З життя
Werkstatt in der Dieselstraße
Ich heiße Bernd Kessler, sechzig Jahre alt, seit einundvierzig Jahren KFZ-Meister in Wuppertal. Meine Schwiegertochter Sabine würde sagen, ich erzähle das jetzt nur, weil ich verloren habe. Vielleicht stimmt das sogar.
Mein Sohn Torsten hat vor drei Jahren geheiratet, in der evangelischen Kirche in Barmen, ich hab noch die Rechnung vom Blumenladen im Kopf, dreihundertzwanzig Euro für Rosen, die am nächsten Tag schon hingen. Danach kam er kaum noch. Erst noch zu Weihnachten, dann nur noch zum Geburtstag, jetzt reicht eine Nachricht mit einem Herz-Emoji als Gruß.
Ich hab die Werkstatt 1996 übernommen, von meinem Vater, drei Hebebühnen, eine Meisterprüfung, ein Leben lang Ölgeruch unter den Fingernägeln, den man mit keiner Seife wegkriegt. Vor zwei Jahren, als meine Knie kaputt waren und ich zwei Monate nicht unter ein Auto konnte, hat Torsten übernommen. Hat er gut gemacht. Rechnungen sortiert, mit dem Steuerberater telefoniert, den alten Kompressor reparieren lassen, ohne mich vorher zu fragen — richtig so.
Ich dachte, dann gehört ihm das auch mal. Hab beim Notar in der Friedrich-Engels-Allee einen Termin gemacht, wollte die Werkstatt zu Lebzeiten übertragen, mit Wohnrecht für mich und meine Frau Renate über der Werkstatt, wo wir seit 1989 wohnen. Zweihunderttausend Euro Substanzwert, hat der Steuerberater geschätzt. Elf Jahre hab ich mit Renate über diese Wohnung gestritten, ob wir sie mal renovieren, jetzt ist es egal, sie bleibt wie sie ist.
Sabine hat davon gehört. Nicht von mir — Torsten muss es ihr erzählt haben, abends, beim Essen wahrscheinlich, so wie man solche Dinge erzählt, ohne zu ahnen, was daraus wird.
Zwei Wochen später ruft mich Renate an, ich war grad unter einem Golf, Ölwechsel, und sagt, Sabine hätte angerufen. Sabine hat gesagt, die Werkstatt solle auf beide laufen, sie und Torsten, hälftig, sonst — ihre Worte — "reden wir noch mal über den Wert der Familie füreinander." Ich hab den Ölfilter fallen lassen. Der Filter, nicht ich.
Ich will nicht behaupten, Sabine sei ein schlechter Mensch. Sie ist Erzieherin im Kindergarten an der Gathe, verdient nicht viel, hat einen Kredit für ihr Auto, einen Škoda Fabia, den sie sich allein nicht hätte leisten können. Vielleicht hat sie Angst, dass ihr Mann eine Werkstatt erbt, in der sie am Ende nichts zu sagen hat. Ich versteh das sogar. Aber ich hab nicht vorgehabt, mit ihr zu verhandeln. Die Werkstatt war meines Vaters, dann meine, und ich hatte entschieden, wie ich sie weitergebe.
Torsten hat sich in dieser Zeit gemeldet, zweimal, kurze Nachrichten. Einmal, ob wir am Sonntag zum Kaffee kommen wollen — zu ihnen, nicht umgekehrt, was neu war. Wir sind hingefahren, nach Ronsdorf, in ihre Dreizimmerwohnung mit dem Balkon zur Straße. Sabine hat Kuchen gebacken, Streuselkuchen, stand eine Stunde in der Küche und kam kaum raus. Torsten hat die ganze Zeit über den neuen Motor bei einem Kundenwagen geredet, ein Passat mit Turboschaden, als wäre nichts.
Erst als wir gehen wollten, an der Tür, hat Sabine gesagt: "Bernd, ich hoffe, du verstehst das nicht falsch. Ich will nur, dass Torsten abgesichert ist, wenn — falls — irgendwann was ist." Ich hab gefragt, was denn sein sollte. Sie hat nicht geantwortet, nur die Kuchendose in die Hand gedrückt, für uns zum Mitnehmen, als wäre das eine Antwort.
Ich bin zwei Wochen nicht zu Torsten gefahren. Renate meinte, ich soll reden, nicht schweigen, sie kennt mich, ich schließ mich sonst zu Hause ein und mach die Werkstatt vier Tage allein, mit den Knien, die das nicht mehr wollen. Sie hatte recht, wie fast immer.
Ich hab Torsten angerufen, nicht Sabine, ihn, direkt, am Dienstagabend, als er allein zu Hause war, weil Sabine noch beim Elternabend im Kindergarten war. Ich hab ihm gesagt, was ich vorhatte, ganz genau: Wohnrecht für Renate und mich, Übertragung der Werkstatt an ihn, nicht an Sabine, weil sie nie einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte und das auch nicht muss, aber die Werkstatt ist kein gemeinsames Konto, sondern ein Betrieb mit Kundenstamm, Konzession und vierzehn Stammkunden, die seit dreißig Jahren zu uns kommen, weil sie meinem Vater vertraut haben und jetzt mir.
Er hat lange nichts gesagt. Dann: "Papa, sie hat nur Angst." Ich hab gesagt, Angst ist kein Grund, mir Bedingungen zu stellen über meinen eigenen Betrieb. Er hat gesagt, ich soll verstehen, dass sie sich in der Familie nicht sicher fühlt, dass sie das Gefühl hat, wir würden sie nie richtig dazugehören lassen. Das hat mich getroffen, ehrlich. Ich hatte nie was gegen Sabine. Ich hatte was gegen die Art, wie sie über den Wert der Familie geredet hat, als wäre Zuneigung eine Verhandlungssache.
Ich hab ihm gesagt: gut, dann warten wir. Ich hab den Notartermin abgesagt.
Drei Monate ist nichts passiert. Kein Anruf außer den üblichen Herz-Emojis. Dann, im Mai, an einem Samstag, stand Torsten plötzlich in der Werkstatt, ohne Ankündigung, in Arbeitsklamotten, hat sich unter den Golf gelegt, an dem ich grad arbeitete, und einfach mitgemacht, wie früher, als er sechzehn war und ich ihm das Schrauben beigebracht hab. Er hat gesagt: "Sabine und ich haben geredet. Sie hat gemerkt, dass sie das falsch angegangen ist. Sie will sich bei dir entschuldigen." Ich hab gefragt, warum sie nicht selbst kommt. Er hat gesagt, sie schämt sich.
Sabine kam eine Woche später, allein, samstags, während Renate Kaffee gemacht hat. Sie hat sich nicht entschuldigt mit vielen Worten, das war nicht ihre Art, sondern hat gesagt, sie hätte verstanden, dass Zugehörigkeit man sich nicht erkauft, indem man Bedingungen stellt, sondern indem man einfach da ist. Sie hat vorgeschlagen, dass sie und Torsten jetzt öfter zum Sonntagsessen kommen, ohne Anlass, einfach so.
Ich hab trotzdem nicht sofort wieder zum Notar gemusst. Ich hab acht Wochen gewartet, beobachtet, ob es bei den Worten bleibt. Torsten kam jeden zweiten Sonntag, Sabine meistens mit, half beim Abwasch, hat mit Renate über den Kindergarten geredet, ganz normal, ohne dass irgendwer über Papiere sprach.
Im August bin ich dann zum Notar in der Friedrich-Engels-Allee gefahren, mit Torsten, ohne Sabine. Ich hab die Werkstatt auf seinen Namen übertragen, mit Wohnrecht für Renate und mich, so wie ursprünglich geplant, keine Hälfte für Sabine, das hab ich klar gesagt und dabei ist es geblieben. Torsten hat das akzeptiert, ohne zu diskutieren. Er wusste, warum.
Was Sabine bekommen hat, war etwas anderes: einen Schlüssel zur Werkstatt, den ich ihr selbst gegeben hab, an einem Sonntag im September, vor allen, am Küchentisch. Nicht weil sie ihn für den Betrieb braucht, sondern weil ein Schlüssel bedeutet, du kommst hier rein, wann du willst, ohne zu klingeln. Sie hat den Schlüssel in die Hand genommen, ihn zweimal umgedreht, und nichts gesagt. Renate hat noch Kaffee nachgeschenkt, und der Streuselkuchen, den Sabine diesmal mitgebracht hat, war schon zur Hälfte weg, bevor irgendjemand am Tisch überhaupt gefragt hat, wie er schmeckt.
