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Das rote Erbe von Lena Brandt
Als Lena Brandt achtzehn wurde, stand sie vor dem Spiegel in ihrem Zimmer in Leipzig-Connewitz und zählte zum wahrscheinlich hundertsten Mal die Sommersprossen auf ihrer Nase. Draußen roch es nach nassem Asphalt, irgendwo unten in der Karl-Liebknecht-Straße bimmelte die Elf, und ihre Mutter Grit stand in der Tür mit einer Tasse Kräutertee, die sie nie trank, sondern nur festhielt, wenn sie reden wollte.
„Du könntest die Haare mal dunkler machen", sagte Grit. „Für das Vorsprechen. Wirkt seriöser."
Lena drehte sich nicht um. „Nein."
Das war die kürzeste Antwort, die sie ihrer Mutter je gegeben hatte, und sie meinte es genau so kurz.
Sie war Schauspielerin, noch keine berühmte, aber eine mit Verträgen, mit einem Namen, der langsam auf Besetzungslisten auftauchte, zuerst klein, dann größer. Und seit sie fünfzehn war, hatte man ihr gesagt, ihre roten Haare seien ein Problem. Zu auffällig. Zu speziell. Eine Regisseurin beim Schauspielstudio in Berlin hatte einmal offen gesagt: „Mit dieser Farbe kriegst du nur die schrulligen Nebenrollen." Lena hatte genickt, war nach Hause gefahren und hatte trotzdem nichts geändert.
Ihre Großmutter Ruth, die in einem Plattenbau in Halle-Neustadt lebte und noch dieselbe Haarfarbe hatte, nur längst ergraut, sagte immer: „Rote Haare bekommt man einmal im Leben geschenkt. Alles andere kann man sich kaufen."
Lena hatte diesen Satz nie vergessen. Vielleicht, weil ihre Großmutter ihn immer sagte, während sie Streuselkuchen aus dem Ofen holte, und der Duft von Zimt sich mit dem Satz vermischte, bis beides zusammengehörte.
Mit zweiundzwanzig bekam Lena die Rolle, auf die sie gewartet hatte, ohne es zu wissen: eine Nebenfigur in einer mehrteiligen Fernsehproduktion über eine Familie in den Neunzigerjahren, gedreht in einem alten Fabrikgebäude in Babelsberg. Die Regisseurin, eine Frau namens Carolin Weiss, sah sich das erste Casting-Video an und sagte nur einen Satz zur Produktionsleitung: „Die Haare bleiben, wie sie sind. Wir bauen die Figur drumherum."
Zum ersten Mal wurde Lenas rotes Haar nicht als Hindernis behandelt, sondern als Teil der Figur selbst. Sie bekam die Rolle der Mira, einer eigensinnigen Tochter, die mit ihrer Mutter über eine geerbte Änderungsschneiderei streitet. Die Parallele war Lena nicht sofort bewusst – bis Grit sie beim Drehbuchlesen am Küchentisch darauf hinwies, mit einem Lachen, das halb Vorwurf, halb Stolz war.
Die Dreharbeiten dauerten vier Monate. In dieser Zeit trug Lena für drei verschiedene Rückblenden-Szenen Perücken – eine blonde für eine Traumsequenz, eine schwarze kurze für einen Zeitsprung ins Jahr 1998. Jeden Abend, wenn die letzte Klappe fiel, nahm sie die Perücke ab, schüttelte ihr eigenes Haar aus und wusste genau, wo Mira aufhörte und Lena anfing. Das war der Punkt, den sie ihrer Managerin Bettina später zu erklären versuchte, als die vorschlug, für die Promotour vielleicht doch „etwas Neues auszuprobieren".
„Ich will nicht dauernd ich selbst neu erfinden müssen, um interessant zu bleiben", sagte Lena in Bettinas Büro am Potsdamer Platz, während draußen die Straßenbahn quietschend um die Kurve bog. „Ich will die eine Konstante sein, die sich nicht verändert, egal wie oft ich jemand anderes spiele."
Bettina, die genug Klienten mit Image-Beratern und Typveränderungen betreut hatte, um skeptisch zu sein, hörte trotzdem zu. Sie strich das Thema von der Liste.
Der eigentliche Bruch kam nicht wegen der Haare, sondern wegen etwas, das damit zusammenhing. Zwei Wochen vor Ausstrahlung der Serie rief ein Boulevardmagazin an und wollte ein Interview mit einem bestimmten Aufhänger: „Wie Lena Brandt sich für die Rolle völlig verändert hat." Der Redakteur, ein Mann namens Jonas Petri, hatte bereits eine Bildunterschrift im Kopf, bevor er überhaupt mit ihr gesprochen hatte. Bettina leitete die Anfrage weiter, halb im Scherz, halb, weil sie wusste, wie Lena reagieren würde.
Lena rief selbst zurück. Kein Ghostwriter, keine PR-Abteilung dazwischen.
„Ich habe mich für die Rolle nicht verändert", sagte sie ins Telefon, während sie am Fenster ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg stand und auf einen Baum blickte, dessen Blätter schon gelb wurden. „Ich habe eine Perücke getragen. Das ist ein Unterschied."
Jonas Petri, der offenbar eine andere Geschichte erwartet hatte, fragte nach: Ob sie nicht auch mal etwas riskieren wolle, mit dreiundzwanzig, jetzt, wo die Karriere anziehe. Tattoo, Ohrlöcher, eine neue Haarfarbe – irgendetwas.
„Ich habe keine Ohrlöcher, kein Tattoo, und meine Haare sind so, wie sie immer waren", antwortete Lena. „Das ist keine Verweigerung. Das ist die Entscheidung, ein unbeschriebenes Blatt zu bleiben. Damit ich mich für jede Rolle komplett verwandeln kann, ohne dass am Ende etwas von mir übrig bleibt, das ich nicht mehr zurücknehmen kann."
Der Artikel erschien trotzdem mit einer reißerischen Überschrift, die suggerierte, Lena habe sich „geweigert, erwachsen zu werden". Grit rief noch am selben Abend an, wütend, bereit, eine Gegendarstellung zu fordern.
„Lass es", sagte Lena. Sie saß auf dem Fensterbrett, die Füße auf der Heizung, ein Teller mit kalt gewordenen Kartoffeln neben sich. „Ich muss niemandem erklären, warum ich bleibe, wer ich bin."
Die Serie lief drei Wochen später an. Die Kritiken lobten besonders eine Szene: Mira, die vor dem Spiegel der geerbten Schneiderei steht, die Perücke der Rückblende bereits abgelegt, und zum ersten Mal mit ihrer eigenen, unveränderten Erscheinung ihrer Mutter gegenübertritt. Die Kamera hielt lange auf Lenas Gesicht, ungeschminkt bis auf ein wenig Rouge, das rote Haar im Gegenlicht der Fabrikhalle fast durchsichtig.
Ruth sah sich die Folge in Halle an, allein, mit einem Stück Streuselkuchen, das sie extra für den Abend gebacken hatte. Am nächsten Tag rief sie Lena an und sagte nichts über die schauspielerische Leistung. Sie sagte nur: „Du siehst aus wie ich mit zwanzig."
Lena lachte, zum ersten Mal seit Wochen richtig, nicht höflich. „Ich weiß, Oma. Deshalb behalte ich sie."
Zwei Jahre später, bei der Premiere der zweiten Staffel im Kino International auf der Karl-Marx-Allee, stand Lena auf dem roten Teppich, unifarbenes dunkelgrünes Kleid, keine Extensions, keine Ohrringe, weil sie keine Löcher hatte, in die man sie hätte hängen können. Ein Fotograf rief ihr zu, sie solle die Haare doch mal hochstecken für ein „anderes Bild". Lena schüttelte den Kopf, lächelte kurz, nicht gespielt, und ging weiter zum Eingang, wo Grit und Ruth bereits auf sie warteten, Ruth mit einer Tupperdose in der Handtasche, weil sie den Streuselkuchen mitgebracht hatte, auch ins Kino, auch diesmal.
