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Der Stollen unter Wattenscheid
Zwölfhundert Meter unter Wattenscheid roch es plötzlich nach nasser Erde und Gras.
Markus Brenner war seit einundzwanzig Jahren Vortriebsteamleiter auf der Zeche Wattenwald, einem der letzten Steinkohleschächte im Ruhrgebiet, der offiziell längst hätte schließen sollen und trotzdem noch lief, weil irgendein Investor an der alten Infrastruktur hing. An diesem Dienstag im Oktober trieb seine Schicht einen neuen Streckenabschnitt voran, dritter Tag in Folge, alles nach Plan. Gegen halb sieben abends durchstieß der Bohrkopf eine harte Gesteinsschicht und fiel plötzlich ins Leere.
Brenner ließ sofort abbrechen. Ein weiterer Sprengstoß so tief unter Tage, direkt neben einem unbekannten Hohlraum, das war kein Risiko, das man einging. Die Männer packten ihr Werkzeug zusammen, keiner sagte viel, jeder wollte nach oben. Da hielt der junge Kumpel Timo Adler seine Hand vor die Öffnung im Gestein und blieb stehen.
„Da zieht was", sagte er nur.
Ein anderer kam dazu, dann noch einer. Durch das faustgroße Loch strömte kühle Luft, und mit ihr ein Geruch, den hier unten niemand erwartete: feuchter Boden, irgendwas Grünes, fast wie nach Regen im Vorgarten. Brenner, der seit zwei Jahrzehnten nichts anderes roch als Kohlenstaub und Maschinenöl, stand eine Weile einfach nur da und atmete.
Am nächsten Morgen kam die Frühschicht mit dem Auftrag, die Öffnung vorsichtig zu erweitern. Kein Bohrer, keine Sprengung, nur Handarbeit mit dem Presslufthammer, Zentimeter für Zentimeter. Gegen zehn Uhr war das Loch groß genug, dass ein Mann den Kopf hindurchstecken konnte.
Der Zwanzigjährige Timo war der Erste. Er beugte sich vor, leuchtete mit der Kopflampe hinein — und zuckte so heftig zurück, dass er gegen die Wagenschiene stolperte.
„Was ist los?", rief Brenner.
Timo brauchte einen Moment, bis er antworten konnte. „Da ist Licht. Da unten brennt Licht."
Brenner schob ihn zur Seite und kniete sich selbst vor die Öffnung. Er blieb länger dort als nötig, ohne sich zu bewegen, das Kinn fast auf dem Gestein. Dann richtete er sich auf und sagte nur einen Satz zu seinem Schichtführer: „Ruf die Geologin an. Sofort, nicht erst nach der Pause."
Die Öffnung wurde noch etwas breiter gemacht. Nach und nach traten die Bergleute einzeln heran, warfen einen Blick hindurch und traten wortlos zurück, als hätten sie etwas gesehen, das sie erst zu Hause verarbeiten wollten. Über ihnen lasteten mehr als tausend Meter Gestein. Und vor ihnen, durch einen Riss in der Wand, lag etwas, das dort schlicht nicht sein durfte: eine Straße. Häuser. Fenster mit Licht dahinter.
Die Geologin Dr. Franziska Wehner traf gegen Mittag mit zwei Kollegen von der Bergbaubehörde ein. Sie ließ sich nicht anmerken, was sie dachte, aber ihre Hand zitterte leicht, als sie das Messgerät durch die Öffnung schob. Die Werte waren normal — Luftdruck, Sauerstoffgehalt, alles wie an der Oberfläche. Als wäre da unten kein Berg aus Karbongestein, sondern einfach nur der nächste Vorort.
Die Behörde riegelte den Streckenabschnitt ab, noch am selben Nachmittag. Wer dort gearbeitet hatte, wurde einzeln befragt und zur Verschwiegenheit verpflichtet — ein Formular, das Brenner in dreißig Jahren Bergbau noch nie unterschrieben hatte. Timo erzählte es trotzdem seiner Freundin, die es ihrer Schwester erzählte, und binnen einer Woche stand ein Lokalreporter der Westdeutschen Rundschau vor dem Zechentor und fragte nach „dem Loch unter Wattenscheid".
Was folgte, war kein Wunder und keine Sensation, sondern etwas viel Nüchternerem: eine stillgelegte Bergwerksanlage aus den fünfziger Jahren, ein eingestürzter Schutzbunker aus dem Krieg, notdürftig zur Kleinsiedlung ausgebaut von Menschen, die sich vor über sechzig Jahren dort unten versteckt hatten und deren Nachfahren nie wieder hochgekommen waren — mit eigenem Generator, eigenem Brunnen, eigenen Regeln. Keine Zeitreise, kein Paralleluniversum. Nur eine vergessene Ecke Deutschlands, tiefer unter der Erde, als irgendeine Behördenakte je vermutet hätte.
Die Frau, die als Erste durch den erweiterten Durchbruch trat, hieß Ruth Baumgart und war die Enkelin derjenigen, die den Bunker einst gebaut hatten. Sie war zweiundsechzig Jahre alt, hatte die Sonne nie gesehen und wusste von der Oberfläche nur das, was ihre Großmutter ihr erzählt hatte: dass es dort Krieg gab und man besser unten blieb. Als man ihr erklärte, dass seit über achtzig Jahren Frieden herrschte, setzte sie sich auf einen umgedrehten Kohlewagen und sagte lange gar nichts.
Für Markus Brenner änderte sich in den folgenden Monaten mehr, als er erwartet hatte. Die Zeche Wattenwald wurde nicht geschlossen, wie es der Investor geplant hatte — sie wurde zur Forschungsstätte umgewidmet, mit Fördermitteln vom Land Nordrhein-Westfalen und einem Vertrag, der Brenner und seiner ganzen Schicht die Stelle für die nächsten zehn Jahre sicherte. Er unterschrieb das Papier in der Kantine, mit Kohlestaub noch unter den Fingernägeln, und schob es seiner Frau am Abend über den Küchentisch.
„Zehn Jahre", sagte er. „Und eine Rente, die sich sehen lassen kann."
Ruth Baumgart zog nicht in eine Wohnung in der Stadt, wie die Reporter es sich erhofft hatten. Sie blieb, mit behördlicher Genehmigung, in einem umgebauten Teil des alten Bunkers, jetzt mit Stromanschluss von oben und einem Fenster, das eigens für sie in den Fels gebrochen wurde — ihr erstes echtes Fenster mit Blick auf echtes Tageslicht, gefiltert durch einen Lichtschacht, den die Bergbaubehörde eigens genehmigt hatte. Timo Adler, der Junge, der als Erster zurückgezuckt war, brachte ihr jeden Sonntag Brötchen von oben mit und erzählte ihr, was sich draußen alles verändert hatte, seit ihre Großmutter zum letzten Mal Tageslicht gesehen hatte.
Markus Brenner selbst ging nie wieder ohne kurzes Innehalten an der zugemauerten Stelle vorbei, an der einst der Bohrer ins Leere gefallen war. Nicht aus Angst. Nur aus der Gewohnheit heraus, kurz die Hand an den Fels zu legen und zu prüfen, ob nicht wieder Luft von der anderen Seite kommt.
