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Die Wurst für Waldemar
Der Kinderwagen verlor das Rad genau drei Meter vor dem Eingang der Kinderarztpraxis in der Leipziger Innenstadt. Das Hinterrad kippte zur Seite, rollte über den Gehweg und blieb an einem Mistkübel liegen, an dem jemand ein Pfandflaschenpaket abgestellt hatte.
Daniel fluchte so laut, dass eine Taube vom Sims der Apotheke aufflatterte. Er ließ den Griff des Wagens los, als hätte er sich verbrannt, und fuhr zu mir herum. Sein Gesicht war rot, die Stirn nass, obwohl es erst halb zehn am Vormittag war und der Oktoberwind vom Hauptbahnhof herüberzog.
„Immer musst du alles kaputt machen!“, schrie er.
Ich stand da, den Einjährigen auf der Hüfte, und spürte, wie Paul anfing zu weinen, weil sein Vater so brüllte. Ich wollte etwas sagen, aber in meinem Hals saß ein Kloß wie ein verschluckter Kirschkern. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich das Rad nicht abgeschraubt hatte? Dass er selbst vor drei Wochen auf dem Flohmarkt am Völkerschlachtdenkmal auf den Wagen bestanden hatte, obwohl ich einen neuen im Angebot bei einem Onlinehändler gefunden hatte?
Daniel kniete sich auf den Asphalt und drückte das Rad mit beiden Daumen auf die Achse. Es hielt nicht. Er drehte es um hundertachtzig Grad, versuchte es von der anderen Seite, fluchte noch einmal, und die junge Frau mit dem Coffee-to-go-Becher, die vorbeiging, beschleunigte ihren Schritt.
„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ein älterer Mann, der mit einem Brotbeutel vom Bäcker kam. Er hatte eine freundliche Stimme, so eine, die man in Wartezimmern hört, wenn jemand einem den Vortritt lässt.
„Ich komme allein klar“, zischte Daniel, ohne aufzusehen. Der Mann zuckte mit den Schultern und ging weiter, drehte sich aber an der Ampel noch einmal um.
Ich dachte an meine Mutter. Die hätte jetzt gesagt: „Der Junge hat zwei linke Hände, aber ein loses Mundwerk.“ Und sie hätte recht gehabt.
Daniel warf das Rad in den Sitz des Kinderwagens, klappte das Gestell zusammen und trug es die drei Stufen zum Praxiseingang hinauf, als hätte es ihn persönlich beleidigt. Ich folgte mit Paul, dessen kleines Gesicht rot und nass war. Mein Rücken schmerzte, weil ich ihn schon den ganzen Morgen trug. Der Wagen war ja schon vor der Haustür schwergängig gewesen; Daniel hatte nur gesagt, das bilde ich mir ein.
Im Wartezimmer der Kinderärztin roch es nach Desinfektionsmittel und nasser Wolle. Auf dem Tisch vor dem Aquarium lag ein Stapel abgegriffener Zeitschriften, und an der Wand hing ein Poster mit einem lächelnden Fisch. Paul streckte die Hand danach aus, und ich setzte mich auf den letzten freien Stuhl neben einem Mädchen mit Zöpfen, das mit den Füßen gegen den Stuhl vor ihr kickte.
Daniel lehnte am Fenster und starrte auf sein Telefon, als wäre es ein Fenster in ein besseres Leben.
„Wir hätten früher losfahren sollen“, sagte ich leise. Ich wollte keinen Streit, nicht hier, nicht vor all den Leuten. „Ich hab’s dir gestern gesagt. Um acht wäre es leer gewesen.“
„Und was hätte das gebracht? Der Wagen wäre trotzdem auseinandergefallen.“
„Der Wagen ist auseinandergefallen, weil du…“
Er sah mich an, und ich schluckte den Satz hinunter. Nicht jetzt.
Die Sprechstundenhilfe rief einen Namen auf, und eine Frau mit einem schreienden Säugling auf dem Arm stand hastig auf. Paul drehte den Kopf zu dem Geräusch, und ich wiegte ihn sachte hin und her, bis er wieder still war.
Nach zwei Stunden waren wir draußen. Die Luft tat gut, auch wenn Daniel neben mir ging wie eine offene Rechnung. Er rauchte eine Zigarette, trat sie am Mülleimer aus, zündete sich fünf Minuten später die nächste an. Paul schlief, sein Gesicht an meinem Hals, seine kleine Faust in meinen Haaren.
„Kannst du den Wagen nicht tragen?“, bat ich, als wir auf die Haltestelle zugingen. „Paul wird mir langsam schwer.“
„Chantal, ich hab keine dritte Hand. Du wolltest doch immer alles alleine schaffen. Jetzt schaffst du’s doch auch.“
Ich biss mir auf die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte. Es stimmte ja nicht, dass ich alles alleine schaffen wollte. Ich wollte nur nicht bei jedem Handgriff hören, was er alles für mich opfere – seinen Samstag, seine Nerven, sein Bier, das zu Hause im Kühlschrank warm wurde. Dabei hatte ich ihm nie etwas weggenommen. Er gab von sich aus nichts her.
Die Straßenbahn kam, die Linie 16 nach Markkleeberg. Daniel stieg zuerst ein, setzte sich auf den Fensterplatz und legte die zusammengeklappte Karre quer über die Sitzreihe neben sich. Ich stand im Gang, hielt Paul mit dem linken Arm und mit der rechten Hand den Haltegriff. Die Bahn ruckelte an, ich musste einen Ausfallschritt machen, um nicht zu stolpern, und Paul wachte auf und begann zu quengeln.
„Junger Mann“, sagte eine alte Frau mit einem Einkaufstrolley, „wollen Sie Ihrer Frau nicht den Platz anbieten? Die arme Frau trägt das Kind und bleibt fast auf der Nase.“
Daniel blickte nicht einmal von seinem Display auf. „Ich halt doch den Kinderwagen. Wollen Sie mir jetzt auch noch erklären, wie ich mein Leben zu leben hab?“
Die Frau presste die Lippen zusammen und wandte sich zum Fenster. Ihre Hände, auf dem Griff des Trolleys gefaltet, waren blau geädert und ruhig, aber ich sah, dass ihr Unterkiefer arbeitete. Sie schwieg für mich. Das berührte mich mehr, als es sollte.
„Setzen Sie sich“, sagte plötzlich jemand neben mir. Es war der Mann mit dem Brotbeutel von vorhin. Er stand auf und wies mit einer kleinen Kopfbewegung auf seinen Platz. Sein Mantel roch nach Tabak und Kastanien, und er hatte helle Augen, die einen nicht musterten, sondern einfach nur freundlich waren.
„Ich muss ja gleich raus“, sagte ich.
„Dann setzen Sie sich erst recht. Die Bahn bremst scharf, das weiß man hier.“
In dem Moment tat sie es. Ich verlor das Gleichgewicht und wäre gegen den Haltegriff gekracht, hätte er mich nicht am Ellbogen abgefangen.
Ich setzte mich, Paul auf dem Schoß, und atmete zum ersten Mal seit Stunden tief durch. Meine Beine brannten. Der Mann blieb am Fenster stehen, und ich sah, wie Daniel ihn anstarrte, als hätte der ihm etwas gestohlen. Er schrieb sicher schon in Gedanken eine Liste von Vorwürfen, die ich mir gleich anhören durfte.
An der Haltestelle am Connewitzer Kreuz stand ich auf. Der Mann reichte mir die Hand, damit ich sicher aussteigen konnte, und ich nahm sie. Er war kein Fremder mehr, nicht nach dieser Viertelstunde.
„Danke“, sagte ich. „Für alles.“
„Ach, Quatsch.“ Er grinste. „Ist doch normal, aufeinander aufzupassen.“
Er kramte in seiner Manteltasche, zog eine kleine Karte heraus und drückte sie mir in die Hand. „Falls doch mal was ist. Mit dem Wagen. Ich mach Ihnen einen guten Preis.“
Ich sah auf die Karte, und ich musste lachen, mitten auf dem Bahnsteig, während Daniel neben mir eine Zigarette ansteckte und tat, als ginge ihn das alles nichts an. Auf der Karte stand in schwarzen Lettern: Daniel Krüger, mobile Fahrrad- und Kinderwagenwerkstatt.
Kruse hieß er mit Nachnamen. Daniel Krüger war der, mit dem ich verheiratet war.
Wir waren ein seltsames Paar auf dem Weg nach Hause: vorneweg mein Mann, der die zerlegte Karre trug wie ein Strafinstrument, dahinter ich mit Paul und der Visitenkarte, die ich immer noch in der Faust hielt. Das Papier war warm vom Handschuh des Mannes.
„Warum hast du mir nicht geholfen?“, fragte ich, als er an der Fußgängerampel stehen blieb.
„Wobei? Hast du dir doch längst helfen lassen. Von wem, sieht man ja.“
„Er hat mir nur einen Platz angeboten.“
„Er hat dich umarmt, Chantal. Mitten in der Bahn. Vor allen Leuten. Wir sind hier nicht auf einem Kindergeburtstag.“
„Er hat mich aufgefangen, weil du mir deinen Platz nicht gegeben hast.“
Daniel schnaubte, warf die Kippe auf den Boden, trat sie aus und ging los, ohne dass die Ampel grün geworden war. Ein Radfahrer klingelte, wich aus, schrie etwas, das die Windböen verschluckten.
Ich kam mir vor wie eine Figur in einer dieser Reportagen, die man nachts sieht, wenn man nicht schlafen kann: eine Frau, die mit einem Kind auf dem Arm hinter einem Mann herläuft, der nicht zurückschaut. Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Nicht mit einem Palast und Rosenblättern, nur mit jemandem, der abends sagt: „Gib her, ich nehm den Kleinen, ruh dich aus.“ Aber Daniel sagte das nicht. Er hatte es, glaube ich, nie gesagt.
An der Ecke Brunnenstraße trennten sich unsere Wege. Ich bog zum Edeka ab, weil der Kühlschrank leer war. Daniel sagte, er gehe heim. Ich wusste, dass „heim“ in seiner Sprache „Kneipe an der Ecke“ bedeutete.
Ich kaufte Brot, Milch, ein püriertes Gläschen für Paul und eine Packung Wurst für Daniel, weil er sich ohne Fleisch auf dem Brot beschwerte. An der Kasse zahlte ich mit der Karte, elfeinundachtzig Euro, und dachte daran, dass ich diese Wurst nicht mehr nötig haben würde, wenn es so weiterging.
Als ich aus dem Supermarkt trat, stand er an der Litfaßsäule, in der Hand eine Bierflasche, zwischen den Zähnen eine Zigarette. Er grinste.
„Na, Prinzessin? Zufrieden mit deinem Tag?“
„Daniel, bitte. Mir ist kalt. Lass uns heimgehen.“
„Ich dachte, du kommst ohne mich so gut klar. Du hast ja jetzt neue Freunde. Alte Männer, die dir Kärtchen geben.“
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, und hasste mich dafür, dass er das mitbekam.
„Hör auf“, sagte ich, und meine Stimme war leiser, als ich wollte.
„Ich soll was? Hör mal, wer hier…“
Er hob die Hand. Nicht hoch, nicht theatralisch, nur so, wie man es tut, wenn man zeigen will, wo oben ist. Aber ich kannte diese Bewegung. Mein Körper kannte sie am besten. Er zog die Luft zwischen die Zähne, und ich duckte mich, zog Paul an mich, als könnte mein eigener Rücken ihn schützen.
Dann hörte ich es. Ein tiefes, langes Brummen, so nah, dass ich dachte, es käme aus Daniels Brust. Aber es war nicht Daniel.
Die Hündin stand drei Schritte neben ihm. Klein, braun, die Rute steif nach oben, die Nackenhaare aufgestellt wie eine Binde aus schwarzem Fell. Sie hatte hellbraune Flecken über den Augen, die aussahen wie ein zweites, ernsteres Gesicht.
Daniel erstarrte mitten in der Bewegung, die Hand noch halb erhoben.
„Die hat wohl ’nen Vogel“, murmelte er, aber er senkte die Hand um Zentimeter.
Die Hündin knurrte weiter. Es klang nicht gefährlich, nur endgültig, wie ein Nein, das man an einer Tür gehört hatte, hinter die man nicht mehr durfte.
„Geh“, sagte ich. Ich wusste in dem Moment, dass ich nicht mit ihm nach Hause gehen würde. Nicht mehr an diesem Abend, nicht mehr so, wie bisher.
Er lachte auf. „Ich soll gehen? Hast du noch alle Tassen im Schrank?“
Die Hündin machte einen Schritt auf ihn zu. Nur einen. Aber er war genug.
Daniel hob die Bierflasche, als wollte er sie werfen, ließ sie dann aber sinken. Er drehte sich um, warf einen letzten Blick über die Schulter, spuckte auf den Asphalt und ging die Straße hinunter. Die Silhouette an der Straßenlaterne wurde kleiner, bis sie hinter der Kurve verschwand.
Ich setzte mich auf die Bank an der Haltestelle. Paul lachte, als die Hündin sich neben mich setzte und ihm mit der Nase gegen den Stiefel stupste. Er streckte seine pummeligen Finger aus und die Hündin leckte sie vorsichtig ab, als wüsste sie, dass es nicht mehr als das vertrug.
„Braves Tierchen“, sagte ich und spürte, wie mein Herz sich beruhigte, so langsam, als steige Wasser in einem Glas. Aus der Einkaufstüte zog ich die Wurst, trennte die Folie auf und gab der Hündin ein großes Stück. Sie nahm es sanft, fast formvollendet, und legte sich dann zu meinen Füßen, als hätte sie den ganzen Tag auf genau diese Bank gewartet.
„Die gehört niemandem mehr“, sagte eine Stimme neben mir. Ich drehte mich um. Es war die Frau aus der Straßenbahn, die alte Frau mit dem Trolley. Sie saß auf der Bank auf der anderen Seite des Weges, und mir wurde klar, dass sie dort schon eine Weile saß, eingehüllt in einen dicken Schal, einen Tee aus der Thermoskanne in der Hand.
„Sonst noch was“, sagte sie. „Der Besitzer hat sie rausgeschmissen. Wörtlich. Drei Wochen ist das her. Seitdem hängt sie hier rum wie eine verlorene Socke.“
„Einfach so ausgesetzt?“
„Einfach so. Der Mann hat sich am Sonnabend die ganze Flasche in den Kopf gestellt und das Tier als Letztes mit dem Fuß bedacht. Seitdem traut sie keinem Mann mehr, der die Hand hebt.“
Ich sah auf die Hündin, die den Kopf auf meine Füße gelegt hatte und leise atmete. Paul gluckste zufrieden. Es war das friedlichste Bild seit Monaten.
„Ich nehme sie mit“, sagte ich.
Die alte Frau nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Und was ist mit dem, der ihr gehört?“
„Der kommt nicht wieder.“
Sie sah mich an, lange und prüfend, und dann lächelte sie. „Zwei Karten gewonnen, das Tier und die Ruhe. Manche Leute werfen das Falsche weg.“
Sie half mir, den Kinderwagen die Stufen vor meiner Haustür hinaufzutragen. Ich gab ihr die Wurst, weil ich sie nicht mehr brauchte. Sie stopfte sie in ihren Trolley, zu den Milchkartons und Semmeln, und winkte mir, als sie um die Ecke bog.
In der Wohnung war es still. So still, wie die letzten Wochen nie gewesen waren. Ich zog Paul die Schuhe aus, setzte ihn in die Lauflernhilfe, die meine Schwester uns geliehen hatte, und stellte die Einkäufe auf den Tisch. Die Hündin legte sich zwischen Küche und Flur, den Kopf auf den Pfoten, und beobachtete Paul, als wäre er eine Aufgabe, die man nicht aus den Augen lassen darf.
Ich ging ins Schlafzimmer. Aus dem Schrank oben holte ich den großen Reisekoffer, den ich einmal für eine Reise an die Ostsee gekauft hatte, die nie stattfand. Ich öffnete Daniels Schrankseite.
Ich faltete die Hemden, die er seit Monaten nicht getragen hatte. Ich nahm die Socken, die einzeln lagen, die Jeans, die er immer bei der Arbeit anhatte. Ich packte seine Sachen, methodisch, ohne Hast, wie man einen Karton für einen Umzug packt, der längst beschlossen ist. Dreiundzwanzig Hemden, ein Paar Schuhe, die Aktenordner mit den Versicherungsunterlagen, die er nie angefasst hatte. Es passte alles in den Koffer, und es machte kein Geräusch.
Dann stellte ich den Koffer in den Flur, neben die Tür, so, dass er ihn nicht übersehen konnte.
Er kam um kurz nach elf. Ich hörte seine Schritte im Treppenhaus, dieses schwere, leicht schlurfende Gehen, das er nach fünf Bier an sich hatte. Der Schlüssel drehte sich nicht. Ich hatte den Schließzylinder wechseln lassen, vor sieben Wochen, weil der alte klemmte, und ihm den neuen nie gegeben.
Es klingelte.
Ich öffnete die Tür einen Spalt, so weit, dass die Kette es zuließ. Die Hündin stand hinter mir, kein Laut, nur dieser feste Blick.
„Was soll das?“, lallte Daniel. „Hast du einen Stern?“
„Deine Sachen sind hier. Im Koffer.“ Ich schob den Koffer mit dem Fuß über die Türschwelle. „Die Wohnung gehört mir. Schon vor der Ehe. Ich hab den Vertrag hier, falls du ihn brauchst.“
„Du spinnst! Du kannst mich nicht einfach raus…“
Die Hündin trat neben mich. Ihr Kopf erschien im Türspalt, der helle Augenstrich über den Augen, der Ernst, den sie von der Straße mitgebracht hatte.
Daniel trat einen Schritt zurück. Er war nicht groß, an diesem Abend im Treppenlicht, nicht der Mann, vor dem ich mich geduckt hatte.
„Du wirst schon sehen, was du davon hast“, sagte er, aber seine Stimme war dünn. Er bückte sich nach dem Koffer, und als er ihn den ersten Absatz hinuntertrug, hörte ich ihn noch einmal: „Allein findest du nie wieder so einen wie mich.“
Ich schloss die Tür, drehte den Schlüssel, ließ die Kette einrasten. Die Hündin beschnupperte die Schwelle, als kontrolliere sie, ob alles richtig verschlossen war.
Ich setzte mich auf den Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, Paul schlief endlich, seine Atemzüge ruhig aus dem Kinderzimmer. Die Hündin legte sich neben mich, den Kopf auf meinen Schenkel, schwer und warm.
Ich dachte an die Zahl, die ich in der Ehe nie laut ausgesprochen hatte: dreiundachtzig Tage seit dem letzten Mal, dass er mir geholfen hatte. Ich hatte sie nicht gezählt, aber mein Rücken kannte sie.
Aus der Küchentasche nahm ich die Visitenkarte und betrachtete sie im Flurlicht. „Daniel Krüger, mobile Fahrrad- und Kinderwagenwerkstatt.“ Sein Vorname war ein Zufall, über den ich später noch nachdenken würde.
Ich griff zum Telefon und legte die Karte neben die Ladestation, an den Platz, wo früher die Fernbedienung lag, die Daniel immer verlegt hatte.
Ich wählte die Nummer nicht. Noch nicht. Aber die Karte lag bereit.
Draußen heulte der Wind an der Hauswand, und in der Wohnung war es still wie in einem Zimmer, das man zum ersten Mal seit Jahren wieder lüftet.
