Connect with us

DE

Der Hof bei Beelitz und die Sache mit den Spargelfeldern

Published

on

Mein Opa Reinhard hat immer gesagt, ein Spargelfeld gehört nachts nicht mehr uns. Ich hab das für Alte-Männer-Gerede gehalten, für Geschichten, die man Enkeln erzählt, damit die abends nicht rumstreunen. Bis zu jener Nacht im September, als der Strom im ganzen Dorf ausfiel und mein Handy nur noch acht Prozent hatte.

Ich war vierzehn und verbrachte die Ferien auf seinem Hof, gleich hinter Beelitz, dort wo die Sandböden für den Spargel so gut sind. Der Sturm hatte die Freileitung an der Kreisstraße gerissen, das ganze Dorf lag im Dunkeln, und Opa saß auf der Bank vor der Scheune, ein altes Holzkreuz in der Hand, daneben eine Flasche mit Weihwasser aus der Kirche in Treuenbrietzen. So aufgeregt hatte ich ihn noch nie gesehen.

„Worauf wartest du?", fragte ich.

Er antwortete, ohne den Blick vom dunklen Feld zu nehmen: „Sprich leise. Die wissen schon, dass wir wach sind."

Ich hab gelacht. Dann sah ich sie.

Zuerst zwei Paar gelbe Punkte, zwischen den Spargeldämmen. Dann vier. Dann zehn. Innerhalb von Sekunden schwammen Dutzende kleine Lichter über dem Feld, reglos, keins bewegte sich wie ein Fuchs oder ein Hase bewegen würde. Sie standen einfach da.

Und schauten zu uns rüber.

„Füchse", sagte ich.

Opa schüttelte den Kopf. „Füchse grinsen nicht."

Dann kam das Kichern. Kinderstimmen, aber verteilt — eine hinterm Stall, eine vom Dach der Scheune, eine unterm Bretterboden der Veranda, eine noch vom Feld. Als wären es hundert, die uns umstellten.

Die einzige Funzel über der Tür fing an zu flackern. Bei jedem Ausfall standen die Lichter ein Stück näher. Kam der Strom wieder, waren sie schon weiter vorgerückt.

Opa fing an zu murmeln, irgendwas Kirchliches, und drückte das Kreuz so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Ich glaubte immer noch nicht, was ich sah — bis eines aus dem Gestrüpp am Zaun trat. Keine sechzig Zentimeter groß, gekrümmter Rücken, viel zu lange Arme, ein Gesicht wie das eines uralten Mannes, aber mit einem Grinsen voller kleiner, schwarzer Zähne.

Dann noch eins. Und noch eins. Am Ende waren es an die dreißig, vielleicht mehr, alle bewegungslos, alle mit den Augen auf uns gerichtet.

Eins pfiff kurz. Die anderen antworteten im selben Moment.

Opa packte meinen Arm, so fest, dass es weh tat. „Zähl sie nicht."

„Warum nicht?"

„Weil der Letzte immer hinter dir steht."

Ein Kribbeln lief mir über den Nacken. Trotzdem — oder gerade deswegen — fing ich an, im Kopf mitzuzählen. Zwölf. Fünfzehn. Zwanzig. Fünfundzwanzig.

Bei der letzten Zahl war das Feld auf einen Schlag leer. Kein Licht mehr. Kein Kichern.

Ich atmete aus, fühlte mich beinah erleichtert.

Dann hörte ich Opas Stimme, brüchig wie nie zuvor: „Ich hab dir gesagt, du sollst es lassen."

Ich verstand nicht, was er meinte. Bis eine kleine Hand sich von hinten langsam auf meine Schulter legte.

Über dreißig Jahre sind seit jener Nacht vergangen. Opa ist ein Jahr später gestorben, an einem Herzfehler, sagte der Arzt in Potsdam, aber ich hab da meine eigenen Gedanken zu. Ich bin selbst Landwirt geworden, hab den Hof übernommen, den Spargel, die zwölf Hektar Sandboden, den er mir hinterlassen hat. Meine Frau Karin hält mich für abergläubisch, wenn ich im Herbst vor Einbruch der Dunkelheit von den Feldern gehe.

Aber jedes Mal, wenn ich nach Sonnenuntergang zwischen den Dämmen laufen muss, um die Bewässerung zu prüfen, spüre ich winzige Schritte hinter mir. Ich drehe mich nie um. Ich weiß nur, dass eine leise Kinderstimme mir dann ins Ohr flüstert:

„Jetzt weißt du, wie viele wir sind — aber nie, welcher von uns mit dir geht."

Vor zwei Jahren hab ich den unteren Teil des Feldes, dort wo die Lichter damals am dichtesten standen, aus dem Anbau genommen. Vierzig Ar, die seitdem brachliegen. Karin fragt jeden Frühling, warum ich das gute Land nicht bestelle, wo wir doch mit der Ernte kaum die Pacht reindrehen. Ich sag ihr dann nur, der Boden dort taugt nicht mehr. Das ist gelogen, und sie weiß es wahrscheinlich. Aber sie fragt nicht weiter, und ich zähl seit jener Nacht nie wieder etwas, das sich im Dunkeln bewegt.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

п'ять × п'ять =

Також цікаво:

DE39 хвилин ago

Werkstatt in der Dieselstraße

Ich heiße Bernd Kessler, sechzig Jahre alt, seit einundvierzig Jahren KFZ-Meister in Wuppertal. Meine Schwiegertochter Sabine würde sagen, ich erzähle...

PL53 хвилини ago

Kobieta na rusztowaniu

Nazywam się Bożena Wilczek, prowadzę małą pracownię krawiecką przy ulicy Piotrkowskiej w Łodzi, dwa piętra niżej niż mieszka Ewelina Konarska....

DE1 годину ago

Andrea Reinholt und der Anruf um 16 Uhr

Dreißig Sekunden bevor ich Frau Kessler werden sollte, schob mir Bastian eine Mappe über den Blumenständer und sagte, ich solle...

DE1 годину ago

Der Stollen unter Wattenscheid

Zwölfhundert Meter unter Wattenscheid roch es plötzlich nach nasser Erde und Gras. Markus Brenner war seit einundzwanzig Jahren Vortriebsteamleiter auf...

DE1 годину ago

Der Moment am Gate 27

Ich heiße Jonas Wieland, ich bin einunddreißig, wohne in Leipzig und arbeite als Elektrotechniker bei einem mittelständischen Betrieb in der...

DE1 годину ago

Der Hof bei Beelitz und die Sache mit den Spargelfeldern

Mein Opa Reinhard hat immer gesagt, ein Spargelfeld gehört nachts nicht mehr uns. Ich hab das für Alte-Männer-Gerede gehalten, für...

DE1 годину ago

Die Werkstatt an der Frankfurter Straße

Ich heiße Jonas Brenner, bin achtundvierzig und repariere seit über zwanzig Jahren Getriebe in Offenbach. Meine Schwiegermutter Renate ruft mich...

PL1 годину ago

Wdowa po Tomaszu z Bytomia — plecak z siedmioma kopertami

Nazywam się Halina Kwiatek, od dwudziestu trzech lat pracuję jako pielęgniarka na oddziale kardiologii w szpitalu przy ulicy Żeromskiego w...