Fehler gewesen, das geb ich zu. Ich hab meine Mutter nicht rausgeschickt. Ich hab nur "Mama, bitte" gesagt, so leise, dass es wahrscheinlich niemand richtig gehört hat.
Meine Mutter ist dann drei Tage lang jeden Abend mit neuen Argumenten gekommen. Am Telefon, per SMS, einmal sogar über meine Schwester, die anrufen musste, um mir zu sagen, dass Mama "sich Sorgen macht wegen des Hauses" — mein Haus, in das angeblich, so ihre Theorie, jemand einziehen wollte, der dann Anspruch drauf hätte. Als ob Hana zwei Wochen bleibt, um sich in eine Kreditschuld von hundertzweiundsechzigtausend Euro einzukaufen.
Der Bruch kam am Abend vor Hanas geplantem Rückflug. Meine Mutter hatte, ohne mich zu fragen, meinen Steuerberater kontaktiert — den gleichen, der auch die Finanzen meines verstorbenen Vaters verwaltet hat, aus der Zeit, als sie noch die Vollmacht für seine Konten hatte — und ihn gebeten, "vorsichtshalber" zu prüfen, ob ich Hana irgendwo als begünstigte Person eingetragen hatte. Der Steuerberater, Herr Brammertz, ein netter Mann Ende sechzig, der mich seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr kennt, hat mich angerufen, um zu fragen, ob das mit meinem Wissen passiert. Ist es nicht.
Ich bin an dem Abend zu meiner Mutter gefahren. Nicht wütend im Sinne von schreien — ich schreie nicht, das hab ich nie gemacht, auch nicht als Kind. Aber ich hab die Wohnungstür aufgeschlossen mit meinem eigenen Schlüssel, bin reingegangen, und hab gesagt, dass ich den Schlüssel zu meiner Wohnung jetzt zurückhaben will. Sofort. Ich hab dabei auf dem Küchentisch gestanden und gewartet, bis sie ihn aus der Schublade im Flur geholt hat.
"Du wirfst mich raus aus deinem Leben wegen einer Fremden", hat sie gesagt.
"Nein", hab ich gesagt. "Ich nehme dir einen Schlüssel weg, den du benutzt hast, um in meine Küche zu kommen, ohne zu klingeln. Das ist ein Unterschied."
Am nächsten Morgen, dem Tag, an dem Hana eigentlich fliegen sollte, sind wir zusammen zum Notar in der Karl-Liebknecht-Straße gefahren. Nicht für eine Hochzeit — dafür ist es viel zu früh, wir kennen uns real seit einer Woche, das ist mir klar. Ich hab dort etwas ganz anderes gemacht: Ich hab Herrn Brammertz beauftragt, die Kontovollmacht meiner Mutter über das Konto meines Vaters, das rechtlich eigentlich schon lange auf mich hätte übergehen müssen, endgültig aufzulösen. Sechzehn Jahre lang hatte sie dort Zugriff behalten, offiziell "zur Verwaltung", tatsächlich weil ich es nie eingefordert hatte. Zwölftausendvierhundert Euro standen noch drauf. Ich hab das Konto auf meinen Namen umschreiben lassen und noch am selben Nachmittag geschlossen, das Geld auf mein eigenes Konto überwiesen.
Hana ist nicht geflogen. Sie hat ihren Rückflug um sechs Wochen verschoben, mit einer Gebühr von hundertfünf Euro, die sie selbst bezahlt hat, weil sie darauf bestand.
Meine Mutter hat zwei Tage später angerufen, als sie vom Notar erfahren hat — über Brammertz, der es ihr nicht hätte sagen dürfen, aber getan hat, aus alter Gewohnheit. Sie stand am nächsten Abend vor meiner Tür, ohne Schlüssel diesmal, und musste klingeln. Ich hab die Tür geöffnet, sie stehen lassen, im Treppenhaus, und gesagt, dass sie gern reinkommen kann, wenn sie sich bei Hana entschuldigt. Nicht bei mir. Bei Hana.
Sie ist noch eine Weile stehen geblieben, mit der Hand am Treppengeländer, und hat dann gesagt, sie brauche Zeit. Ich hab genickt und die Tür zugemacht, nicht zugeknallt, einfach zugemacht, und bin zurück in die Küche gegangen, wo Hana am Tisch saß und auf ihrem Handy die Apotheken-Prüfungsunterlagen für nächstes Jahr durchging, als wäre nichts gewesen.
